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Nachricht vom 13.10.2018    

Gemündener Posaunenchor hält Musik seit 125 Jahren die Treue

Ob die fünf Handwerker geahnt haben, was sie da tun? Eigentlich wollen die Stuckateure aus Gemünden nur Musik machen, als sie sich im Jahr 1893 zum ersten Mal treffen. Als Ausgleich für die schwere Arbeit, als Gotteslob, weil’s ihnen Spaß macht. Damals hätten sie wahrscheinlich nicht gedacht, dass der neu gegründete Verein zwei Weltkriege überlebt und noch 125 Jahre später musiziert. Am 4. November feiert der Evangelische Posaunenchor Gemünden Geburtstag.

Der Evangelische Posaunenchor Gemünden gehört zu den ältesten innerhalb der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Dieses Foto entstand um 1910. Fotos: Privat

Gemünden. Damit gehört er nach den Ensembles aus Kleinlinden und Langgöns zu den drei ältesten innerhalb der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN).
Um etwas über die Anfangsjahre des Posaunenchores zu erfahren, braucht es schon ein gewisses Maß an detektivischer Akribie. Der Wengenrother Stefan Ferger ist leidenschaftlicher Heimatforscher und mit einer Engelsgeduld in Sachen Quellensuche gesegnet. Er durchforstet alte Schriftstücke, Zeitungsberichte und Protokolle und fasst sie nun in einer Festschrift zusammen. Den ersten dokumentierten Auftritt findet er in einer Schulchronik des Jahres 1895. Damals hat der „Trompetenchor“, wie er genannt wird, die Zuhörer im Gottesdienst „durch stimmungsvolle Musik erbaut und einen Festzug untermalt“, an dem sich die „Schuljugend und der Krieger- und Gesangsverein von Gemünden“ beteiligt haben, wie es heißt.

Das nächste Mal wird das Ensemble erst während der Kreissynode Marienberg (damals noch ohne „Bad“) im Jahre 1902 erwähnt. Außerdem schreibt das Kreisblatt von einem ,Lichtbildervortrag’, den der Posaunenchor im gleichen Jahr begleitet. Der damalige Pfarrer Karl Reitz sorgt schließlich dafür, dass sich die Informationslücken allmählich schließen. Während seiner Amtszeit wird deutlich häufiger über den Posaunenchor berichtet. Wir erfahren von Instrumenten, die die Gemeinde für die Musiker anschafft; es gibt handgeschriebene Notenbücher, und alte Berichte erzählen vom Musizieren bei ,Vaterländischen Festen’.

Das Vokabular ist im späten 19. Jahrhundert eben ein anderes als heute. Und die Verbindung zwischen Kirche und Thron ist sehr eng. Trotzdem legt der Posaunenchor damals wie heute Wert darauf, dass er ein kirchliche Gruppe ist: Um 1910 nennt er sich in „Evangelischer Musikverein ,Hoffnung’ Gemünden’ um – ein Name, der deutlich zeigt, welchem Herren die Musiker dienen.

Aber die politische Wirklichkeit macht auch vor einem geistlichen Ensemble nicht Halt: Als 1914 der Erste Weltkrieg beginnt, werden viele Musiker einberufen. Die Arbeit des Posaunenchores kommt zum Erliegen, und drei der Musiker fallen dem Krieg zum Opfer.

Das Jahr 1920 erlebt indes nicht nur die Wiedergeburt der frisch renovierten Gemündener Stiftskirche, sondern auch die des Posaunenchores, dessen Auftritt am 10. Oktober der erste ist, der nach dem Krieg erwähnt wird. Doch der nächste Rückschlag folgt drei Jahre später: 1923 stirbt Pfarrer Reitz, ein besonders eifriger Chronist und Unterstützer des Ensembles. Über die folgenden Jahre ist deshalb leider nur wenig bekannt – wohl aber, dass die Verquickung von Weltlichem und Geistlichem auch vor dem Chor nicht Halt macht. Das ist manchmal amüsant, wenn beispielsweise angedeutet wird, dass einige Bläser auch im Tanzmusikverein aufspielen. Manchmal ist es auch ausgesprochen traurig. Denn ein paar Musiker sind sowohl im Posaunenchor als auch in der SA-Kapelle aktiv.

Während des Zweiten Weltkriegs liegt der Chor wieder am Boden und wird erst 1945 vom Dirigenten und Gründer August Ferger reanimiert. Da das 25-jährige und 50-jährige Bestehen in die Kriegsjahre fällt, feiern die Bläser 1948 ihr 55-jähriges Bestehen – mit mehreren Auftritten in Friedenszeiten und „zu Ehre Gottes“.
1956 stirbt mit August Ferger schließlich das Urgestein des Chores.

Seine Nachfolge tritt Helmut Schmidt an. Unter ihm bekommt der Chor in diesem Jahr zwar einen festen Proberaum; das Engagement lässt damals allerdings zu wünschen übrig: Die Chronik beklagt, dass nur wenige Gemeindeglieder bereit sind, im Chor zum ,Lob Gottes mitzuwirken’. Trotzdem hält sich die Gruppe und macht jahrelang treu ihre Arbeit – inzwischen auch bei weltlichen Anlässen wie der Kirmes.

Seinen wohl beeindruckendsten Auftritt erlebt der Posaunenchor 1979 anlässlich der 1100-Jahr-Feier von Kirche und Dorf: Gemeinsam mit dem Posaunenchor der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde bieten die Bläser niveauvolle Musik und gestalteten Festkommers, einen Unterhaltungsabend mit weltlichen Klängen und einen Abend der Kirchenmusik in der Stiftskirche. Inzwischen gehört der Chor auch dem Posaunenchorwerk der EKHN an und pflegt gute Kontakte zum Dachverband. 1985 steht Achim Fasel an der Spitze des Ensembles; ab 1996 dann Christoph Rethmeier, unter dem sich im Laufe der Jahre die Ausbildung von Jungbläsern etabliert.

Der Nachwuchs ist aber die große Herausforderung für das Ensemble. Viele Jugendliche bleiben nur einige Jahre im Chor und verabschieden sich, wenn’s ins Studium oder ins Berufsleben geht. Daran kann auch das Engagement der neuen Kantorin Dorothea Uibel nichts ändern, die den Posaunenchor von 2003 bis 2014 leitet und sich sehr für den Bläsernachwuchs einsetzt. Der fehlende Nachwuchs ist und bleibt das Problem vieler Posaunenchöre – auch des Gemündeners, der inzwischen unter dem neuen Dirigenten Uli Ferger gute Arbeit für Kirche und Ortsgemeinde macht.

Es sind nicht die großen Konzerte, durch die der Evangelische Posaunenchor Gemündenvon sich reden gemacht hat. Es ist das treue Musizieren, das das Ensemble auszeichnet, seitdem es von fünf Handwerkern 1893 ins Leben gerufen wurde: in Gottesdiensten, bei Geburtstagen, Gedenkfeiern, bei Seniorenfeiern der Ortsgemeinde. 125 Jahre Musik; nah am Menschen und zum Lobe Gottes. (bon)

Das Fest zum 125. Geburtstag des Evangelischen Posaunenchores Gemünden beginnt am 4. November um 14 Uhr in der Stiftskirche. Beim anschließenden Empfang im Dorfgemeinschaftshaus spielen auch Gastposaunenchöre und es gibt Kaffee und Kuchen.

Am 24. November spielt Frechblech, das Soloquintett des Evangelischen Dekanats Westerwald um 18 Uhr in der Stiftskirche, und ein Musikalischer Abendgottesdienst in der Stiftskirche schließt die Feierlichkeiten am 1. Dezember um 18 Uhr ab.


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