Werbung

Nachricht vom 20.12.2020    

Auf den Spuren jüdischen Lebens in Wirges

„Sie sollen nicht vergessen sein“, dachte sich Cosimo Jankowitsch vom Vorstand des SPD-Ortsvereins und setzte eine umfangreiche Recherche über das Schicksal jüdischer Menschen in Wirges in Gang.

Cosimo Jankowitsch, Vorstandsmitglied und Schriftführer SPD-Ortsverein Wirges. Foto: privat

Wirges. Durch die Lektüre von Büchern, die von Dr. Uli Jungbluth und Joachim Jösch geschrieben wurden, stieß Jankowitsch auf die Geschichte der Familie Isselbächer aus Wirges, die schon kurz nach der Machtergreifung nachts aus ihrem Haus getrieben, misshandelt und verspottet und ihr Geschäft ruiniert wurde. Ihnen gelang aber noch rechtzeitig im gleichen Jahr die Flucht in die USA.

„Doch war es die einzige jüdische Familie in Wirges?“ fragte sich der SPD-Politiker. In den Melderegistern von Wirges taucht 1920 der Name Ludwig Hermann auf, der in Quirnbach geboren wurde, wo die Familie schon seit über einem Jahrhundert lebte. Von Beruf war er Metzger. Er war Jude. Warum er nach Wirges zog, war nicht genau zu ermitteln, vermutlich aber wegen einer jungen Frau Minni Walli Essalinek, die evangelisch getauft war. Die beiden bekommen einen Sohn namens Manfred Hans Hermann, der ebenfalls evangelisch getauft wurde.

Da das Melderegister lückenhaft ist, lässt sich nur ermitteln, dass Manfred Hans Hermann wieder in Wirges in der Grenzstr.6, der heutigen Martin-Luther-Straße 12, wohnt, wo es tatsächlich eine Metzgerei gibt und der Junge dort eine Lehre beginnt.

Im Bundesarchiv findet Jankowitsch heraus, dass Ludwig und Manfred Hans Hermann 1936 in die Niederlande fliehen, dort nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1940 in das Sammellager Westerbork und Ludwig später über Theresienstadt nach Auschwitz gebracht wird. Dort gilt er als verschollen, sein Tod wird aber auf den 28. Februar 1945 datiert.

Manfred Hans Hermann wird nach Buchenwald deportiert, wo er am 24. Februar 1945 an einer Blutvergiftung infolge von erfrorenen Füßen verstirbt.

Die SPD setzt sich nunmehr mit dem Künstler Demnig in Verbindung, der in Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus vor deren ehemaligen Häusern sogenannte Stolpersteine anbringt.

Durch weitere Recherchen kommen aber Zweifel am tatsächlichen Wohnort der Hermanns in Wirges auf. Es findet sich ein Dokument aus dem Jahr 1938, in dem Vater und Sohn die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wird. Adressiert ist es an die Neue Straße 6 in Wirges. Das Verlegen der Stolpersteine wird deshalb auf einen Zeitpunkt verschoben, bis der genaue Standort der Wohnung zweifelsfrei geklärt ist. Dies soll im Laufe des nächsten Jahres sein.



Jankowitsch setzt nunmehr seine Recherche fort und findet im Staatsarchiv in Wiesbaden Dokumente der gesamten Familie Hermann. Viele sind vor den Nazis in die USA und Argentinien geflohen. Im Internet findet der junge Politiker eine Familiendatenbank, aus der hervorgeht, dass einige mit den Hermanns aus Quirnbach verwandt sind und nach Übersee auswanderten.

Ein Cousin in den USA bestätigt Jankowitsch, dass die Familie Ludwig Hermann tatsächlich in der Neuen Straße 6 wohnte. Doch es sollte noch besser kommen. Jankowitsch setzte sich mit einer Großnichte von Ludwig Hermann namens Liliana Hermann in Buenos Aires in Verbindung. Sie bestätigte, dass ihr Großvater Hugo Hermann und sein Bruder Lothar maßgeblich an der Entdeckung und Verhaftung von Adolf Eichmann in Argentinien beteiligt waren, was auch der israelische Geheimdienst Mossad bestätigte.

Nunmehr steht der Verlegung der Stolpersteine nichts mehr im Wege. Einen entsprechenden Antrag wird die SPD im Stadtrat stellen.

Jankowitsch ärgert sich, wenn er in den Nachrichten hört, dass sich sogenannte Querdenker mit verfolgten Juden vergleichen. „Diese wissen offenbar nicht, dass den Juden alle Rechte geraubt wurden, sogar das Recht auf Leben,“ sagt er.

Ludwig und Manfred Hans Hermann stehen stellvertretend für alle Juden in Wirges und europaweit, denen es zum Verhängnis wurde, ein Jude zu sein. (PM)


Mehr dazu:   SPD  
Lokales: Wirges & Umgebung
Feedback: Hinweise an die Redaktion

WW-Kurier Newsletter: Immer bestens informiert

Täglich um 20 Uhr kostenlos die aktuellsten Nachrichten, Veranstaltungen und Stellenangebote der Region bequem ins Postfach.

Anmeldung zum WW-Kurier Newsletter


Mit unserem kostenlosen Newsletter erhalten Sie täglich einen Überblick über die aktuellen Nachrichten aus dem Westerwaldkreis.

» zur Anmeldung



Aktuelle Artikel aus Politik


Fahrplan statt Floskeln: FREIE WÄHLER verlangen verbindliche Schritte zur Besoldungsreform

Die FREIEN WÄHLER im Landtag von Rheinland-Pfalz zeigen sich unzufrieden mit der Antwort der Landesregierung ...

Bildungsminister Sven Teuber kommt zum Dialog nach Selters

Am 20. Januar 2026 lädt Landtagspräsident Hendrik Hering zu einer besonderen Veranstaltung nach Selters ...

CDU Westerwald erinnert an Konrad Adenauer: Ein Mahnmal der Geschichte

Anlässlich des 150. Geburtstags von Konrad Adenauer veranstaltete die CDU Westerwald eine Gedenkfeier ...

Müllgebühren steigen im Westerwaldkreis: Was der neue Kreishaushalt bringt

In der letzten Sitzung des Kreistages im Jahr 2025 wurden Entscheidungen für 2026 getroffen. Neben dem ...

FDP Westerwald: Neujahrsempfang mit Daniela Schmitt am 21. Januar

Die FDP Westerwald lädt am Mittwoch, 21. Januar, zu ihrem Neujahrsempfang ein. Als besonderer Gast wird ...

Haushalt 2026: Investitionen in Sicherheit, Bildung und Infrastruktur in der VG Hachenburg

Der Verbandsgemeinderat von Hachenburg hat den Haushalt für das Jahr 2026 beschlossen. Die Prioritäten ...

Weitere Artikel


Autobahnpolizei Montabaur stoppte fünf Fahrer unter Drogen

Zusätzlich zu den im Wochenendbericht gemeldeten Verkehrssündern, erwischte die Autobahnpolizei Montabaur ...

NABU und Entwicklungsverband Seenplatte erarbeiten Konzept

Schwerpunkt der Sitzung der Verbandsversammlung des Entwicklungsverbands Westerwälder Seenplatte mit ...

Ein tierisches Dankeschön für Zoo-Spende

Der Zoo Neuwied bedankt sich ganz herzlich bei der Maschinenbaufirma W+D für die großzügige Spende von ...

137 neue Corona-Infizierte am Wochenende und ein Todesfall

Die Kreisverwaltung Montabaur meldet am Sonntag, den 20. Dezember insgesamt 2.658 (+137) bestätigte Corona-Fälle ...

Vielbach erweitert Baumbestattung auf dem Friedhof

Dass sich ein erheblicher Wandel in der Bestattungskultur vollzieht, hat der Gemeinderat schon seit Jahren ...

Großspende für DRK-Kinderklinik Siegen

Der DRK Frauenverein Siegen spendet erneut 10.000 Euro für pädiatrische onkologische Ambulanz an der ...

Werbung