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Nachricht vom 24.03.2020    

Gesundheitssystem und -verhalten in Zeiten von Corona

Die Corona-Krise belegt die große Bedeutung unseres solidarischen Gesundheitssystems. Für Prof. Dr. Claus Wendt von der Uni Siegen zeigt sich aktuell aber auch, wie wichtig es ist, das System durch individuelles Verhalten zu entlasten – nicht nur in Krisen-Zeiten.

Prof. Dr. Claus Wendt (Foto: Uni Siegen)

Siegen. Mehr als ein Zehntel der vorhandenen Ressourcen wird in Deutschland für die Gesundheitsversorgung aufgewendet. Wie wichtig eine gute Versorgung in einem öffentlichen, solidarischen Gesundheitssystem ist, zeigt sich besonders angesichts der aktuellen Corona-Krise, erklärt Prof. Dr. Claus Wendt, der an der Universität Siegen den Lehrstuhl für „Soziologie der Gesundheit und des Gesundheitssystems“ innehat: „Wir haben in Deutschland über viele Jahre hinweg eine hochwertige Gesundheitsversorgung aufgebaut, die uns allen unabhängig vom Einkommen die erforderlichen lebensrettenden Maßnahmen bietet. Wir zahlen monatlich hohe Beträge in das System ein – damit wir dann, wenn wir auf Gesundheitsleistungen angewiesen sind, diese auch erhalten.“ Das hohe Vertrauen der Bevölkerung in das Gesundheitssystem und in die Ärztinnen und Ärzte sei in sozialwissenschaftlichen Umfragen wiederholt bestätigt worden, sagt Wendt. Gleichzeitig halte die Corona-Krise der Gesellschaft in mehrfacher Hinsicht einen Spiegel vor.

„Die Krise zeigt sehr deutlich, dass wir durch unser individuelles Verhalten das Gesundheitssystem unmittelbar entlasten können. Neben dem technischen Fortschritt und besseren Therapien ist dies die beste Möglichkeit, das System und diejenigen, die uns im Krankheitsfall versorgen, vor einer akuten Überlastung zu bewahren“, betont Prof. Wendt. Die aktuelle, dynamische Entwicklung der Pandemie sei ein eindringlicher Beleg dafür, dass in bestimmten Situationen eine solche Überlastung unseres Gesundheitssystems droht. Die vergangenen Tage sieht der Experte jedoch auch als positiven Beweis, dass wir unser Verhalten durchaus ändern können: „Wir sind in der Lage, uns anzupassen. Einerseits, um unsere eigene Gesundheit zu schützen – aber auch aus Solidarität gegenüber jenen, deren Gesundheit durch das Coronavirus besonders gefährdet ist. Das klappt bei großen Teilen der Bevölkerung auch ohne Verbote oder drohende Strafen.“

Die Tatsache, dass das Gesundheitssystem auch auf ein gesundheitsbewusstes Verhalten der BürgerInnen angewiesen ist, gilt laut Wendt auch jenseits der aktuellen Extremsituation: „Eine weitere potenzielle Überlastung entsteht durch den demografischen Wandel. Die Zahl derjenigen, die wir aktuell als hohe Risikogruppen besonders schützen wollen, wird in Zukunft steigen. Diejenigen, die Beiträge und Steuern einzahlen, werden weniger“, erklärt Wendt. In drei wichtigen Lebensbereichen sei unser Verhalten für die eigene Gesundheit – und damit auch für das Funktionieren unseres Gesundheitssystems – besonders relevant: Im Bereich der Ernährung, beim Thema Sport und Bewegung, sowie in einem gesunden beruflichen Umfeld.

„Wenn wir hier unser Verhalten ändern, stärken wir unser Immunsystem und können uns besser schützen – auch in der aktuellen Krise. Vorsorge sollte über den Erwerb zusätzlicher Toilettenpapierrollen hinausgehen“, empfiehlt Wendt. Die aktuelle Situation vieler ArbeitnehmerInnen sieht er dabei auch als Chance für einen gesünderen Alltag: So biete sich durch Homeoffice oder reduzierte Arbeitszeiten für viele die Gelegenheit, stärker auf eine ausgewogene Ernährung zu achten, Fertigprodukte wegzulassen und stattdessen selbst mit frischen Zutaten zu kochen. Zugleich lobt Wendt, dass Spazierengehen und Joggen in Deutschland weiterhin erlaubt sind: „Das ist für unsere Gesundheit besonders wichtig. Auch hier können sich durch den veränderten Alltag neue Möglichkeiten ergeben – ideal wäre, sich einmal pro Tag für mindestens 30 Minuten sportlich zu betätigen.“ Dies trage auch dazu bei, den Stress bei der Arbeit zu reduzieren, sagt Wendt: „Das Bedürfnis, während des Arbeitstages einen kurzen Spaziergang oder sogar eine Laufrunde einzulegen, dürfte mit der Dauer der Heimarbeit steigen und wird hoffentlich fortgesetzt, wenn wir wieder zur Normalität übergehen.“

Ein großes Problem sieht Wendt in der gesundheitlichen Ungleichheit innerhalb der Bevölkerung. Menschen mit geringerem Einkommen sind demnach häufiger krank und sterben etwa zehn Jahre früher, als diejenigen aus der obersten Einkommensgruppe. Der Grund sei in erster Linie das unterschiedliche Gesundheitsverhalten dieser Gruppen, konstatiert Wendt. Er sieht Kindergärten, Schulen, Universitäten, Behörden, Organisationen und Unternehmen in der Pflicht, durch gesunde Ernährung, Bewegungsmöglichkeiten, gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen und Aufklärung einen Rahmen zu schaffen, der alle gesellschaftlichen Gruppen erreicht. „Auch nach der Corona-Krise wird es notwendig sein, dass wir durch unser Verhalten das Gesundheitssystem entlasten. Nur dann werden die Gesundheitsleistungen für diejenigen ausreichen, die sie dringend benötigen“, sagt Wendt.



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