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Nachricht vom 17.05.2020    

Buchtipp: „Eifeljugend im Speckmantel“ von Wolfgang Süß

Von Helmi Tischler-Venter

In seinem Erstlingswerk will der Autor Wolfgang Süß mithilfe seiner über Jahre notierten Geschichten „meine Pubertät lustig umschreiben und Erinnerungen verarbeiten“. Diese Pubertät findet vom Sommer 1984 bis Sommer 1990 in dem Eifelort Mendig statt. Der Roman festigt sämtliche landläufig kursierende Klischees über Eifelaner: rückständig, katholisch und unmoralisch. Ein Roman für pubertär Eifelgeschädigte oder Fans der Filmreihe „Eis am Stiel“.

Buchtitel. Foto: Wolfgang Süß

Norderstedt/Dierdorf. Es ist erstaunlich, wie viele Synonyme Heranwachsende in der Eifel für Penis und Masturbation kennen. Die wichtigen ersten Worte des Buches Lauten „Fuck you. You Fucking Fuck“. Des Lesers Verstörung wird entschärft durch die Erklärung, dass diese sinnlosen Worten auf einem sehr resistenten Autoaufkleber stehen.

Danach staunt man über die „bescheuerte Pubertät“ von Olli und seinen Freunden, „Landeier, deren Vorstellung der Welt auf TV-Serien basierte“ mit „nassen Brötchen zwischen den Ohren“, die vergeblich die Welt zu verstehen versuchen. Die Jungs wünschen sich insgeheim „jene Parallelwelt, in der wir absoluten Macker waren, dicke Autos fuhren und in jedem Arm ein Mädchen hatten“. Sie sehnen sich nach dem 18. Geburtstag, der alle Probleme auflösen würde.

Im realen Leben besteht die Jugend aus autoerotischen Exkursionen, Fußballspielen und Pfadfindern. Und der ungeliebten Schule, die viel Zeit klaut, die die Jungs lieber verwenden würden für heimliche Blicke auf dicke Titten, nackte weibliche Haut und verführerische schwarze Dessous, die die erotischen Fantasien der Heranwachsenden befeuern. Auch wenn man dafür über Mauern und auf Bäume klettern oder unter die Trennwände von Umkleidekabinen kriechen muss. „Es geht immer um das Eine!“ Die Anspannung entlädt sich ständig und oft durch Onanieren. Melancholie macht sich in Olli breit, denn es dämmert ihm, dass er zu jung ist, um der Welt zu zeigen, wie Leben funktioniert.

Der heiß ersehnte Tanzkurs, in dem das Berühren weiblicher Wesen im Wiegeschritt ganz legal ist, erweist sich als Enttäuschung und die Schulabschlussfeier endet im Wortsinn beschissen. Ergo sieht Olli die „Aussichten für die Zukunft – heiter bis scheißig“.

Der Freundeskreis ändert sich gefährlich: Alkohol und Drogen zu röhrender Musik gelten plötzlich als Zugangscode für „Weiber“. Aber der Umgang mit Frauen bleibt für Olli ein Buch mit sieben Siegeln und die Lehre in der Schmiede des Klosters Maria Laach ist auch nicht lustig. Die aktuelle Lebenserfahrung bringt Olli zu der Erkenntnis: „Das Leben ist eine riesige Tretmühle – eine Irrenanstalt – die Ausgeburt eines perfiden Schöpfers mit Neigung zum Sadismus.“



Abwechslung bringen die Treffen der Marktplatz-Crew, die den Mitbürgern suspekt ist. Ihre Gespräche drehen sich um Mopeds und Autos. Highlight der Woche stellt die Berufsschule dar, denn dahin kommen auch Mädchen aus dem nahe gelegenen Dorf Kruft. Dort werden in der Mainacht Bäumchen gestellt, um die Angebetete zu beeindrucken, doch Olli erntet nicht die Früchte des Bäumchens.

„Immer wenn ich dachte, es sei Zeit, ein Mann zu werden, passierten fürchterliche Dinge.“ Seine Jungfräulichkeit verliert Olli ausgerechnet bei Maria. Tiefschürfende Gespräche mit der lebenserfahrenen Paula, die meint, dass mit dem Ende der Lehre und der Jugend auch das Ende des Freundeskreises einhergehe, bringen Erleuchtung. “Ihr Jungs denkt anders als wir. Bei euch steht der Sex immer weit im Vordergrund. Ohne läuft nichts und anschließend seid ihr zu erschöpft. Wenn es einen Gott gibt, dann hätte er uns besser abstimmen können.“

Die Kinderzeit ist vorbei, das ist für die jungen Mendiger Helden erschreckend. Auch die abrupten und krassen Stimmungswechsel seiner schwarz umherwandelnden Freundin Conny machen Olli das Leben schwer. Conny erweist sich letztlich als extrem mitfühlend und konsequent.

Ein doppelter Suizid markiert das endgültige Ende der Pubertät. Olli wird mit Gewalt in das Erwachsenenleben hineingeworfen. Er muss erkennen, dass Menschen oft ganz anders sind als der Anschein zeigt. „Mir wurde gezeigt, was den wahren Charakter ausmachte und dass ich mich schämen musste…. Bisher spielte ich den Hofnarren, um Teil zu sein von etwas, das die Welt nicht brauchte. Ab jetzt bin ich Olli. Der gute alte Olli, der immer einen kessen Spruch abzuliefern hat. Die speckige Made mutiert zu einer fetten Fliege.“

Die 465 Seiten wären wesentlich geschmeidiger zu lesen, wenn nicht so viele Rechtschreibfehler den Lesefluss bremsten. Wer sich daran nicht stört, kann das Taschenbuch bestellen bei Books on Demand (BoD), ISBN 978-3-7504-8147-3. htv


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