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Nachricht vom 23.06.2020    

Fahrradboom im Westerwald muss zu einer besseren Infrastruktur führen

Was wird dereinst von Corona im Westerwald bleiben? Auf allen Ebenen mehr (verwirrende) Digitalisierung, vermutlich auch mehr Umweltbelastung durch zunehmenden Autoverkehr infolge noch geringerer Nutzung des ÖPNV. Oder bleibt vielleicht ein dichteres und alltagstaugliches Radwegenetz? Denn überall im Westerwald steigen mehr Menschen aufs (E-)Fahrrad, was die Forderung nach mehr alltagstauglichen Radwegen begründet.

Ob die „Problembrücke“ vor Montabaur Richtung Holler den geforderten Radweg an der L 326 dauerhaft verhindert? Fotos: privat

Region/Montabaur. Eine Chance die jetzt genutzt werden muss mit mehr Beachtung für den umwelt- und gesundheitsfreundlichen Radverkehr. Dafür setzen sich immer mehr Wäller ein – auch beim am 29. August in Verantwortung des VCD-Kreisverbandes geplanten kreisweiten Radwegeaktionstag.

Derzeit werden die wäller Fahrradhändler von Radbegeisterten geradezu überrollt. Es ist durch die Pandemie ein Boom ausgelöst worden, den die Branche kaum noch bewältigen kann. Die einen wollen schnell ein neues Bike, andere ihr altes wieder in Ordnung bringen lassen. Aktuell sind gestörte Lieferketten dafür verantwortlich, dass die Branche derzeit nicht alle Wünsche erfüllen kann. Doch dieses Problem wird sicher bald gelöst sein. Dann bleibt die Hoffnung, dass der Boom nachhaltig sein wird. Der Schlüssel dazu kann im Westerwald neben leistungsfähigen Fachgeschäften nur eine starke Infrastruktur sein. Dazu bedarf es eines Netzes an alltagstauglichen Radwegen mit möglichst hoher Sicherheit! Wichtige Beiträge dazu in der Region sind Aktionen wie die derzeit in Höhr-Grenzhausen laufende Kampagne „STADTRADELN“.

Velos werden im Nachbarland als Alternative zum Nahverkehr gefördert
Von den aktiven Mitgliedern der „Equipe France“ in den heimischen Radsportvereinen RSG Montabaur und RSV Oranien Nassau war zu hören, dass in Frankreich als Maßnahme der Konjunktur- und Gesundheitsförderung ein „Reparaturzuschuss“ von 50 Euro für jedes Fahrrad gezahlt wird. Voraussetzung ist nur die Überholung in einer zugelassenen Velo-Werkstatt. Täglich machen über 5.000 Franzosen davon Gebrauch. Das vorgesehene Budget musste schnell erhöht werden und bis Jahresende sollen so 1 Million Fahrräder wieder alltagstauglich werden. Darüber hinaus wird bei unseren Nachbarn eine “Fahrradhandelsakademie“ gegründet und vom Staat finanziert. Diese soll in Monatskursen Interessenten für eine Arbeit in der Reparaturwerkstatt qualifizieren. Gelungene Beispiele, die sicher auch bei uns erfolgreich sein könnten.

Hessen und Baden-Württemberg vorn…zumindest bei der Radverkehrsförderung!
In Rheinland-Pfalz kommt der Bau von Radwegen nicht so richtig voran, am wenigsten wohl im Westerwald! Wie sieht es in benachbarten Bundesländern aus? Aus Sicht von Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) erhält der Radverkehr angesichts der Corona-Pandemie kräftig Rückenwind. Das Fahrrad sei eine der zentralen Säulen der Mobilität der Zukunft und habe unter dem Eindruck von Corona an Bedeutung gewonnen, unterstrich Hermann. Mit einer Förderhöhe von 58 Millionen Euro für den Radwegebau in diesem Jahr hebe man die Radverkehrspolitik auf ein neues Niveau. 2019 waren es 30 Millionen Euro und 2018 standen nur 18 Millionen Euro zur Verfügung.

Noch vollmundigere Ankündigungen sind aus Hessen zu hören: 244 Millionen Euro will das Land bis 2024 inklusive Bundeszuschüssen für die Verbesserung des Fuß- und Radverkehrs bereitstellen. „Das muss man schon loben“, meinte dazu der hessische Allgemeine Deutsche-Fahrrad-Club (ADFC) anerkennend.

Was würde der Freiherr von Münchhausen wohl zum verhinderten Radweg Holler-Montabaur sagen?
Auch von strömendem Regen nicht aufhalten lässt sich derweil die Initiative „Radweg jetzt“, die sich für eine solchen entlang der L 326 von Montabaur nach Holler (und darüber hinaus) einsetzt. Immerhin 50 Bürgerinnen und Bürger trafen sich in Untershausen zur ersten „Raddemo“ (= Streckenbefahrung) in diesem Jahr. Dabei wurde klar, dass die notwendige Sanierung der Brücke über die B 49 das derzeit größte Problem ist.

Die Sanierung soll nach allen abschließend klingenden Äußerungen des zuständigen LBM Diez ohne die von vielen Menschen und Politiker/innen in der Region geforderte Berücksichtigung eines Fuß- und Radweges durchgeführt werden. Frei nach dem Motto: „Wo kaum jemand Rad fährt, bauen wir keinen Radweg - also brauchen wir auch auf der Brücke keine Radspur!“, lässt sich der LBM Diez bislang auf keine Neubewertung ein. Auch nicht zur Überprüfung des BI-Vorschlags, die vorhandenen beiden ungenutzten Streifen von je einem Meter an den Brückenrändern zu einem Rad-Fußweg von zwei Meter Breite durch „Verschieben der Fahrbahn“ zusammenzulegen. Das merkwürdige Abwehrargument: Wir bauen nur Radwege entsprechend den Vorschriften – und die verlangen eine Mindestbreite von 2,50 Meter. Wenn es also die Taube auf dem Dach nicht geben kann, darf es auch der Spatz in der Hand nicht sein.

Möglicherweise muss der LBM Diez aber da noch mal ran, denn die VG Montabaur hat die Erlaubnis der Straßenverkehrsbehörde erhalten, auf eigene Kosten – obgleich die L 326 eine Landesstraße ist! - eine Machbarkeitsstudie in Auftrag zu geben.

Was würden wohl Till Eulenspiegel oder der Freiherr von Münchhausen dazu sagen?
Letzterer würde sicher sein Lebensmotto dagegenhalten: „Glaubt´s nur ihr gravität´schen Herrn, gescheite Leute narrieren gern“.

Doch der Kampf geht weiter: Zur nächsten Streckenbefahrung lädt die Initiative am 1. August ein. Und bis dahin wird sich bestimmt auch noch das eine oder andere tun! Es wird Zeit, dass der LBM Diez und das Ministerium in Mainz ihre Blockadehaltung aufgeben und endlich den wiederholten Angeboten zur Teilnahme an einer öffentlichen Veranstaltung nachzukommen. In den Augen dieser Behörden erscheinen die BI-Aktiven immer noch wie unmäßige Bittsteller.

Radverkehrsbeauftragte/r für den Westerwald ist notwendig
„Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“. Es scheint, dass im WW die Zeit für den Radverkehr jetzt gekommen ist. Die Erfahrung hat allerdings gezeigt, dass die Region kreativen Fahrrad-Sachverstand benötigt, um die Infrastruktur gezielt zu verbessern und den Bau von Radwegen für den Alltagsverkehr voranzubringen. Oft fehlt es derzeit schon an dem Wissen, welche Fördertöpfe nutzbar sind und wie die Projekte vorangebracht werden können. Um in diese Richtung voranzukommen, muss unbedingt – notfalls auch kreisübergreifend mit den Nachbarn in Altenkirchen, Bad Ems und Neuwied - die Stelle eines/einer Radverkehrsbeauftragten geschaffen werden.
Der/die Radverkehrsbeauftragte soll bei der Radverkehrsförderung auf Kreis- und VG-Ebene eine Schlüsselposition einnehmen. Die Position ist dann Schnittstelle, Motor und Ansprechpartner/in für Verwaltungen und Bürger in allen Fragen des Radverkehrs und der Radverkehrsförderung. Eine erfolgreiche Radverkehrsentwicklung im Westerwald hängt daher ganz entscheidend vom Aufgabenzuschnitt dieser Stelle ab.

Wer beim am 29. August geplanten Radwegeaktionstag dabei sein oder diesen in irgendeiner Form unterstützen will, kann sich wenden an Uli Schmidt per Mail uli@kleinkunst-mons-tabor.de. Alle die sich melden, werden in einen Mailverteiler aufgenommen und erhalten alle aktuellen Infos rund um den Aktionstag. Ob dieser wie geplant stattfinden kann oder verschoben werden muss, wird sich zeigen. (PM)


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