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Nachricht vom 09.10.2019    

Über den Holzweg in die Zukunft

Studium oder lieber eine Handwerksausbildung? In Deutschland steht für viele junge Menschen nach dem Eintreten in die Oberstufe fest, was sie nach dem Abitur machen möchten: Studieren, na klar. Und wenn möglich, später viel Geld verdienen. Martin Rabiaa zog es nach dem Abitur an die Uni. Doch schnell merkte er, dass das ganze Lernen nichts für ihn ist. Aus diesem Grund entschied er sich für eine Ausbildung zum Zimmerer. Die Inspiration hierzu fand er auf einer Reise nach Australien.

Immer ein Lächeln parat: Martin Rabiaa bei der Arbeit. Foto: privat

Dernbach. Auch Martin Rabiaa aus Dernbach schlug nach der allgemeinen Hochschulreife den Weg an die Universität ein. „Für viele Jüngere ist das Handwerk nicht wirklich attraktiv“, sagt der 23-Jährige. Die Ausbildung sei in vielen Gewerken nicht gut bezahlt – für die meisten ein Ausschlusskriterium. Das war auch sein erster Eindruck. Deshalb zog es ihn an die Uni. Schnell merkte er aber, dass ihm das ganze „Reinpauken“ – wie er es nennt – keinen Spaß machte. Er wollte lieber anpacken, erschaffen. Also entschied er sich dazu, Zimmerer zu werden.

„Ideen in die Tat umsetzen, Hand anlegen – das sind einer der vielen Gründe, warum sich junge Menschen nach dem Abitur für einen Beruf im Handwerk entscheiden“, erzählt Kurt Krautscheid. Sprecher der Handwerkskammern Rheinland-Pfalz und Präsident der Handwerkskammer Koblenz. Vor allem der Zuwachs an Abiturienten im Bereich Zimmerer-Ausbildung zeige, dass die Vorteile und die Attraktivität der dualen Berufsausbildung in dem Gewerk bei Jugendlichen und Eltern Gehör finden.

„Aktuell haben in unserem Beritt Koblenz 52 junge Menschen ihre Lehre als Zimmerer begonnen – neun davon haben Abitur“, sagt Krautscheid. Dabei würden die Ausbildungsverhältnisse für 2019 noch bis Ende des Jahres erfasst, wie er hinzufügt. Im vergangenen Jahr waren es 56 Auszubil-dende, darunter zwölf mit Abitur. „So wie es aussieht, werden wir diese Marke mit aller Wahr-scheinlichkeit zum Ende des Jahres hin knacken.“

Vom Traum, ein eigenes Haus zu bauen
Der Beruf des Zimmerers sei attraktiv und die Auftragslage gut, da Holz momentan einen Boom mit unbegrenzten Einsatzmöglichkeiten erlebe, erklärt der Sprecher der Handwerkskammern Rheinland-Pfalz. Für Rabiaa, der mit seiner Ausbildung in einem Westerwälder Familienunternehmen im August dieses Jahres angefangen hat und sich dort pudelwohl fühlt, ergeben sich künftig vielfältige und vor allem spannende Aufgaben: „Von der Restaurierung alter Gebäude über den Innenausbau bis zum Erstellen ganzer Häuser in traditioneller Fachwerkbauweise oder moderner Energiesparhäuser ist alles möglich“, schwärmt der 23-Jährige, der sein Traumhaus später selbst bauen möchte.

Als Inspiration für sein Vorhaben dient ihm der Australier Brett, bei dem er sieben Monate auf dem Hof gelebt und gearbeitet hat. „Bevor ich mit meiner Lehre angefangen habe, bin ich nach Australien gereist – zum einen, um etwas von der Welt zu sehen, zum anderen, um Erfahrungen zu sammeln. Auf seinem Grundstück habe ich Brett unter anderem geholfen, Holzhütten zu bauen, die er an Touristen oder Einheimische vermieten wollte“, erinnert sich Rabiaa. „Das war ein ziemlich cooles Projekt. Von heute auf morgen haben wir einfach angefangen, zu bauen. Das fand ich irgendwie schön.“ So schön, dass sich der junge Zimmerer-Lehrling gedacht hat, dass er das für seine Zukunft auch möchte.



Allerdings gibt es im Vergleich zu Australien einen kleinen feinen Unterschied. „Es gab keine Baugenehmigung und als Brett irgendwann zu mir meinte, dass die Bolzen einigermaßen gerade im Boden stehen, kam der ‚Deutsche‘ in mir durch. Ich dachte mir nur ‚Moment!‘ und schlug vor, ihm einen Entwurf anzufertigen. Aber den wollte er gar nicht sehen, für ihn war alles in Ordnung“, sagt Rabiaa und schüttelt grinsend den Kopf. Die Australier seien dahingehend sehr entspannt.

Andere Wertschätzung für das Handwerk
„Ich habe ja noch bei ein paar anderen Adressen Erfahrungen sammeln können. Da war es ähnlich locker“, erzählt der Zimmerer-Lehrling. Allerdings sei die Wertschätzung für das Handwerk in ‚Down Under‘ im Vergleich zu Deutschland eine ganz andere gewesen, betont er. „Den Australiern scheint irgendwie bewusster zu sein, dass ohne Handwerker nichts läuft. An jeder Ecke wird ihre Hilfe gebraucht. Deshalb spiegelt sich die Anerkennung auch im Umgang mit den Menschen wider.“

Diese Wertschätzung würde sich Rabiaa auch für Deutschland wünschen. „Ich habe das Gefühl, dass das Handwerk bei uns keinen großen Stellenwert genießt. Nur wer studiert, wird gesellschaftlich akzeptiert. Dabei sollte das Handwerk schon aufgrund seiner schaffenden und kreativen Ader höheres Ansehen genießen. Die Australier haben das erkannt. Das würde ich mir auch für Deutschland wünschen.“

Zahlen der Handwerkskammer Koblenz
2017 gab es im Vergleich zu 2016 und 2018 einen regelrechten Andrang. So fingen 78 Auszubildende ihre Lehre als Zimmerer an. Davon hatten 38 einen Hauptschul- (HS), 24 einen Realschulabschluss (RS) und 15 Abitur. Einer hatte sogar keinen Schulabschluss. 2016 waren es 45 Lehrlinge (18 HS, 16 RS, 11 Abitur), 2018 entschieden sich 56 (22 HS, 22 RS, 12 Abitur) für eine Zimmerer-Ausbildung.

Ein Jahr übersprungen
Eine Ausbildung dauert für gewöhnlich drei Jahre. Unter bestimmten Voraussetzungen kann die Ausbildungszeit jedoch verkürzt werden. Die rechtliche Grundlage hierfür bildet das Berufsbildungsgesetz. Dieses besagt, dass die Ausbildungszeit verkürzt werden kann, wenn zu erwarten ist, dass das Ausbildungsziel in der gekürzten Zeit erreicht wird (Paragraph 8 BBiG). Wer eine berufliche Vorbildung, wie ein Berufsgrundbildungsjahr, oder einen hohen Schulabschluss vorweisen kann, kann bereits vor Beginn der Ausbildung einen Antrag auf Verkürzung stellen. Martin Rabiaa hat im August dieses Jahres seine Ausbildung zum Zimmerer begonnen. Dabei ist er wegen seines Abiturs direkt im zweiten Lehrjahr gelandet. Hier verdient man zwischen 840 und 1060 Euro im Monat. Im ersten Lehrjahr sind es 610 bis 690 Euro. Im letzten Jahr können sich Auszubildende auf Summen zwischen 1060 und 1340 Euro freuen – je nach Betrieb. (PM)


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