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Nachricht vom 18.02.2019 - 10:23 Uhr    

Wenn „kostenlose“ Spiele Menschen in den Ruin treiben

Wer hätte das gedacht? Die meisten der rund 34 Millionen Deutschen, die regelmäßig am Rechner zocken, sind über 50 Jahre alt. Mit solchen Untersuchungsergebnissen hat die neueste Ausgabe des „Westerburger Dialogs“ bei rund 90 Besucherinnen und Besuchern für viele Aha-Erlebnisse gesorgt. Doch diesmal ging es nicht nur um interessante Zahlen und Fakten. Es ging unter die Haut. Denn die Fachtagung fand unter der Überschrift „Mediennutzung – (k)ein Problem?“ statt und hat viele Gäste nachdenklich gemacht.

Michael Dreier. Fotos: Peter Bongard

Westerwaldkreis. Denn so alltäglich der Umgang mit Medien inzwischen ist: Für manche Menschen wird er zum Risiko. Der erste Referent des vom Diakonischen Werk Westerwald veranstalteten Nachmittags, Michael Dreier, verdeutlicht das mit einer Zahl, nach der rund 20 Prozent der 14- bis 16-Jährigen entweder süchtig nach digitalen Medien sind oder diese zumindest „missbräuchlich“ nutzen – also kurz davor sind, die Kontrolle zu verlieren. Alarmsignale für eine sogenannte „Gaming Disorder“ sind zum Beispiel Interessenverlust, Antriebslosigkeit oder nachlassende Leistung in Schule oder Beruf. „Die Betroffenen machen selbst dann noch weiter, wenn sie die negativen Konsequenzen kennen“, sagt Dreier, der als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ambulanz für Spielsucht in der Mainzer Universitätsmedizin mit vielen solcher Fälle vertraut ist.

Kurze Phasen exzessiven Zockens müssen aber nicht immer ein Anzeichen einer Sucht sein, schränkt er ein: „Es ist normal, dass mehr Zeit vor dem Rechner verbracht wird, wenn zum Beispiel der neue Teil eines Spiels erschienen ist. Von einer Gaming Disorder spricht man, wenn dieser Zustand länger als zwölf Monate dauert.“

Im Schnitt verbringen Jugendliche, die abhängig sind, fast sieben Stunden vor dem Bildschirm. Außerdem sie sind häufiger sozial oder emotional auffällig als ihre nicht-abhängigen Altersgenossen. „Dabei haben die Betroffenen im Grunde nur einen Wunsch: ,Ich möchte glücklich sein’“, erklärt Dreier. Die Medien geben ihnen diese schnelle Befriedigung und überlagern andere Dinge und Probleme. „Die Sucht wächst sich mit dem Alter nicht aus. Denn diejenigen Erfahrungen, die uns als jungen Menschen ein gutes Gefühl geben, speichert sich das Gehirn ab und fordert sie dann wieder ein, wenn wir als Erwachsene Probleme bewältigen müssen“, erläutert der Experte.

Doch es gibt Auswege aus der Medien-Abhängigkeit. Diese können mit kleinen, täglichen Übungen beginnen – etwa mit ausgewiesenen Smartphone-freien Zonen im Haus. Das können aber auch Therapien sein, die nicht die Abstinenz von Medien, sondern den bewussten Umgang mit ihnen zum Ziel haben. Die Zeit nach einer solchen Therapie ist besonders wichtig: „Studien zeigen, dass es betroffenen Jugendliche nach einer Therapie in vielen Bereichen besser geht – außer bei den schulischen Leistungen und im Emotionalen“, weiß Michael Dreier. „Denn dann kommt oft die Erkenntnis, dass es mit der Versetzung tatsächlich nicht klappt – was wiederum zu einem emotionalen Tief führt.“ Ein wichtiger Job der Eltern ist dann, den Kindern erfüllende Alternativen zum Medienkonsum aufzuzeigen.

Besonders problematisch wird es, wenn Medienabhängigkeit nicht nur viel Kraft, sondern auch Geld kostet, etwa wenn Menschen süchtig nach sogenannten Free-to-Play-Angeboten sind. Meistens sind das Spiele, die kostenlos beginnen, für die der Spieler im weiteren Verlauf aber zahlen muss.

Christian Schaack hat selbst lange bei einem großen Spiele-Entwickler gearbeitet und ist heute stellvertretender Referatsleiter Suchtprävention bei der Mainzer Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz. Während seines Vortrags zeigt er, wie mächtig die Spielebranche inzwischen ist: „Die Gaming-Industrie setzt mehr um als Hollywood und Bollywood zusammen“, sagt er. Das Bemerkenswerte: Ausgerechnet die Free-to-Play-Titel gehören zu den umsatzstärksten Spielen. Die Methoden, mit denen diese „kostenlosen“ Programme Menschen an sich binden und ihnen immer mehr Geld aus der Tasche ziehen, sind perfide, erklärt Schaack: „Diese Games beinhalten beispielsweise Bezahlschranken, die den Nutzer in besonders spannenden Momenten ausbremsen und erst dann weiterspielen lassen, wenn er gezahlt hat.“ Hinzu kommen die gerade bei Jugendlichen beliebten „Skins“; also Grafiken, die den eigenen Spielecharakter besser aussehen (oder kämpfen) lassen. „Falls junge Menschen da nicht mitmachen, gelten sie auf dem Schulhof als ,Freak’. Früher waren Freaks diejenigen, die wussten, was cool ist. Heute ist es genau umgekehrt.“

Zwar kosten diese Spiele-Erweiterungen kein Vermögen. Aber oft ist es die Masse an kleinen Käufen, die schon junge Spieler in massive finanzielle Schwierigkeiten bringt. „Die Kosten werden innerhalb der Programme verschleiert“, weiß Schaack und mahnt, dass die Beträge schnell in die Tausende gehen können. „Von Betroffenen wurden durchschnittlich 2.600 Euro in digitale Spiele investiert. Wir sollten den Jungs und Mädchen mitgeben, dass sie sich nicht über den Tisch ziehen lassen statt ihnen generell den Computer oder die Konsole zu verbieten. Denn Medien sind integraler Bestandteil ihrer Welt. Zudem sollten die Eltern wissen, wann, wo und warum ihre Kinder Medien nutzen.“ Helfen kann dabei zum Beispiel ein Zeitbudget, an das sich dann aber bitteschön die ganze Familie hält, mahnt Christian Schaack. Bei allen (Spiel-)Regeln ist das Entscheidende, dass die Eltern mit den Kindern im Gespräch bleiben – sowohl wenn der Nachwuchs über die Erlebnisse in den Games erzählt als auch wenn’s um Thema Abhängigkeit geht. „Bauen Sie in diesen Gesprächen keinen Druck auf, verwenden Sie Ich- statt Du-Botschaften und überlassen Sie die Entscheidung über das weitere Vorgehen Ihrem Gegenüber“, rät Schaack.

Medien sind also nicht das Problem. Es ist die Art, wie wir mit ihnen umgehen. Deshalb passt der Vergleich mit Nahrungsmitteln, den Michael Dreier am Ende des Nachmittags noch einmal heranzieht: „Die Menschen brauchen das Essen. Aber manche essen zu viel, zu wenig oder ungesund.“ Beim Smartphone oder dem Rechner ist es ähnlich. Die digitalen „Ernährungstipps“ der Referenten und des Diakonischen Werks könnten tatsächlich helfen, den Medienkonsum künftig ausgewogener zu gestalten. (bon)

Weitere Infos und Hilfe zum Thema Medienabhängigkeit beim Diakonischen Werk Westerwald, Fachstelle Glücksspielsucht und Medienabhängigkeit, Telefon 02663/943026
 oder per E-Mail an lisa.herkersdorf@diakonie-westerwald.de.



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