Werbung

Nachricht vom 19.05.2020    

Wer glaubt denn sowas? Verschwörungstheorien in Coronazeiten

Warum haben Verschwörungstheorien in der Corona-Krise Hochkonjunktur? Und wie kann man mit Verschwörungstheoretikern im Bekanntenkreis umgehen? Psychologe Prof. Andreas Kastenmüller und Literaturwissenschaftler Dr. Niels Penke von der Universität Siegen liefern Antworten.

Andreas Kastenmüller, Niels Penke von der Universität Siegen (Fotos: Katrin Wagner/Universität Siegen)

Siegen. Der 15. Mai hätte der Tag sein sollen, an dem sich alles verändert. Zumindest wenn es nach Attila Hildmann gegangen wäre. Das Ende der Demokratie hatte der Koch und Autor veganer Kochbücher angekündigt. Der Beginn der neuen Weltordnung. Ein Feindbild: Microsoft-Gründer Bill Gates, der mit seiner Stiftung eine Gesundheitsdiktatur errichten wolle. Passiert ist: Nichts. Doch Hildmann erreicht mit seinen Thesen über die sozialen Medien hunderttausende Menschen. Und er ist nicht der einzige, der solche Botschaften teilt. „Krisensituationen provozieren Verschwörungstheorien. Überall, wo wir es mit Unwissenheit zu tun haben, haben solche Erklärungen einfaches Spiel", erklärt Dr. Niels Penke von der Universität Siegen. Der Literaturwissenschaftler ist Koordinator der Forschungsstelle „Populäre Kulturen" und beschäftigt sich mit den Ursprüngen und der Weiterverbreitung von Verschwörungstheorien. Penke spricht von Verschwörungsmythen, „denn einem Faktencheck halten die Theorien nicht stand".

Die Corona-Krise bietet gleich in mehrfacher Hinsicht einen Nährboden für Verschwörungstheorien. „Menschen haben ein Bedürfnis, Dinge zu erklären und vorherzusagen. Das gibt ihnen zumindest die Illusion von Kontrolle", erklärt Prof. Dr. Andreas Kastenmüller, Inhaber des Lehrstuhls für Sozial- und Wirtschaftspsychologie an der Uni Siegen. Die Verschwörungstheorien könnten dabei helfen, diese vermeintliche Kontrolle zurückzuerhalten, ein positives Gefühl geben. Dass ein Virus durch eine Verkettung von Zufällen auf den Menschen überspringt und solch drastische Auswirkungen hat, dass WissenschaftlerInnen ihre Meinung und PolitikerInnen ihren Kurs ändern, akzeptieren VerschwörungstheoretikerInnen nicht. „Sie erkennen Muster und schustern daraus Theorien zusammen. Je weniger Informationen ich habe – und im Falle des Coronavirus sind es sehr wenige – desto leichter ist es, eine eigene, zusammenhängende Geschichte zu entwickeln", so Prof. Kastenmüller. Für Verschwörungstheorien seien vor allem Menschen anfällig, die überwiegend intuitiv denken würden – und weniger analytisch. „Verschwörungstheorien sind beliebt, weil sie einfach zu verarbeiten sind", sagt der Psychologe.

Menschen auf der ganzen Welt betroffen
Anders als etwa beim Mord an John F. Kennedy oder den Anschlägen vom 11. September, Ereignisse, um die sich ebenfalls viele Mythen ranken, sind diesmal Menschen auf der ganzen Welt betroffen – ob gesundheitlich als RisikopatientInnen, beruflich wegen Kurzarbeit und Arbeitsplatzverlust oder durch Einschränkungen im Alltag wie Kontaktverbot und Ausgangssperre. „Die Beziehung zum Problem ist also anders. Und während viele versuchen, rational vorzugehen, suchen andere Umwege. Diese Umwege sind heutzutage näher als früher", sagt Dr. Penke. „Über soziale Medien verbreiten sich die Inhalte von Verschwörungstheoretikern wie das Virus selbst quasi exponentiell." Prominente wie Xavier Naidoo und Attila Hildmann oder der ehemalige RBB-Journalist Ken Jebsen erreichen eine Vielzahl an Menschen. Irgendwann wird das Thema auch von den klassischen Medien aufgegriffen. „Dann entsteht der Eindruck: Oh Gott, Verschwörungstheorien sind ja überall. Aber das ist ein Missverhältnis zwischen medialer Repräsentanz und der tatsächlichen Größe der Verschwörungsbewegung."



Dennoch warnt der Literaturwissenschaftler davor, das Thema auf die leichte Schulter zu nehmen. „Die historischen Folgen von erfolgreich implementierten Verschwörungstheorien kann sich jeder ansehen: etwa Ritualmordlegenden als historische Begründung eines Antisemitismus, der bislang nicht wieder aus der Welt verschwunden ist." Dahinter stecke immer ein „Wir gegen die". Feindbilder können Regierungen, Medien oder der Kapitalismus sein, aber auch Gruppen wie Kranke. „Die latente Gefahr ist: Verschwörungstheorien liefern immer auch Lösungen für die Probleme. Den entscheidenden Personen muss das Handwerk gelegt werden. Wie genau das aussehen soll, bleibt aber offen", so Penke. „Nach dem Motto: Wir liefern euch den Bösewicht. Entscheidet ihr, was ihr mit ihm machen wollt."

Was aber soll ich tun, wenn im WhatsApp-Chat die Nachbarin zum Protest aufruft oder der Onkel in Bill Gates die Wurzel allen Übels sieht? Keine leichte Situation, das sieht auch Prof. Andreas Kastenmüller so. „Anhänger und Anhängerinnen von Verschwörungstheorien sind schwer von anderen Meinungen zu überzeugen. Sie suchen selektiv nach Informationen, die zu ihrer Meinung passen." Einfach ignorieren ist allerdings nicht die beste Variante. „Wenn ich nichts sage, wird das als stillschweigendes Einverständnis angesehen. Man sollte auf jeden Fall sagen, dass man anderer Meinung ist", so Prof. Kastenmüller. Dafür brauche es aber Zivilcourage und im Idealfall gute Argumente. Doch auch wenn einem letztere gerade fehlen, solle zumindest die eigene Haltung deutlich gemacht werden. „Auch wenn ich meinen Onkel nicht überzeugen kann: Vielleicht liest im Chat ja jemand mit oder hört am Tisch jemand zu, der seine Ansichten überdenkt." Und dann ist der 15. Mai vielleicht doch nicht der Tag, an dem sich alles ändert, sondern genau das, was er auch war: der 15. Mai. (PM)



Kommentare zu: Wer glaubt denn sowas? Verschwörungstheorien in Coronazeiten

Es sind leider keine Kommentare vorhanden

Anmeldung zum WW-Kurier Newsletter


Mit unserem kostenlosen Newsletter erhalten Sie täglich einen Überblick über die aktuellen Nachrichten aus dem Westerwaldkreis.

Beliebte Artikel beim WW-Kurier


Corona im Westerwaldkreis: Bisher 938 Mutationen festgestellt

Das Gesundheitsamt Montabaur meldet am Freitag, den 16. April 5.964 (+39) bestätigte Corona-Fälle. Der Westerwaldkreis verzeichnet aktuell 472 aktiv Infizierte, davon 327 Mutationen.


Corona im Westerwaldkreis: Viele weitere Schulen betroffen

Das Gesundheitsamt Montabaur meldet am Donnerstag, den 15. April 5.925 (+58) bestätigte Corona-Fälle. Der Westerwaldkreis verzeichnet aktuell 465 aktiv Infizierte, davon 298 Mutationen.


Region, Artikel vom 16.04.2021

Nackter beißt Polizei in Bendorf

Nackter beißt Polizei in Bendorf

Am Freitag, 16. April 2021 ab 8:30 Uhr meldeten mehrere Verkehrsteilnehmer und Passanten einen nackten Mann, der durch die Brauereistraße in Bendorf in Richtung Aldi lief.


Region, Artikel vom 15.04.2021

Verkehrsunfall in Baustelle auf Bendorfer Brücke

Verkehrsunfall in Baustelle auf Bendorfer Brücke

Am Donnerstagnachmittag, den 15. April 2021 ereignete sich gegen 15:50 Uhr ein Verkehrsunfall auf der BAB 48, in Fahrtrichtung Trier auf der Bendorfer Brücke.


Polizei warnt vor falschen Polizeibeamten am Telefon

Schon seit Monaten rollt eine Welle von betrügerischen Anrufen nach der anderen über unsere Region hinweg, mit dem Ziel, unsere Senioren um ihr Erspartes oder um ihre Wertgegenstände zu bringen. Das Polizeipräsidium Koblenz informiert.




Aktuelle Artikel aus der Region


Westerwaldwetter ist am kommenden Wochenende durchwachsen

Region. Das unangenehme Kälte-Gefühl hat uns bislang im Monat April nicht getäuscht. Der launische Monat kam außerordentlich ...

Corona im Westerwaldkreis: Bisher 938 Mutationen festgestellt

Montabaur. Der aktuelle Inzidenzwert liegt laut Berechnung des Landes bei 127,8, der Landesdurchschnitt bei 139,2. Es gilt ...

Nackter beißt Polizei in Bendorf

Bendorf. Die Person hatte sich zunächst komplett ausgezogen und alle Kleidungsstücke auf ein benachbartes Firmengrundstück ...

Evangelische Kirchengemeinden erinnern an die Corona-Opfer

Westerburg. In einer Feier in Berlin am 18. April wird unter Beteiligung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundestagspräsident ...

Polizei warnt vor falschen Polizeibeamten am Telefon

Region. Die Betrüger, die meist aus ausländischen Call-Centern agieren, ändern ständig ihre Vorgehensweisen und "Lügengeschichten" ...

Broschüre Westerwälder Naturerlebnisse erschienen

Dierdorf. „Wir freuen uns, den Bürgerinnen und Bürgern der Region Westerwald, aber auch unseren Gästen den ehemaligen Umweltkompass ...

Weitere Artikel


Bau- und Stadtkernsanierungsausschuss kommt in Videokonferenz zusammen

Hachenburg. Thema der Sitzung waren die Regelungen zur Sicherung der historischen Stadtbildqualität. Dazu hat das Büro Bachtler ...

Sayner Hütte öffnet wieder an Christi Himmelfahrt

Bendorf. „Mein Team und ich freuen uns sehr, wenn das Denkmalareal Sayner Hütte wieder mit Leben gefüllt wird und Besucherinnen ...

Geld aus „evm-Ehrensache“ an drei Vereine aus der VG Westerburg

Westerburg. Das Engagement hält auch in der Krise weiter an: Drei Vereine aus der Verbandsgemeinde Westerburg erhalten insgesamt ...

Sparkassenstipendiaten des Landesmusikgymnasiums gefördert

Bad Marienberg. Um die Schule bei dieser Aufgabe zu unterstützen, stellt die Stiftung der Sparkasse Westerwald-Sieg dem Gymnasium ...

Verkehrsunfall zwischen Klein-LKW und Sattelzug

Höhr-Grenzhausen. Am 18. Mai gegen 14:50 Uhr ereignete sich im verkehrsberuhigten Bereich der Rathausstraße in Höhr-Grenzhausen ...

Gaumenfreuden wachsen im Westerwald

Atzelgift. Als Tochter eines ehemaligen Gastwirts aus Astert hat Heike schon von Kindes Beinen an gelernt was Arbeiten heißt. ...

Werbung