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Nachricht vom 10.12.2020    

Neue Impulse für den Wäller Wald kommen per Video

Käfer, Klimawandel und Kommerz – der deutsche Wald ist im Dauerstress. Auch den Wäller Wäldern geht es seit einigen Jahren richtig elend, und das Grün des Westerwaldes ist vielerorts einer braunen Brachlandschaft gewichen. Das Evangelische Dekanat Westerwald hat nun zu einer Video-Konferenz eingeladen: Unter dem Motto „Waldesrauschen oder Kahlschlag“ informierten sich mehr als 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer über den Zustand und die Zukunft des Forstes.

Wald bei Selters. Fotos: Peter Bongard

Westerburg. Das Verhältnis der Kirche zum Wald ist ein enges: Die Bibel fordert die Menschen dazu auf, die Erde zu bebauen und zu bewahren, also achtsam mit der Natur umzugehen. Zum anderen besitzen etliche Kirchengemeinden Waldstücke, für die sie Verantwortung tragen. Fast 130 Hektar (das ist so viel wie 182 Fußballfelder) gehören den Gemeinden des Evangelischen Dekanats.

Auch die Kirche sollte also ihren Umgang mit dem Wald überdenken, sagt die Moderatorin des Abends, Nadine Bongard. Sie ist im Dekanat die Referentin für Gesellschaftliche Verantwortung, und für sie ist der Forst Erholungsort, aber vor allem CO2-Senker. „Deshalb müssen wir heute gute Entscheidungen für die nächsten Jahrhunderte treffen“, sagt sie. „Entscheidungen, die die Umsetzung des Pariser Klima-Abkommens, also den CO2-Abbau und das Verlangsamen des Klimawandels zum Ziel haben. Der Wald ist dabei ein entscheidender Faktor. Wir müssen helfen, ihn ökologisch nachhaltig umzugestalten – zum Beispiel mit Flächen, die sich selbst überlassen statt forstwirtschaftlich genutzt werden. Außerdem muss er nicht auf kurzfristigen Nutzen hin, sondern mit Bedacht und Weitblick aufgeforstet werden.“

Allerdings gibt es unterschiedliche Auffassung darüber, wie der durchdachte Umgang mit dem Wald auszusehen hat. Deshalb hat Nadine Bongard vier Referentinnen und Referenten eingeladen, die in Kurzvorträgen das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchteten. Gunnar Bach ist katholischer Pastoralreferent in der Westerburger Pfarrei Liebfrauen und warb dafür, die Umwelt-Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus auch lokal in die Tat umzusetzen, sprich: Gott für seine Schöpfung und die heilsame Kraft des Waldes zu loben und gleichzeitig den Blick für die fortschreitende Zerstörung der Natur zu schärfen.

Carsten Frenzel, Förster des Forstamts Rennerod, illustriert die Kraft des Waldes anhand einer eindrücklichen Grafik: Ein Hektar Wald filtert jährlich 50 Tonnen Staub, produziert acht Tonnen Sauerstoff und beherbergt 632 Bäume. Das Jahr 2018 hat ihm aber besonders zugesetzt. „Alleine 2020 mussten wegen des Borkenkäferbefalls mehr als 1,2 Millionen Festmeter Holz gefällt werden“, sagt Frenzel. Und nicht nur die Fichten sind betroffen: „Inzwischen sehen wir auch deutliche Schäden an Buchen, Berg-Ahorn und der Esche“, weiß der Experte. „Laut Waldzustandsbericht sind 45 Prozent der Bäume in Rheinland-Pfalz deutlich geschädigt – das ist der höchste Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 1984.“Dass seit den Stürmen der 1990er-Jahre eher Mischwälder als Monokulturen aufgeforstet werden, ist nach Ansicht Frenzels eine gute Entwicklung, die freilich ihre Zeit bracht: „Im Wald ist eben alles ein langer Prozess.“

Und ein ausgesprochen komplexer. Denn es gibt nicht die eine Baumart, die als Antwort auf den Klimawandel in heimischen Wäldern angesiedelt werden muss. Überhaupt sollte sich der Wald viel stärker sich selbst überlassen werden, findet Roger Best vom NABU Rheinland-Pfalz. „Abgestorbene Bäume stellen ein wichtiges Biotop dar und sollten möglichst im Wald belassen werden“, meint er. Außerdem wirkt vermodertes Totholz wie ein Schwamm, das wertvolles Wasser im Waldboden hält. „Wasser ist so wichtig für den Wald“, fasst Best zusammen und fordert, Gewässer zu renaturieren und mindestens zehn Prozent der Waldfläche der Natur zu überlassen. „So können sich die Naturwälder von morgen entwickeln“, sagt Best.



Schließlich schildert die Umweltaktivistin Rifka Lambrecht ihre Eindrücke von ihrem Besuch im Danneröder Forst. Rund 27 Hektar des Waldstücks sollen einem Ausbau der Autobahn 49 weichen, wogegen sich Aktivisten derzeit wehren. „Der Autobahnausbau kommt nicht zuerst den Bürgerinnen der Region zugute, sondern vor allen Dingen wenigen Wirtschaftsunternehmen“, sagt Lambrecht, die derzeit in Berlin lebt und in Herschbach aufgewachsen ist. „Das kurzfristige wirtschaftliche Denken hat damit leider wieder Vorrang vor dem Klimaschutz. Dabei vergessen wir, dass uns die Folgeschäden dieses Denkens teuer zu stehen kommen“, sagt sie und fordert andere Prioritäten für den Westerwald. „Wir alle tragen Verantwortung für den Wald und unsere Zukunft. Deshalb diskutieren Sie mit Freunden und Nachbarn über dieses wichtige Thema“, forderte sie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Online-Veranstaltung auf – und rennt damit bei einigen offene Türen ein. Denn etliche Zuschauerinnen und Zuschauer engagieren sich bereits ehrenamtlich für die Umwelt, wissen aber manchmal nicht, was dem Wald wirklich hilft. Eine Frage, die auch die Experten umtreibt. Denn obwohl die Auswirkungen des Klimawandels bereits so deutlich sichtbar sind, gibt es eben noch keinen Masterplan für den Wald.

Aber es gibt die kleinen Schritte, die schon einmal helfen. Zum Beispiel das Einsammeln und Einsetzen von Eicheln – gerne auch als gemeinsame Aktion mit Schulen oder Kitas. „Sprechen Sie solche Projekte mit Ihrem Förster ab, und dann legen Sie los!“, ermuntert Best eine Teilnehmerin. „Das ist eine gute Initiative, denn das Setzen von Eichen ist teuer, wenn’s Fachleute machen“, sagt Best.

Apropos absprechen: Wenn es um fachliche Tipps geht, sind nicht nur die Förster Ansprechpartner, sondern auch die Experten des NABU oder andere Umweltverbände, sagt Nadine Bongard abschließend. Es lohnt eben immer, aus mehreren Blickwinkeln auf die Natur zu sehen, glaubt auch die Landtagsabgeordnete Jenny Groß (CDU) am Schluss der Video-Konferenz: „Lassen sie uns den Wald erhalten und ihn zielgerichtet aufforsten, statt unsere Interessen gegeneinander auszuspielen“, fordert sie. Die Moderatorin sieht das ähnlich: „Wir sollten nicht gegeneinander, sondern miteinander sprechen“, fordert die Vertreterin der Evangelischen Kirche und formuliert am Ende wichtige Fragen – für weitere Diskussionen und für die Zukunft des Wäller Waldes: „Wie können wir es schaffen, dass das im Westerwald abgebaute Holz in der Region bleibt? Wo können wir den Wald sich selbst überlassen, damit er sich wieder in Ruhe erholen kann? Und was können wir als Kirche und als Bürger tun, damit auch unsere Urenkel noch vom Wäller Wald profitieren?“ (bon)


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