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Nachricht vom 18.04.2020    

Pfarrerin Orglmeister geht in den Ruhestand

Für die Menschen, denen sie begegnete hatte Pfarrerin Orglmeister immer ein offenes Ohr. Seelsorge war ihr Beruf und zugleich ihre Berufung als Pfarrerin. Nun geht sie aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand. Die gebürtige Butzbacherin studierte Theologie in Berlin und Marburg. Schon ihr Vikariat absolvierte sie im Westerwald, nämlich in Gemünden und Westerburg. 1992 wurde sie in der Evangelischen Kirche in Willmenrod ordiniert.

Pfarrerin Inge Orglmeister geht in den Ruhestand. Foto: Sabine Hammann-Gonschorek

Hachenburg-Altstadt/Westerburg. Ihr Berufsleben führte sie durch mehrere Kirchengemeinden des Evangelischen Dekanats Westerwald. Zuletzt war sie über fünf Jahre Pfarrerin in der Kirchengemeinde Altstadt. Zusätzlich zur Gemeindearbeit war sie immer auch in der Klinikseelsorge tätig, über 18 Jahre lang an der Psychiatrischen Klinik in Hadamar und zuletzt zwölf Jahre lang in der Klinikseelsorge im DRK Krankenhaus Altenkirchen- Hachenburg. Die Verabschiedung in einem Gottesdienst kann derzeit wegen der Einschränkungen durch den Corona-Virus nicht stattfinden, darum haben wir ihr einige Fragen gestellt:

Was ist Ihnen wichtig geworden im Beruf?
Orglmeister: Wichtig war mir von Anfang an der Bereich Seelsorge, egal ob in Gemeinde oder in einer Klinik. Das Gegenüber ohne Vorbehalte wahrnehmen. Fragen gemeinsam nachgehen und Gespräche im dem Bewusstsein führen, dass „wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, da ist Christus mitten unter ihnen“.
Interesse an Menschen und ihrer Lebensgeschichte habe ich auch als Privatmensch. Wenn ich so zurückblicke, dann habe ich das Gefühl, ich habe mir meine Aufgaben nicht gesucht, sondern sie haben mich gesucht. Mein Konfirmationsspruch war mir eine wichtige Leitlinie, beruflich wie privat. Gott spricht: „Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten.“ (Psalm 32,8). Übersetzt könnte man sagen, Gott hat mir Intuition als Lebens- und Arbeitsmittel mitgegeben.

Was waren Lieblingsaufgaben in der Gemeinde?
Orglmeister: Bitte nicht erschrecken. Beerdigungen habe ich gerne gemacht. In Trauergesprächen habe ich die Menschen von einer verletzlichen Seite kennengelernt, oft nachdenklich und fast immer dankbar, dass man im Gespräch noch einmal zurückgeht in das Leben mit dem jetzt Verstorbenen. Wenn ich den Eindruck hatte, dass dabei um manches ein Bogen gemacht wird, aus Scham oder um das Andenken des Verstorbenen zu wahren, dann habe ich da durchaus auch nachgefragt und dann löste sich meist etwas; die Menschen atmen auf und sind erleichtert, dass sie sich Luft machen konnten. Humor in der Seelsorge gab es übrigens auch. Die Menschen erzählen nicht nur schwere Geschichten. Humor an der passenden Stelle öffnet Türen. Für Angehörige da zu sein und der Trauergemeinde das Evangelium von Tod und Auferstehung verkünden zu dürfen war für mich, und ich hoffe auch für die Trauergesellschaften, tröstlich und heilsam. Und Gottesdienste habe ich gerne gehalten. Mitwirkende wie Lektor/In, Küster/in oder Organist/in bekamen die letzte Planung auch schon mal erst kurz vor dem Gottesdienst; oft habe ich lange gefeilt, bis ich zufrieden war und ich den Eindruck hatte, das sagt den Menschen was, da können sie was mitnehmen. Die biblische Botschaft in den Lebenszusammenhang der Menschen übertragen, das habe ich als meinen Auftrag als Predigerin verstanden.



Haben Sie Begegnungen gehabt, die Ihnen sehr in Erinnerung geblieben sind?
Orglmeister: Das kann ich gar nicht so genau sagen. Jedes Gespräch, jeder Besuch hatte am Ende etwas Besonderes. Manchmal habe ich beim Gegenüber den Gedanken eingebracht, sie könnten doch ihre kostbaren Erinnerungen aufschreiben, zuerst für sich selbst und dann aber auch für die Nachkommen. Wirklich tief bewegt hat mich die Begegnung mit einer Frau meines Jahrgangs, die mich zu sich auf die Intensivstation rufen ließ. Sie kämpfte einen langwierigen Abschied, vertraute mir ihre Lebensgeschichte an, die reichlich Schattenzeiten kannte, aber immer auch wieder vom Licht der Hoffnung durchwoben war. Und am Ende der mühsamen Verständigung bat sie mich um das Versprechen, ihre Trauerfeier zu halten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Evangelischen Kirche?
Orglmeister: Kirchengemeinden sollten den Blick weiten für übergemeindliche Angebote und Begegnungen. Ich habe erlebt, dass Gemeinden sich Neuem öffnen, ihre Vorstellung von christlicher Gemeinschaft trotzdem nicht aufgeben müssen.

Ich würde mir auch die Anerkennung von Fortbildungsangeboten aus dem außerkirchlichen Bereich wünschen. Wer sich immer nur in innerkirchlichen Kreisen bewegt, sieht am Ende nur einen Ausschnitt der Lebenswirklichkeit der Menschen. Ich habe viele Kontakte zu kirchenfernen Menschen gehabt und auch gerne gehabt, weil für sie nicht alles schon klar ist, sondern sie auf die Idee kommen, Fragen zu stellen. Dann ist man selbst auch herausgefordert, die eigenen Überzeugungen zu überprüfen. Ich hoffe, in Zeiten von Corona lernen die Menschen verstehen, dass ein sinnhaftes solidarisches Leben nur miteinander, nicht in Konkurrenz zueinander funktionieren kann.

Gab es über all die Jahre etwas für Sie, das Ihnen ein Ausgleich zu Ihrem Dienst als Pfarrerin war?
Orglmeister: Ja, in meinem Haushalt lebten immer Tiere; Katze, Hund und andere Haustiere. Ihr Verhalten beobachten, ihre „Sprache“ verstehen lernen, finde ich interessant und manchmal auch ulkig. Und ein Hund braucht immer den gemeinsamen Spaziergang. Als mir ausgedehnte Spaziergänge gesundheitlich noch möglich waren, kam so mancher Predigtgedanke auf, verdaute ich das eine oder andere Gespräch und genoss die Grünkraft der Westerwälder Natur. (shg)


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