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Nachricht vom 31.05.2020    

Nicole nörgelt….über die süßen Versuchungen

Von Nicole

GLOSSE | Kennen Sie das Gefühl, wenn etwas so gut riecht, dass man einfach nur reinbeißen will? Wenn das Wasser im Mund zusammenläuft, das Kribbeln aus dem Magen einmal durch den ganzen Körper läuft und eine gierige Gänsehaut über die Arme kriecht? Mir geht es jedes Mal so, wenn ich meine Lieblingsbäckerei betrete. Ich schmatze meistens schon, bevor ich an der Theke angekommen bin. Aber was die jetzt mit mir machen, ist geradezu gemein! So einen hübschen Verkäufer einzustellen, der mitten im Aroma von Bienenstich und Erdbeerkuchen steht – das ist unlauterer Wettbewerb!

Symbolfoto

Dierdorf. Liegt es am schönen Wetter und an verspäteten Frühlingsgefühlen? Komme ich langsam ins Alter der Torschlusspanik? Oder ist es die Tatsache, dass ich als allein mit zwei Katzen lebende Single-Frau in Zeiten des Social Distancing in den letzten Monaten attraktive Männer nur noch im Fernsehen gesehen habe? Jedenfalls weiß ich nicht, was mich in letzter Zeit öfter in die Bäckerei lockt – die süßen Backwaren in der Theke oder das Schnittchen dahinter?

Okay, sein Gesicht kann ich unter der obligatorischen Maske nur zur Hälfte sehen und es bleibt die vage Möglichkeit, dass sich hinter dem störenden Stofffetzen faule Zähne und Pickel groß wie Mondkrater verbergen. Aber weiche Knie kriege ich trotzdem, wenn mich diese blauen Augen anstrahlen als wäre ich seine höchstpersönliche Lieblingskundin. Ich schmelze! Kann ja gar nicht sein, dass er die anderen Brötchenkäuferinnen auch so anschaut! Und täusche ich mich oder lungern hier in letzter Zeit entschieden mehr Frauen herum?

Ich fange automatisch an, darüber nachzudenken, ob ich husten und mir fiebrig an die Stirn greifen soll, damit die Damen kreischend abhauen und ich nicht mehr hier auf akribisch ausgemessenen Bodenmarkierungen Schlange stehen muss. Demnächst fangen die hier noch an, Meet&Greet-Karten zu verlosen, damit man überhaupt mal drankommt. ‚Kauft euren Plunder gefälligst woanders!‘, bellt meine innere Stimme und während ich eifersüchtige Blicke in die Runde werfe, stehe ich plötzlich den strahlend blauen Augen gegenüber. „Hallo! Was darf’s sein?“, fragt er freundlich und meine innere Stimme antwortet wie auf Kommando: ‚Dich! Auf Toast!‘

Oh nein, hab ich das gerade laut gesagt? Schnell sehe ich mich um, aber außer den dolchartigen Blicken der Kundinnen hinter mir scheint alles gut. Ich sammele mich und scanne die Theke, oje, ich war so damit beschäftigt, ihn anzuglotzen, dass ich keine Ahnung habe, was ich eigentlich nochmal wollte. Kurz überlege ich, ob ich eins von den Bauernbroten aus den Körben ganz unten haben will, nur um das Vergnügen zu haben, dabei zuzusehen, wie diese Schürze über den Jeans beim Bücken auseinanderklafft… Schon gut, schon gut, ich beruhige mich ja schon wieder und bestelle mein übliches Teilchen-Repertoire. Wenn ich schon keinen süßen Mann kriege, dann doch wenigstens süßes Gebäck.

Mit dem Zahlen muss ich mich nun allerdings beeilen, sonst springt mir die ungeduldige Tante hinter mir eifersüchtig ins Genick. Ich schaue seufzend auf – oh Mann, diese Augen! – und drei Sekunden später stehe ich mit einer Papiertüte voller Dickmacher vor dem Laden und fühle mich wie eine Dreizehnjährige, die sich nicht getraut hat, dem süßen Jungen aus der Parallelklasse einen Liebesbrief zuzustecken.

Missmutig stapfe ich zu der Bank ein Stück die Straße herunter und lasse mich darauf plumpsen. War ich jetzt schon so lange Single, dass ich mich beim Bäcker so aus der Fassung bringen lasse? Ich greife wahllos in die Tüte, ergehe mich in Tagträumen zwischen Hefeteig und Bäckerschürzen und als ich das nächste Mal aufschaue, ist die Tüte schon halb leer. Wer war das? Ich doch wohl nicht!? Da hat sich bestimmt jemand an meinen Teilchen bedient! Und während ich noch überlege, ob das als Vorwand reicht, nochmal zurückzugehen und Nachschub zu besorgen – nur den Backwaren zuliebe, versteht sich! – kommt der Sahneschnitten-Mann höchstpersönlich aus dem Laden. Hat wohl Feierabend und die Maske ist ab. Ich seufze. Keine schiefen Zähne. Keine Pickel. Und leider gilt das auch für seinen Freund, der schon auf ihn gewartet hat. Ein schneller Kuss und die beiden steigen ins Auto, um in den imaginären Sonnenuntergang zu fahren.

Und ich sitze immer noch da mit meiner Brötchentüte. Tja. So ist das Leben. Ich komme trotzdem wieder. Auf Süßigkeiten konnte ich noch nie verzichten.

In diesem Sinne: Bleiben Sie gesund!
Ihre Nicole

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