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Nachricht vom 24.02.2021    

Gesunde Natur gleich gesunder Mensch

Oft scheint es als hätten wir vergessen, dass wir Menschen Teil der Natur sind und nicht etwas, was außerhalb oder gar erhaben ist. Naturschutz bedeutet gleichzeitig auch Schutz der Menschen.

Juliane Klein. Foto: privat

Montabaur. Wir sind auf eine intakte Natur angewiesen. Die Natur dagegen nicht unbedingt auf uns. Sie wird sich immer von alleine regenerieren, wenn man sie ganz in Ruhe lässt. Dieses Wissen sollte immer unser Handeln begleiten. Paradox, dass das Einzige wovor wir unsere Natur schützen müssen, unsere eigene Spezies ist.

Beschäftigen wir uns auf der einen Seite mit den zahlreichen sogenannten Zivilisationskrankheiten und auf der anderen Seite mit dem Zustand unserer Natur und unserem naturfernen, oftmals stressigen Lebensstil, so ist ein Zusammenhang recht offensichtlich. Wenn nicht jetzt ein Umdenken stattfindet, wann dann? Naturerleben in weitgehend intakter Natur beeinflusst das psychische, physische und soziale Wohlbefinden der Menschen. Es spielt eine wesentliche Rolle im Leben von Kindern ebenso wie von Erwachsenen jeden Alters.

Der Mensch braucht neben anderen wichtigen Faktoren, wie gute naturbelassene Lebensmittel, ausreichende Bewegung und ein soziales Umfeld, auch die intakte Natur, um ein gutes Leben bei stabiler Gesundheit zu führen. Wer sich hiermit befasst, kommt an einem Teilbereich der Biologie nicht vorbei: Der Epigenetik. Sie beschäftigt sich mit Veränderungen der Gene, welche zusätzlich zur Vererbung ablaufen. Diese Veränderungen der Gene sind meist durch spezifische äußerliche Einflüsse begründet.

Immer mehr Böden werden versiegelt. Immer mehr intakte Ökosysteme werden weltweit unwiederbringlich zerstört um zum Beispiel neue Straßen zu bauen, Industrie- und Wohngebiete entstehen zu lassen und auf riesigen Flächen gewinnbringende Monokulturen anzubauen. Auch der große Rohstoffbedarf führt zur Degradierung oder vollständigen Zerstörung von naturnahen Lebensräumen.

Naturzerstörung und Umweltverschmutzung wirken sich negativ auf die Gesundheit aller Lebewesen aus: Die Luft ist in Städten von Abgasen belastet, das Trinkwasser enthält Chemikalien, die Böden sind ausgelaugt und vergiftet. Versiegelte Beton- und Asphaltflächen sowie nackte Fassaden heizen sich auf und erwärmen die Luft zusätzlich. Dieser Effekt strahlt auch ins Umland aus.

Die niederschlagsarmen Sommer in 2018 und 2019 haben in Wäldern (vorwiegend in Fichtenbeständen) zu großflächigen Trockenschäden und in der Folge zu Borkenkäferbefall und Absterben der Bäume geführt. „Die Gründe für diese Entwicklung werden allzu schnell allein mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht. Doch die zurückliegenden Dürrejahre konnten ihre verheerende Wirkung nur entfalten, aufgrund einer jahrzehntelang auf Nadelholz fixierten, falschen und nicht nachhaltigen Forstwirtschaft“, so Norbert Panek und Dr. Martin Flade, Buchenwaldexperten und Sprecher des Wissenschaftlichen Beirates der Naturschutzinitiative e.V. (NI). Ein Umdenken hin zu einer ökologischen Waldwende, wie sie die NI fordert, wäre hier eine angebrachte Wiedergutmachung der jahrzehntelangen Ausbeutung der Wälder durch überwiegend wirtschaftliche Interessen.

Von intakten Waldökosystemen profitieren die Artenvielfalt, der Wasserhaushalt, die Qualität der Böden und der Luft und nicht zuletzt auch der Mensch. Unsere Verbundenheit mit dem Wald und den Bäumen hat tiefe evolutionäre Wurzeln.

Im Kontext der Naturtherapie greift Clemens G. Arvay (Biologe und Autor mit dem Schwerpunkt Gesundheitsökologie) das Konzept der Ökopsychosomatik auf. Er vertritt eine Praxis der Gesundheitsförderung als „Heilung aus dem Wald“, die sich vor allem auf die gesundheitsschützenden Wirkungen von Naturkontakt und Naturerfahrung auf das Immunsystem, das Herzkreislaufsystem, das endokrine System und die neurovegetative Stressachse im Sinne einer physiologischen Ausbalancierung körpereigener Prozesse bezieht. Arvay betrachtet ökopsychosomatische Interventionen dabei als vorbeugende Maßnahmen (in Bezug auf den Lebensstil) sowie als therapiebegleitende Maßnahmen (im Sinne einer Komplementärmedizin).

Der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson stellte schon 1984 die Biophilia-Hypothese auf: Die emotionale Verbindung zur Natur ist dem Menschen angeboren – also Teil seiner genetischen Ausstattung. Die „Biophilie“, die Liebe des Menschen zur Natur und sein Bedürfnis die Natur zu erleben, hat der Mensch laut Wilson im Laufe seines Evolutionsprozesses erworben. Der Grund dafür liegt darin, dass Menschen, die ihre natürliche Umgebung aufmerksam beobachteten, einen größeren Überlebensvorteil hatten, da sie sich so besser an die Umwelt anpassen konnten.



Ein Aufenthalt im Wald reduziert Stress, verbessert die Stimmung, entlastet die Atemwege. Wissenschaftler erklären es mit der Interaktion zwischen Menschen und Natur. Waldspaziergänge schützen auch unser Herz-Kreislauf-System. Sind wir im Grünen, schüttet unser Körper vermehrt Hormone aus, die in der Nebennierenrinde gebildet werden und unser Herz und unsere Gefäße stärken. In einer Studie mit 280 Teilnehmern schickte man die Hälfte für einige Stunden in den Wald und die andere Hälfte in die Stadt. Anschließend wurden beide Gruppen untersucht und was stellte man fest? Die Waldmenschen erfreuten sich im Gegensatz zu den Stadtmenschen eines auffallend niedrigen Blutdrucks, eines niedrigen Stresshormonspiegels und eines niedrigen Pulses.

Für diese Wirkung gibt es eine Erklärung:
Pflanzen kommunizieren direkt mit unserem Immunsystem und unserem Unbewussten, ohne dass wir sie auch nur berühren müssen, geschweige denn schlucken. Diese faszinierende Interaktion zwischen Menschen und Pflanze, welche die Wissenschaft erst allmählich zu verstehen beginnt, ist von großer Bedeutung für Medizin und Psychotherapie. Sie hält uns körperlich sowie psychisch gesund und beugt Krankheiten vor.

Pflanzen bilden auch Allianzen und kommunizieren untereinander
Pflanzen stellen bestimmte Stoffe her – sogenannte Phytonzide, mit deren Hilfe sie sich selbst vor Bakterien und Insekten schützten. Diese Phytonzide geben sie an die Luft ab. Wenn Menschen in der Natur und insbesondere im Wald spazieren gehen und diese Phytonzide einatmeten, dann führt das zu einer deutlichen Vermehrung der natürlichen Killerzellen (NK-Zellen) im Körper. Phytonzide wirken zwar ähnlich wie Antibiotika, töten jedoch nicht wahllos, sondern wirken eher regulierend.

Das Zentrum für Medizin Nippon hat 2004 eine Studie in die Wege geleitet, mit der die physiologischen Effekte des Waldbadens näher erforscht werden sollten. Die Resultate dieser Untersuchung: Spazierengehen im Wald fördere sowohl die Entstehung von drei verschiedenen Anti-Krebs-Proteinen als auch die Bildung ungewöhnlich hoher Mengen natürlicher Killerzellen, die ebenfalls dafür bekannt sind, Krebszellen aufzuspüren und diese zu attackieren.

Wer nur einen Tag im Wald verbringt, hat immerhin sieben Tage lang mehr natürliche Killerzellen im Blut als üblicherweise (durchschnittlich fast 40 Prozent mehr), auch ohne in dieser Zeit nochmals in den Wald zugehen. Nach einem kleinen Urlaub von zwei bis drei Tagen in einem Waldgebiet bleibt die Anzahl der natürlichen Killerzellen sogar noch dreißig Tage lang erhöht und das nur durch die reine Anwesenheit im Wald. Wir müssen uns auch nicht sportlich betätigen, nur atmen! Die Kommunikation mit den Bäumen läuft dann auch ohne unser bewusstes Zutun ab.

Der Medizinprofessor Qing Li von der Nippon Medical School in Tokyo konnte gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern nachweisen, dass in bewaldeten Gebieten weniger Menschen an Krebs sterben als in Regionen ohne Wald.

Wer die Luft in einem Wald einatmet, atmet einen Cocktail aus bioaktiven Substanzen ein, die von den Pflanzen an die Waldluft abgegeben werden. Darunter befinden sich auch Terpene, die häufigste anzutreffende molekulare Grundstruktur der Phytonzide. Sie werden teils über die Haut, vor allem aber über die Lungen aufgenommen. Die Terpene aus der Luft stammen aus Blättern und Nadeln der Bäume. Sie strömen aus den Baumstämmen und aus der dicken Borke mancher Bäume, aus Büschen, Kräutern, Sträuchern, Pilze, Moose und Farne. Sogar die Streuschicht aus Laub und die darunter liegende modrige Humusschicht geben Terpene ab.

Im Wald begegnet man natürlich nicht nur den Phytonziden, die ja eher unbewusst aufgenommen werden. Die Wirkung des satten Grüns, der Geruch der Bäume, Blumen und Kräuter, das Rascheln des Laubes, das Singen der Vögel und Plätschern des Baches, das Licht- und Schattenspiel der Sonne… alles das hat eine positive Wirkung auf das Wohlbefinden und die Gesundheit des Menschen. Allein das Anschauen eines Waldes führt zur Senkung des Stresshormonpegels.

Naturschutz, Landschaftsschutz und Artenschutz, auch der „Art Mensch“ - Es ist unsere dringlichste Aufgabe die wundervolle Schöpfung zu bewahren. Zum Vorteil von allen und allem. (Juliane Klein: www.juliane-klein-gesundheit.de)


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