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Nachricht vom 10.04.2020    

20-Jährige Wällerin wechselt von den Maschinen in die Kirche

Ein Mensch ist keine Maschine. Und ein Leben läuft nicht immer nach Plan. Jana Webers Plan für ihr Leben sieht eigentlich so aus: Zuerst das Abitur, danach dann ein solides Maschinenbau-Studium. Von Technik versteht sie etwas, das funktioniert schon. Aber dann kommt Sand ins Getriebe: Im dritten Semester fällt die Niederroßbacherin zweimal durch eine Prüfung. Ein Rückschlag, der für sie zur neuen Chance wird. Sie hört in sich hinein und versucht etwas anderes. Etwas ganz anders: Die 20-Jährige möchte Pfarrerin werden.

Jana Weber denkt zurzeit oft über den Pfarrberuf nach – und darüber, ob das ihr Weg ist. Die ehemalige Maschinenbaustudentin hat gerade ein Praktikum in der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Marienberg absolviert. Fotos: Peter Bongard

Bad Marienberg. Dabei hätte das mit der Technik so gut funktionieren können: „Ich mag Maschinen“, schwärmt Jana Weber. „Und das Studium hat mich gereizt, weil Maschinenbau kein typischer Frauenberuf ist.“ Aber die drei Semester an der Uni kosten sie viel Kraft. Als sie dann durch die Prüfung fällt, wird der Glaube besonders wichtig für sie. Den hat sie während ihrer Konfirmandenzeit kennen und schätzen gelernt. Doch nun ist er nicht nur treuer Begleiter, sondern eine neue Perspektive.

„Während meiner Konfi-Zeit habe ich schon einmal mit dem Gedanken gespielt, evangelische Pfarrerin zu werden“, sagt sie und lächelt. Damals ist der Gedanke noch eine fixe Idee. Heute wird aus der Idee langsam Realität: Jana Weber entdeckt ihre Leidenschaft für Kirchengeschichte und dafür, anderen Menschen nahe zu sein und ihnen zu helfen. Sie informiert sich und merkt schnell, dass die Internet-Recherche nicht ausreicht. Sie wendet sich an den Bad Marienberger Pfarrer Oliver Salzmann und vereinbart mit ihm ein zweiwöchiges Praktikum. 14 Tage, in denen sie Freud und Leid erlebt.

Das Leid wartet gleich zu Beginn auf sie: Sie begleitet den Pfarrer zu einem Trauergespräch. „Da habe ich nur dabeigesessen und zugehört. Etwas anderes hätte ich mich auch nicht getraut“, gibt sie zu. Die Begegnung mit der Familie geht ihr nahe. Bei der Trauerfeier kämpft auch sie mit den Tränen.

Dann der Konfirmandenunterricht. Auch hier kämpft sie. „Am Anfang ist mir der Unterricht ziemlich schwergefallen“, sagt sie. „Ich konnte nicht damit umgehen, dass das, wovon ich begeistert bin, nicht zurückkommt.“ Aber Jana Weber erinnert sich an ihre eigene Konfizeit und daran, wie sie selbst mit 13, 14 Jahren getickt hat. „Das hat mir geholfen. In der zweiten Woche lief die Zeit mit den Jugendlichen schon viel besser“, sagt sie.

Im Religionsunterricht ist sie aber gleich in ihrem Element. Jana Weber liebt es, anderen Dinge zu erklären und findet direkt einen Draht zu den Kindern. „Die Fragen der Grundschüler kommen direkt aus dem Herzen. Sie haben noch so einen einfachen, ehrlichen Glauben. Das finde ich schön“, sagt sie.

Während der beiden Wochen in Bad Marienberg lernt sie aber auch die andere Seite des Pfarrberufs kennen. Die, die nicht direkt mit Menschen zu tun hat. Sie trifft sich mit dem Kirchenbauausschuss, schnuppert in die Verwaltungsarbeit hinein. Sie erlebt Dienstbesprechungen, Rechnungsprüfungen, Anträge. Aber sie erlebt natürlich auch: den Gottesdienst. Jana Weber übernimmt die Schriftlesung und das Glaubensbekenntnis. Sie mag es, vor Gruppen zu sprechen und genießt, mit anderen den Glauben zu feiern und zu teilen. „Das habe ich im Gottesdienst genauso erlebt wie auch beim Geburtstagsbesuch bei einer 85-jährigen Dame“, sagt sie. Was ihr aber auch klar wird: Pfarrerin sein ist ein 24-Stunden-Job. „Man macht nicht einfach die Tür zu und ist einfach nur die Jana Weber. Ich werde dann immer die Pfarrerin sein. Das fällt mir schon schwer.“

Auch wenn sie Technik mag: Jana Weber ist keine Maschine. Und sie weiß heute noch nicht, ob der Pfarrberuf für sie funktioniert. „Möchte ist meinen Glauben zum Beruf machen? Dass ich glaube, weiß ich. Aber als Pfarrerin glaube ich öffentlich. Die Frage ist: Will ich das?“
Die andere Frage ist: Kann sie das? Pfarrer Oliver Salzmann, der sie zwei Wochen lang unter seinen Fittichen hatte, glaubt: Jana Weber kann das. „Sie wäre eine gute Pfarrerin. Sie ist offen, geht gerne auf Menschen zu, tauscht sich mit ihnen aus und hat Lust darauf, frische Dinge zu tun.“



Bis zum Sommer will sich Jana Weber entscheiden. „Diesmal soll’s die richtige Wahl sein. Noch einmal wechseln möchte ich nicht“, sagt sie „Ich werde die Sache in Ruhe mit meiner Familie und mit Gott besprechen. Das hat mir schon oft Halt gegeben, wenn sich in meinem Leben Dinge verändert haben.“ (bon)

Im Detail: 225 Menschen wollen in den Pfarrberuf
Die Ausbildung zur Pfarrerin und zum Pfarrer kann grob in drei Phasen unterteilt werden:
Das Theologiestudium dauert etwa 14 Semester. Danach beginnt das 28-monatige Vikariat. Es besteht aus der Gemeindephase, der Ausbildungszeit im Theologischen Seminar Herborn und endet mit dem Zweiten Theologischen Examen. Zum Vikariat gehört auch das sechsmonatige Spezialpraktikum. Dann folgt der Pfarrdienst. An dessen Anfang steht die Berufung in das „Pfarrdienstverhältnis auf Probe“ durch die Kirchenleitung sowie die Ordination. Nach weiteren drei Jahren folgt in der Regel die Berufung in das Pfarrdienstverhältnis auf Lebenszeit. Dann sind Bewerbungen auf alle Pfarrstellen möglich.

Derzeit wollen 225 Theologiestudentinnen und –studenten Pfarrerinnen und Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) werden. Die Studierenden teilen das der Landeskirche während des Studiums per Liste mit, erklärt Anja Schwier-Weinrich, Pfarrerin für Nachwuchsgewinnung bei der EKHN. „Im vergangenen Jahr sind 33 neue hinzugekommen; 2018 waren es 32 neue und 2017 44.“ Menschen wie Jana Weber, die sich während oder nach dem Studium umentscheiden, sind bei der EKHN übrigens nicht ungewöhnlich, sagt Anja Schwier-Weinrich: „Besonders Theologiestudenten, die zunächst auf Lehramt studieren, wollen während des Studiums tiefer gehen und entscheiden sich fürs Pfarramt.“ Es gibt auch diejenigen, die sich nach dem Abitur das Theologiestudium nicht zutrauen oder Bedenken haben, Menschen zu beerdigen: „Diese Männer und Frauen studieren zunächst ein anderes Fach, sehnen sich aber nach einer Arbeit mit einem tieferen Sinn. Das ist eine Aussage, die wir sehr oft hören“, sagt die Pfarrerin. „Wer dann schon ein abgeschlossenes Studium oder Berufserfahrung hat, kann einen Weiterbildungsstudiengang zum ,Master of Theological Studies‘ absolvieren. Der dauert in der Regel nur drei Jahre und führt genau wie ein Vollstudium ins Vikariat der EKHN.“ (bon)

Weitere Infos zum Pfarrberuf auf der Seite der Landeskirche: www.ekhn.de oder www.machdochwasduglaubst.de.


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