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Nachricht vom 09.05.2019 - 18:48 Uhr    

„Westerwälder Gespräche“ befassten sich mit deutscher Bildung

Im Rahmen der inzwischen fest etablierten „Westerwälder Gespräche“ hatten die Initiatoren des Forums, Jenny Groß vom Raiffeisen-Campus Wirges, und Dominic Bastian vom Konrad-Adenauer-Gymnasium Westerburg, einen wahren Kenner des deutschen Bildungssystems nach Westerburg eingeladen: Den Bildungsforscher und Publizisten Dr. Rainer Bölling.

Jenny Groß und Dominic Bastian mit Dr. Rainer Bölling (links). Fotos: wear

Westerburg. Das Thema seines Referates lautete: „Das deutsche Bildungswesen im internationalen Vergleich – wirklich so schlecht, wie sein Ruf?“ Wenn man die Vita von Dr. Bölling betrachtet, dann ist er geradezu prädestiniert, sich zu diesem wichtigen Thema einzubringen und zu äußern. Er hat Geschichte und lateinische Philologie studiert und in Neuerer Geschichte promoviert. Von 1977 bis 1988 hatte er einen Lehrstuhl an den Universitäten Essen und Düsseldorf inne, bevor er von 1984 bis 2007 als Lehrkraft an das Gymnasium Hochdahl in Erkrath wechselte. Seit 2008 übt Dr. Bölling die publizistische Tätigkeit als Bildungsforscher aus. In diesem Genre hat er sich den Ruf eines international anerkannten Fachmannes erworben, er ist ein gefragter Redner, Interviewpartner und Partner auf allen Kanälen bei Funk, Fernsehen und Presse. Im Laufe des Referats erwies sich Dr. Bölling als streitbarer Geist, der nicht zu allem Ja und Amen sagt, was der Öffentlichkeit von der Politik aufgetischt wird. Gerade aus diesem Grund erfolgte wohl auch die Einladung nach Westerburg, denn es hatten sich doch viele interessierte Zuhörer im Ratssaal eingefunden, die seinen Thesen folgten.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Jenny Groß wartete eine kleine Überraschung auf die Gäste, als Lisanne Lenz von der Gitarren-AG des Konrad-Adenauer-Gymnasiums in Westerburg auf ihrer Ukulele den Super-Hit „Can’t help falling in love“ von Elvis Presley vortrug, dazu wunderschön sang. Nachdem der Beifall abgeklungen war, nutzte Lisanne die Gelegenheit, auf das Gitarrenkonzert am 10. Mai in der Aula des Konrad-Adenauer-Gymnasiums hinzuweisen, welches von der Gitarren-AG bestritten wird.

Im Anschluss begann Dr. Bölling seinen Vortrag, den er unter mehreren Schwerpunkten aufteilte: PISA – Anspruch und Wirklichkeit; Das deutsche Schulwesen – ungerecht wie kaum ein anderes? Hat Deutschland zu wenig Abiturienten und Akademiker? Der Sinn und Unsinn des deutschen Bildungsförderalismus, sowie der Lehrermangel als Problem der Zukunft. Dr. Bölling referierte ausführlich zu allen Themen, gut verständlich, ohne den Akademiker belehrend rauszuhängen. Wegen der Ausführlichkeit der sehr komplexen Themen können nur die wesentlichen Punkte des Referates erwähnt und beschrieben werden.

Die PISA-Studien hatten es dem Redner besonders angetan, denn dem Grunde nach konnte er ihnen nichts abgewinnen, weil sich gerade die Macher der Studien häufig nicht an die eigenen Vorgaben hielten, deshalb in vielen Fällen willkürliche Bewertungen getroffen würden. So sollen zum Beispiel die Leistungen von den rund 774.000 Schüler in Deutschland 96 Prozent der 15-Jährigen ausgewertet werden. Tatsächlich würde aber nur ein Prozent beurteilt, der Rest wird praktisch mehr oder weniger hochgerechnet. Darum sind in den Augen des Bildungsforschers die Ergebnisse der PISA-Studien mit erheblichen Zweifeln versehen und werden von der Politik, je nach Ergebnis und Bedarf, meistens positiv interpretiert. Wenn Länder wie Singapur oder Kanada die PISA-Liste anführen, dann sei das sehr leicht zu erklären, da beide Länder bei der Zuwanderung vorschreiben, dass eine Grundvoraussetzung das Beherrschen der Muttersprache sei. Hier würden Äpfel mit Birnen verglichen.

In Deutschland hinken die Kinder und Jugendlichen der zugewanderten Familien knapp eineinhalb Jahre hinter dem deutschen Durchschnitt hinterher. Die PISA-Studie behauptet sogar, dass die soziale Ungerechtigkeit in Deutschland stärker mit der Einschätzung der Lehrer als mit den Leistungen zusammenhängt, auf die Lehrer kommt es an. In den Spitzenländern werde großer Wert auf die Auswahl und Ausbildung der Lehrer gelegt. Das kann man auch als einen Frontalangriff auf die deutsche Lehrerschaft werten. Rainer Bölling brach insgesamt eine Lanze für das Lehrpersonal, als er auf das Versagen der Politik hinwies, die den demografischen Wandel total unterschätzt habe, und deshalb zurzeit rund 40.000 Lehrkräfte fehlen, wobei der Mangel durch Pensionäre, Seiteneinsteiger und Studenten behoben werden soll.

Ein gravierender Fehler der Politik, aber auch der Eltern, ist die Tatsache, dass das Abitur und das Studium, über die berufliche Ausbildung gestellt wurden. Nun hat wegen des Fachkräftemangels ein Umdenken stattgefunden, das aber nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann. Gleichheit habe nichts mit Gerechtigkeit zu tun, so Dr. Bölling. Weiter forderte er ein Ende des „Akademikerwahnsinns“, da viele Akademiker in Berufe gehen müssten, die unter ihrer beruflichen Qualität liegen. „Die Abiturientenquoten sagen nichts über die Qualität der Studierenden aus“, so die klare Meinung des Publizisten.

Ein wichtiges Thema sprach Dr. Bölling mit dem Zuständigkeits-Wirr-Warr zwischen Bund und Ländern bei der Bildungspolitik an. Die unterschiedliche Handhabung in den 16 Bundesländern müsse besser gesteuert und vereinheitlicht werden, zum Beispiel durch eine einheitliche Notenbewertung. Bei gleicher Aufgabenstellung und Lösung, variierten die Noten bei einem Test in verschiedenen Bundesländern zwischen 1,9 und 2,3. Den Satz des Abends sprach Dr. Böllig, als er meinte: „Vater versetzt, Kind sitzengeblieben.“ Damit meinte er die Veränderung der Schulform und der Notengebung, sollte ein Elternteil in ein anderes Bundesland versetzt werden, oder aus anderen Gründen umziehen.

Die Zuhörer dankten Dr. Rainer Bölling für seine fundierten, analytischen Ausführungen, mit viel Beifall. Bei der noch folgenden Diskussion wurden viele Punkte aus dem Referat aufgegriffen, die noch ausgiebig erörtert wurden. wear


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