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Nachricht vom 28.04.2020    

Kreuz-Verhör mit Pfarrer Peter Boucsein-Kuhl aus Rückeroth

Der Shutdown wird behutsam gelockert: Einzelhandelsgeschäfte haben wieder geöffnet, Friseure stehen in den Startlöchern. Und was ist mit Gottesdiensten in der Kirche? Dazu gibt’s kontroverse Meinungen – auch im Westerwald: Ich bin Nadine Bongard und arbeite im Fachbereich Gesellschaftliche Verantwortung im Evangelischen Dekanat Westerwald.

Pfarrer Peter Boucsein-Kuhl spricht mit Nadine Bongard – natürlich in coronasicherem Abstand- im Rückerother Pfarrgarten über die Auswirkungen der Coronakrise. Foto: Peter Bongard

Rückeroth. Nachhaltige Wirtschaftspolitik, Arbeits- und Sozialthemen, Infrastrukturprobleme im ländlichen Raum, Umweltthemen und Digitalisierung sowie Jugendpolitische Bildung sind die weitgefächerten Themen, mit denen ich mich im Westerwald in Zusammenarbeit mit dem zugehörigen Zentrum für Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) in Mainz beschäftige.

Aktuell interessiert mich, wie sich das Zusammenleben in unseren Dörfern und Kirchengemeinden im Westerwald durch Corona verändert. Wie sieht ein erfahrener Pfarrer die Krise, ihre theologischen und sozialen Auswirkungen? Ich habe nachgefragt - bei Pfarrer Peter Boucsein-Kuhl aus Rückeroth.

Bongard: Bedeutet der Shutdown mehr Stress oder mehr Entschleunigung für Sie?
Boucsein-Kuhl: Seelsorge findet ja immer noch statt. Ich rufe jeden Tag einige Mitarbeiter und Gemeindeglieder an. Am Sonntag zur Gottesdienstzeit bin ich immer hier in der Kirche zum Singen und Beten. Ansonsten ist im Shutdown schon mehr Zeit, um Liegengebliebenes zu ordnen.

Bongard: Für wie einschneidend halten Sie die Krise?
Boucsein-Kuhl:
Die Krise und der Shutdown sind ein heilsamer Schock. Aber ich denke, dass die Vergesslichkeit siegen wird und die Menschen so schnell wie möglich zum Gewohnten zurückkehren werden, wenn es möglich ist. Leider werden sich die Wirtschaft und monetäre Interessen durchsetzen, und die Erfahrungen der Krise auf die ganze Gesellschaft bezogen nicht nachhaltig sein.

Bongard: Was ist das „Heilsame“ am gegenwärtigen Coronaschock?
Boucsein-Kuhl:
Die Krise wird Spuren in den Seelen hinterlassen. Unsere gefühlte – oder durch viele Versicherungen erkaufte – Sicherheit wird gerade in ihren Grundfesten erschüttert. Wir merken, dass unsere zwischenmenschlichen Beziehungen das Wichtigste sind. Meine Hoffnung ist, dass die Krise einen „Kollateralsegen“ bringt, nämlich, dass Menschen sich miteinander versöhnen. Das griechische Wort „krisis“ bedeutet Entscheidung– vielleicht entscheiden sich mehr Menschen zur Versöhnung.

Bongard: Werden nach der Krise mehr Menschen in die Kirche kommen?
Boucsein-Kuhl:
Vielleicht kurzfristig, wie es nach 9/11 der Fall war. Aber nicht auf Dauer. Vielmehr ärgert mich, dass unsere Religionsfreiheit so eingeschränkt wird und wir uns nicht zum Gottesdienst als DEM Zentrum des geistlichen Lebens versammeln dürfen. Die Abstandsregel wäre bei vier Prozent der Gemeindeglieder, die statistisch gesehen in einen Gottesdienst gehen, problemlos einhaltbar. Die Übertragungsgefahr ist beim Einkaufen ungleich viel höher!

Bongard: Sie sind ja sonntagsmorgens trotzdem in der Kirche. Warum?
Boucsein-Kuhl:
Ich begreife meine Rolle als Pfarrer in der jetzigen Situation als Stellvertreter der Gemeinde. Ich bete in der Kirche und trete vor Gott für die Belange der Menschen ein – so wie der Priester im Alten Testament am heiligen Ort.

Bongard: Was bringt das Beten? Bewegt das Gebet Gottes Arm?
Boucsein-Kuhl:
Zunächst mal bringt das Gebet dem Betenden selbst etwas, denn es konzentriert und sammelt ihn. Ich fühle mich bei Gott zuhause und aufgehoben. Außerdem glaube ich, dass Gott allmächtig ist und in das Weltgeschehen eingreifen kann. Und drittens: Das Gebet um den Heiligen Geist wird erhört, davon bin ich überzeugt. Der Heilige Geist ist ein Geist der Liebe, der in den Menschen die guten Kräfte aktiviert. Und die brauchen wir jetzt besonders.



Bongard: Warum lässt Gott Corona zu? Will er die Menschen bestrafen?
Boucsein-Kuhl:
Eine Strafe Gottes ist es nicht. „Die Strafe liegt auf ihm, auf das wir Frieden hätten“, heißt es beim Propheten Jesaja. Corona ist „eine Naturkatastrophe, die in Zeitlupe abläuft“, sagt der Virologe Drosten. Wie bei anderen Katastrophen und allem Leid, was auf die Menschen einstürzt, ist Jesus der Mit-Leidende. Gott ist solidarisch mit den Leidenden. „Corona“ bedeutet übersetzt „Krone“. Das finde ich interessant. Zu Karfreitag haben wir die Dornenkrone auf Jesu Haupt betrachtet. Mit dieser Krone wurde Jesus verspottet, sie ist ein Symbol des Elends. So wie Jesus selbst gelitten hat, leidet er mit – auch in diesem „finsteren Tal“ mit dem Namen Corona. Die Krise ist sicher keine Gottesstrafe, aber vielleicht eine Ermahnung Gottes, unseren Lebensstil zu überprüfen und unsere Volkswirtschaft zur Besinnung zu bringen – weg vom ewigen mehr, mehr, mehr. Eine Ermahnung zur Umkehr, zur Besinnung auf das, was zählt.

Bongard: Wie geht es nach Corona mit dem Thema Klimaschutz, also Schöpfungsbewahrung weiter?
Boucsein-Kuhl:
China und die USA sind die größten CO2 – Produzenten der Welt. In China hat sich das Virus zuerst ausgebreitet. Während des Shutdowns dort war der Himmel über Peking plötzlich blau statt wie sonst graubraun, durch Abgase verpestet. Daraus werden die Chinesen etwas lernen. Und wir sollten – um nur ein Beispiel zu nennen - überlegen: Ist es nötig, Zwiebeln aus Neuseeland einzufliegen? Die Grundversorgung mit Lebensmitteln sollte saisonal und regional sein.

Bongard: Sie haben berufliche und private Kontakte nach Namibia und Südafrika. Wie ist da die Lage?
Boucsein-Kuhl:
Leider trifft diese Krise die Ärmsten der Armen wieder am härtesten: Hygiene- und Abstandsregeln im Township? Unmöglich – wie denn, wenn es kaum fließendes Wasser gibt und die Menschen auf engstem Raum zusammenleben? Sie sind der Katastrophe schutzlos ausgeliefert.

Bongard: Neben der Klimawende ist die Digitalisierung ein weiteres Querschnittsthema, das die Kirche beschäftigt. Gibt es auch in Zukunft mehr „Kirche online“?
Boucsein-Kuhl:
In der Krise merken wir doch, wie wichtig das physische Zusammensein ist. Wir müssen uns berühren und im wahrsten Sinne des Wortes riechen können! Wie sehr wir Gemeinschaft und Berührung brauchen, merken wir jetzt ganz besonders. Und in der Bibel heißt es: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind… Deshalb mein Appell: Lasst die Gottesdienste – mit Hygiene und Abstandsregeln – endlich wieder stattfinden.

Die Fragen stellte Nadine Bongard, Fachstelle Gesellschaftliche Verantwortung des Evangelischen Dekanats Westerwald.

Die Frage nach der Wiederaufnahme von Gottesdiensten wird auch unter kirchlichen Mitarbeitern und Gemeindegliedern kontrovers diskutiert. Baumarkt ja, Kirche nein? Das ist eine Beschneidung unserer Grundrechte, sagen die einen. Die anderen halten die geplanten Öffnungen für verfrüht. Und ist Gottesdienst ohne Singen denkbar? Mit genau eingehaltenem Abstand zu den anderen Gläubigen? Wird dort ein Gemeinschaftsgefühl aufkommen, Gottesdienst erlebbar sein? Was ist Ihre Meinung? Schreiben Sie uns unter: nadine.bongard@ekhn.de.

Hinweis: Die Reihe „Kreuz-Verhör“ mit Nadine Bongard werden wir in loser Folge fortführen.


Mehr zum Thema:    Coronavirus   
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