Werbung

Nachricht vom 14.04.2020    

Kreuz-Verhör mit Pfarrerin Elisabeth Huhn in Höchstenbach

Es herrscht Ausnahmezustand - auch im Evangelischen Dekanat Westerwald. Krise, Glaube, Kirche - was macht das alles mit den Leuten? Ich bin Nadine Bongard und arbeite im Fachbereich Gesellschaftliche Verantwortung im Evangelischen Dekanat Westerwald. Nachhaltige und gerechte Wirtschafts- und Finanzpolitik, Arbeits- und Sozialthemen, Infrastrukturprobleme im ländlichen Raum, Umweltthemen und Digitalisierung sowie Jugendpolitische Bildung sind die weitgefächerten Themen, mit denen sich mein Kollege Wilfried Kehr und ich im Westerwald und das zugehörige Zentrum für Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) in Mainz beschäftigen.

Nadine Bongard von der Fachstelle für Gesellschaftliche Verantwortung im Evangelischen Dekanat Westerwald (rechts) interviewt die Höchstenbacher Pfarrerin Elisabeth Huhn coronasicher digital übers Laptop. Foto: Peter Bongard

Höchstenbach. Aktuell interessiert mich, wie sich das Zusammenleben in unseren Dörfern und Kirchengemeinden im Westerwald durch Corona verändert hat. Wie sieht unser Leben nach Covid-19 aus? Ich habe nachgefragt - zunächst bei Pfarrerin Elisabeth Huhn aus Höchstenbach.

Bongard: Haben Sie als Pfarrerin eher mehr oder weniger zu tun als vor dem Lockdown?
Huhn: Die Arbeit hat sich verändert, ist aber nicht unbedingt weniger geworden. Natürlich fallen lange Vorbereitungszeiten für Schulstunden, Gottesdienste und andere Veranstaltungen weg. Aber anderseits erlebe ich die Zeit als intensiv, was meine Seelsorgetätigkeit angeht. Täglich rufen Menschen an, die sich emotional oder sozial in einer schwierigen Lage befinden. Oder ich selbst rufe an - vor allem Alleinstehende und Senioren und Seniorinnen.

Bongard: Hatten Sie schon Beerdigungen?
Huhn: Ja, und das ist echt schlimm, denn wenn hier auf dem Land nur die engsten Angehörigen kommen dürfen und nicht, wie sonst üblich, das halbe Dorf, dann ist es, als ob die Lebensleistung des Verstorbenen gar nicht gewürdigt wird. Das schmerzt.

Bongard: Wie einschneidend ist die Krise?
Huhn: Die Kanzlerin hat in ihrer Ansprache gesagt, dass es seit dem Zweiten Weltkrieg kein derartig einschneidendes Ereignis mehr gegeben hat. Anders als bei 9/11 oder der Finanzkrise bricht die Coronakrise in all unsere Lebensbereiche ein. Sie kommt uns ganz nah. Es erinnert an die Schilderungen von mittelalterlichen Pestereignissen, wo Menschen einfach hingerafft wurden.

Bongard: Steckt in der Krise eine Chance?
Huhn: Ich glaube schon, dass bei vielen ein Umdenken stattfindet. Wir fragen uns: Was ist wirklich wichtig? Erfreulicherweise verlieren die Populisten auf der politischen Bühne gerade an Zulauf, dafür haben wir eine breite Zustimmung für die Parteien der Mitte, die zu gemeinsamen Entscheidungen kommen. Wir lernen, dass Pflegekräfte und Supermarktangestellte wichtig für uns sind und auch monetär mehr wertgeschätzt werden sollten.

Bongard: Werden nach der Krise mehr Menschen in die Kirche kommen?
Huhn: Ich denke nicht. Als gebürtige Sächsin vergleiche ich das mal mit der Situation in der Wendezeit. Die Kirchen waren damals voll und hatten ja mit den Montagsgebeten und der Friedensbewegung einen wesentlichen Anteil an den Ereignissen 1989. Und trotzdem hatten sie nach der Wende auch unter Mitgliederschwund zu leiden. Ich denke, trotz weniger Besucher in den Sonntagsmorgengottesdiensten sind die allermeisten Menschen gläubig. Kirche sollte meiner Meinung nach da stattfinden, wo die Leute sind: Die Pfarrerin, die den Kirmesgottesdienst hält oder bei großen Familienfesten, bei wichtigen Lebensereignissen wie Hochzeit, Taufe, Jubiläum dabei ist. Der geistliche Beistand in Krisensituationen oder am Lebensende - das sind Orte, wo Kirche hingehört. Die Gottesbeziehung des Einzelnen und die Gemeinschaft untereinander ist das, was zählt, nicht volle Gebäude.

Bongard: Ist Corona eine biblische Plage, ein göttlicher Denkzettel?
Huhn (lacht): Neulich fragte mich jemand: „Erst die Heuschreckenplage in Afrika und jetzt Corona - ist das vielleicht die Apokalypse? Nein, das passt nicht zu meinem Gottesbild. Ich denke nicht, dass wir Menschen an irgendwelchen Naturereignissen Gottes Vorhaben ablesen können. Gott ist Gott und denkt in anderen Dimensionen als wir Menschen. Er folgt nicht unserer Menschenlogik. Und er ist kein strafender Gott. Da bin ich bei Luther - wir sitzen in der Grube und der gnädige Gott zieht uns raus. Gott liebt uns. Er sagt: Du bist zwar doof und baust Scheiß, aber ich hab dich trotzdem lieb. Deshalb: Nee, kein strafender Gott und auch keine Apokalypse.

Bongard: Nützt Beten was?
Huhn: Also, ich glaub nicht, dass Beten so funktioniert wie Online-Petitionen - wenn 1 Million Leute gegen das Virus gebetet haben, lässt Gott es wieder verschwinden, oder so. Gebet ist doch der Ausdruck meiner Beziehung zu Gott. Gottes Wege sind nicht begreifbar und oft stehen wir auch als Gläubige daneben, wenn zum Beispiel jemand plötzlich stirbt und wir können es nicht verstehen. Manchmal wird Gottes Wirken im Nachhinein merkbar, manchmal aber auch nicht. Gebet ist auch Abgeben von seelischen Lasten an Gott. Und natürlich Dankbarkeit.

Bongard: Was bringt die Krise für die Klimawende?
Huhn: Im ersten Quartal gab es einen erfreulichen Rückgang der CO2- Emission! Keine Ahnung, ob das letztlich viel bringt… An der Krise sehen wir aber, dass Homeoffice in vielen Fällen möglich ist. Das Dekanat könnte vielleicht für kurze Besprechungen Videokonferenzen einsetzen, dann würde man viel Sprit und Zeit sparen. Ich habe die Hoffnung, dass nach der Krise Betriebe mit guten, klimafreundlichen Ideen einen Aufschwung erleben werden.

Bongard: Wird Kirche auch nach der Krise mehr im digitalen Raum stattfinden?
Huhn: Kirche soll dahin gehen, wo die Leute sind, also auch ins Netz. Zum Thema Social Media: ich mache im Moment nicht mehr und nicht weniger Facebook und Instagram als vorher. Manchmal kamen schon ältere Gemeindeglieder zu mir und erzählten, dass ihre Enkelkinder ihnen auf dem Smartphone gezeigt haben, was die Pfarrerin Schönes gepostet hat. Das freut mich! Neue Medien brauchen neue, elementarisierte Formen, denn analoge Formate sind nicht eins zu eins ins Netz übertragbar. So sollte zum Beispiel eine Predigt auf Youtube am besten nur einen einzigen Kerngedanken transportieren. Ein Insta-Post darf nur wenige Worte zeigen. Für digitalen Content gilt: ansprechend, kurz und griffig.
Grundsätzlich ist aber die persönliche Begegnung mit Menschen nicht ersetzbar. Freuen wir uns auf das Danach, wenn persönliches Beisammensein wieder möglich sein wird.

Hinweis: Die Reihe „Kreuz-Verhör“ mit Nadine Bongard werden wir in loser Folge fortführen.


Jetzt Fan der WW-Kurier.de Lokalausgabe Hachenburg auf Facebook werden!


Kommentare zu: Kreuz-Verhör mit Pfarrerin Elisabeth Huhn in Höchstenbach

Es sind leider keine Kommentare vorhanden

Anmeldung zum WW-Kurier Newsletter


Mit unserem kostenlosen Newsletter erhalten Sie täglich einen Überblick über die aktuellen Nachrichten aus dem Westerwaldkreis.

Beliebte Artikel beim WW-Kurier


Westerwaldkreis: Seit Samstag 12 neue Coronafälle

Am 11. August gibt es 435 bestätigte Fälle im Westerwaldkreis, davon sind inzwischen 368 wieder genesen. 153 Westerwälder befinden sich in angeordneter Quarantäne. Damit gibt es seit Samstag 12 neue Fälle.


Wirtschaft, Artikel vom 11.08.2020

Ausbildung in der Westerwald-Brauerei begonnen

Ausbildung in der Westerwald-Brauerei begonnen

Das Traditionsunternehmen setzt auf modernste Kommunikationstechnik, Digitalisierung, viel Eigenverantwortung und persönliche Betreuung. Zum Ausbildungsstart im August verstärken nun drei weitere junge Menschen das Azubi-Team der Westerwald-Brauerei.


NI fordert: Flächennutzungsplan Heiligenroth aufheben!

„Der geplante Autohof Heiligenroth wird nicht gebaut. Dies ist nach über sieben Jahren ein großer Erfolg des Umweltverbandes Naturschutzinitiative e.V. (NI) für unsere Landschaften, Wälder, Wildtiere, Lebensräume und die Menschen, denen nun ein wichtiger Erholungsraum erhalten bleibt. Den Anwohnern bleibt nun weiterer Lärm, Gestank und Dreck erspart und der Wald bleibt als wichtiges Biotop erhalten“, erklärte Harry Neumann, Landesvorsitzender der Naturschutzinitiative e.V. (NI).


Die Kurfürsten in ihren Kutschen kannten keine Kreisel

Dieser Knotenpunkt in der Stadt hat sich schon oft gewandelt: Einst stand im Kreuzungsbereich Fürstenweg / Freiherr-vom-Stein-Straße / Albertstraße / Elgendorfer Straße eine Brücke aus Bruchstein; sie wurde in den 70er Jahren durch eine Unterführung ersetzt. Jetzt gibt es hier wieder eine Großbaustelle: Damit der Verkehr fließen kann, wird ein Kreisel gebaut. Zudem muss an die Sicherheit der Fußgänger und Radfahrer gedacht werden. Eine solche Welt hätten sich die Kurfürsten von einst nie träumen lassen, als sie in Kutschen auf diesen Wegen nach Montabaur fuhren.


Region, Artikel vom 11.08.2020

Standortschießanlage Seck saniert

Standortschießanlage Seck saniert

Der Betrieb der Standortschießanlage Westerburg/Seck ist nach einer Grundsanierung nun wirtschaftlicher und noch sicherer. Statt wie bisher in eine meterdicke Sandschicht, schießt die Bundeswehr jetzt in 50 Zentimeter Polyurethan-Granulat in den Geschossfangkammern. Das Kunststoff-Granulat soll etwa dreimal so vielen Schüssen standhalten und ist deutlich weniger wartungsintensiv als Sand.




Aktuelle Artikel aus der Region


Westerwaldkreis: Seit Samstag 12 neue Coronafälle

Montabaur. Die Kreisverwaltung Montabaur gibt aktuell folgende Zahlen bekannt:
Getestete Personen gesamt 7.157
Positiv ...

Standortschießanlage Seck saniert

Westerburg/Seck. Rund 1,5 Millionen Euro investierte der Bund in die Sanierung der drei Schießstände, an denen mit Handfeuerwaffen ...

Hohe Anforderungen an Zuverlässigkeit in der Luftfahrt

Region. Der Kläger begehrt die Feststellung seiner luftverkehrsrechtlichen Zuverlässigkeit, weil er im Frachtbereich eines ...

Das „Spiele-Mobil“ des Jugendzentrums kommt auch in Corona Zeiten

Hachenburg. Einige Ortsgemeinden hat das Team bereits in den letzten Wochen besucht. Auf seinen Besuch freuen dürfen sich ...

Fortbildung für Feuerwehren der VG Wallmerod

Wallmerod. Allein im Juli dieses Jahres wurden die Feuerwehren der VG Wallmerod zu vier Flächenbränden alarmiert. Anfang ...

Vor heimischem Fußball-Neustart: Konzepte und Maßnahmen beachten

Altenkirchen. Die Zwangspause war fast sechs Monate lang. Die Fußballer der heimischen Ligen maßen zum letzten Mal Anfang ...

Weitere Artikel


Kultur zu Haus: Montabaur streamt „Musikmoment“

Montabaur. „Musikmoment“ steht für handgemachte, akustische Livemusik. Die zwei erfahrenen Gitarristen vertreten das Motto ...

Brut- und Aufzuchtzeit in Wald und Flur

Holler. Der Naturschutzbund (NABU) Rhein-Westerwald bittet deshalb alle Personen, die sich in der Natur aufhalten, um entsprechende ...

Wenig Neues an der Coronafront

Montabaur.
Getestete Personen gesamt 1.906 (bisher 1.873)
• Positiv getestete Personen im Westerwaldkreis 290 (289)
• ...

IHK-Blitzumfrage zur Antragstellung der Corona-Soforthilfen

Koblenz. Die befragten Unternehmen bewerten das Antragsverfahren der Corona-Bundeszuschüsse insgesamt mit der Durchschnittsnote ...

Mittlere Bahnhofstraße wird für zwei Wochen voll gesperrt

Montabaur. Für die geotechnische Untersuchung müssen drei Gräben quer über die gesamte Straßenbreite gezogen werden. Es werden ...

MVZ St. Anna stellt in Corona-Zeiten Patientenversorgung sicher

Hadamar/Limburg. In enger Zusammenarbeit mit sämtlichen Verantwortlichen der Krankenhausgesellschaft St. Vincenz, die auch ...

Werbung