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Nachricht vom 19.11.2019    

Sprengstoff soziale Gerechtigkeit

Von Helmi Tischler-Venter

„Ökologisch und sozial gerecht – zwei Seiten der gleichen Medaille?“. Antworten auf diese Frage wurden in Vorträgen, Statements und Diskussionsrunde am Montag, 18. November im Stadthaus in Selters gesucht. Eingeladen hatten die Friedrich-Ebert-Stiftung und das Forum Soziale Gerechtigkeit.

Prof. Dr. Christoph Görg bei seinem Impulsvortrag. Fotos: Helmi Tischler-Venter

Selters. Stephanie Hepper begrüßte für die Friedrich-Ebert-Stiftung Rheinland-Pfalz/Saarland die interessierten Gäste, die den Saal bis zum letzten Platz füllten. Sie wies darauf hin, dass Klimaschutz derzeit in aller Munde ist und einige Städte bereits den Klimanotruf ausgelöst haben. Stadtbürgermeister Rolf Jung freute sich, dass seine Stadt als Austragungsort für das brisante Thema ausgewählt wurde. Forumssprecher Uli Schmidt widmete den Abend dem von ihm verehrten SPD-Politiker Erhard Eppler, der in den 70er Jahren bereits postulierte, dass Ökologie und Soziales immer zusammen gehören, weil die Spaltung der Welt ethisch verwerflich ist und den Weltfrieden bedroht.

Schmidt stellte als Moderator den aus Selters stammenden Hauptreferenten Prof. Dr. Christoph Görg als Leiter des Instituts für Soziale Ökologie (SEC) an der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien vor. In seinem Vortrag beschäftigte sich der Wissenschaftler mit dem Thema „Klimagerechtigkeit - globale, nationale und lokale Dimensionen“. Nach Görgs Erkenntnis wird die Fragestellung immer wichtiger, was sozial gerecht ist und ob Klimamaßnahmen zusätzlich belastend wirken. Es erweist sich tatsächlich als zwei Seiten einer Medaille: Ökologische Umgestaltung muss sozial gerecht sein und umgekehrt: Soziale Gerechtigkeit gelingt nur bei einem ökologischen Umbau. Die Klimakrise betont die Notwendigkeit einer tiefgehenden gesellschaftlichen Transformation mit dem Ziel der Klimagerechtigkeit.

Die technische Entwicklung nach den Weltkriegen, die das Leben leichter gemacht hat und materiellen Wohlstand brachte, bewirkte als Kehrseite einen seit 1950 exponentiell steigenden Ressourcenverbrauch. Leider war die Politik nicht in der Lage, den Natur-, Energie- und Materialverbrauch zu gestalten. Görg belegte mittels Untersuchungsergebnissen, dass der Verbrauch weltweit unterschiedliche Verlaufsformen aufweist, wodurch eine soziale Polarisierung entsteht. Denn der Klimawandel wirkt keineswegs in der Zukunft: „neben uns die Sintflut!“ Der globale Wandel produziert lokale Verwundbarkeiten vor allem im Süden. In der Folge des Klimawandels werden viele kleine Inselstaaten untergehen.

Fazit: Soziale und ökologische Aspekte sind miteinander verwoben. Wir leben ökologisch und sozial ungerecht (nicht-nachhaltig) auf Kosten der nachfolgenden Generationen und Menschen in anderen Regionen. Transformation unserer Naturverhältnisse ist unbedingt erforderlich. Derzeit gibt es drei große Transformationsstrategien: Ökologische Modernisierung, das heißt Effizienzsteigerung, Entkopplung von Wohlstand und Ressourcenverbrauch, Grünes Wachstum durch erneuerbare Energien und grüne Wachstumskoalition sowie die Große Transformation, die gutes Leben für Alle und Post-Wachstum bedeutet. Die Frage „Was ist ein gutes Leben für Alle?“ kann nur bottom-up umgesetzt werden.

Matthias Müller, Kreisvorsitzender des Bauern- und Winzerverbands erläuterte den landwirtschaftlichen Wandel anhand seines eigenen Werdegangs. Er forderte, den klimaschädlichen Methanausstoß zu verringern durch mehr kleine Biogas-Anlagen und die Flächen für ökologische Grünland-Bewirtschaftung zu steigern. Niedrige Preise in erster Linie und unsachliche Angriffe zwängen viele Tierhalter zur Betriebs-Aufgabe. Da der Fleischverbrauch immer noch sehr hoch ist, werden die Lebensmittel irgendwo in der Welt erzeugt, wo man keine Kontrolle über deren Herstellung hat.

Markus Mann von Mann-Naturenergie in Langenbach, ein Pionier für erneuerbare Energien, forderte die Menschen mitzunehmen in der Region. Ziel: Dezentralisierung der Energieversorgung, dann wäre auch die Politik nicht so erpressbar. „Wir müssen die Aushöhlung des Planeten stoppen. Jeder sollte seinen eigenen Pariser Klimaplan machen und sollte sich überlegen, was für sein gutes Leben unabdingbar ist und wie er seinen ökologischen Fußabdruck minimieren kann.“ Auf jedes Dach gehöre eine Photovoltaikanlage, aber diese Entwicklung werde durch die Bürokratie blockiert, weil man damit zum „Energieversorger“ werde.

An einer Gesprächsrunde beteiligte sich auch Günter Salz von der Katholischen Arbeitnehmerbewegung, der den Kapitalismus als Ausbeuter von Mensch und Natur anprangerte. Kapital sei prinzipiell maßlos, unendlich und unempfindlich im Gegensatz zur empfindlichen und endlichen Natur, die Millionen von Jahren braucht, um Ressourcen auszubilden. „Wir brauchen ein neues Naturverhältnis!“

Wilfried Kehr von der Fachstelle Gesellschaftliche Verantwortung im Evangelischen Dekanat Westerwald ist dabei, unter dem Label „Grüner Hahn“ den Energieverbrauch in den Kirchengemeinden überprüfen und nachhaltiger gestalten zu lassen. Im Bereich Ökologie sah er Nachholbedarf. Zudem sei das Diakonische Werk ganz nahe am Menschen, indem es Lebensmittel-Tafeln und Kleiderläden im Westerwald unterhalte.

Aus Zeitgründen konnte nur eine kurze Diskussionsrunde mit Fachleuten und Besuchern durchgeführt werden. Auch MdL Dr. Tanja Machalet hatte wenig Zeit für ihr Schlusswort, in dem sie konstatierte, dass die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit zentral sei, weil Klimaschutz sonst nicht funktioniere.

Da das Thema auf sehr großes Interesse stieß, plant Uli Schmidt bereits eine Fortsetzung in Selters, dann auch mit mehr Frauenbeteiligung. htv


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