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Nachricht vom 07.10.2016    

Altkleider – Segen oder Fluch?

Zerstören Altkleider die afrikanische Textilindustrie? Und landen die meisten getragenen Klamotten nicht sowieso im Schredder? Thomas Ahlmann kennt diese Fragen seit Jahren. Er ist Mitglied des Vereins Fairwertung – einem bundesweit tätigem Dachverband gemeinnütziger Organisationen, die Altkleider sammeln.

Referent Thomas Ahlmann. Foto: Peter Bongard

Bad Marienberg. In Bad Marienberg informierte der Experte einen Abend lang über den Weg der Altkleider, der leider oft alles andere als transparent ist und versuchte gleichzeitig, Vorurteile abzubauen, die es gegenüber getragener Kleidung noch immer gibt.

Das ist ihm am Ende nicht ganz gelungen. Denn so gründlich Fairwertung auch auf transparente und faire Arbeitsbedingungen achtet: Letztlich kann der Dachverband nicht mit Sicherheit sagen, ob der komplette Weg der Altkleider astrein ist. „Wir können den Warenstrom nicht bis zum Ende kontrollieren und wissen nicht hundertprozentig, auf welchem Markt die Bluse aus Bad Marienberg am Ende landet“, gibt Thomas Ahlmann zu, betont aber, dass Fairwertung zumindest die Sammlung und Sortierung der Kleider unter einwandfreien Bedingungen sicherstellen kann. Und das ist angesichts der vielen schwarzen Schafe, die sich im Geschäft mit der Secondhand-Ware tummeln, schon mal ein großer Gewinn. „Der Kleidermarkt ist insgesamt sehr intransparent“, sagt Ahlmann und verrät den Gästen im Evangelischen Gemeindehaus auch den Grund dafür: Das Geschäft mit Altkleidern ist ein riesiges. In Deutschland werden jährlich eine Million Tonnen Alttextilien abgegeben beziehungsweise entsorgt – viel mehr, als für soziale Zwecke benötigt wird. Das bedeutet, dass viele dieser Stücke von gewerblichen Sammlern für mitunter gutes Geld weiterverkauft werden. „Und genau das hat in der Vergangenheit viele dubiose, pseudo-karitative Sammler hervorgebracht, die mit ungenehmigt aufgestellten Containern oder Wäschekörben die Städte regelrecht überfluten“, weiß der Referent.

Um diesem Wildwuchs Herr zu werden, hat sich 1995 Fairwertung gegründet – ein Dachverband, dem unter anderem die Arbeiterwohlfahrt, Oxfam oder die von den Kleiderhäusern Selters und Bad Marienberg belieferten Bodelschwinghsche Stiftung Bethel oder Texaid angehören. Dieser Dachverband achtet darauf, dass die Kleidung unter guten Arbeitsbedingungen sortiert und der Verkaufserlös vor allen Dingen karitativen Zwecken zukommt. Vor allen Dingen – aber nicht ausschließlich: Denn letztendlich wird die von einem zertifizierten Unternehmen sortierte Kleidung eben auch nach Osteuropa oder Afrika geliefert, wo sie dann auf Märkten verkauft wird.

Allerdings ist das nicht unbedingt etwas Verwerfliches, betont Thomas Ahlmann. Ganz im Gegenteil: Gerade in Afrika hat sich der Handel mit Secondhand-Kleidung zu einem wichtigen Wirtschaftszweig entwickelt, unterstreicht der Fairwertung-Vertreter und widerspricht damit dem Vorurteil, dass alte Kleidung der dortigen Textilindustrie schadet: „Fakt ist: Es gab in Afrika nie eine Bekleidungsindustrie, die in der Lage gewesen wäre, die Bevölkerung flächendeckend zu versorgen“, sagt Ahlmann. Zwar soll es in den 1960er-Jahren entsprechende Versuche gegeben haben, allerdings gingen die Betriebe wieder ein, weil sie im Welthandel nicht bestehen konnten. „Stattdessen schaffen Altkleider für viele Menschen ein Einkommen und sichern den Lebensunterhalt für etliche Schneider, Bügler, Händler. Denn 80 Prozent der dortigen Bevölkerung tragen Secondhand-Textilien“, sagt Ahlmann und widerspricht damit der Kritik an den Lieferungen nach Afrika. „Falls ab sofort keine Secondhand-Artikel mehr dorthin geliefert werden, würde qualitativ minderwertige Ware aus Fernost auf den Markt kommen und der Schmuggel mit Altkleidern massiv ansteigen“, prognostiziert er.

Auch wenn am Ende nicht alle Fragen der ehrenamtlichen Kleiderhaus-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beantwortet werden konnten: Mit Fairwertung haben die Selterser und Bad Marienberger Häuser einen seriösen Partner an der Hand, der den Weg der Kleidung im Blick hat – zwar nicht zu 100 Prozent, aber so gut wie möglich. (bon)

Im Detail: Gute Kleidung für Bedürftige
Die Kleiderhäuser „mittenDrin“ Bad Marienberg und „Geben und Nehmen“ Selters bieten bedürftigen Menschen gute Kleidung an. Stücke, die es dort nicht in die Regale schaffen, werden an die Verwerter Texaid und die Bodelschwinghsche Stiftung Bethel weitergegeben, die dem Dachverband „Fairwertung“ angeschlossen sind. Texaid und Bethel zahlt den Häusern für die Kleidung einen Betrag, der in den Dekanaten für karitative Zwecke beziehungsweise die Arbeit der Kleiderhäuser eingesetzt wird. Das Kleiderhaus Selters gibt darüber hinaus nicht benötigte Kleider an eine Rumänieninitiative ab: Diese bringt die Kleidung in Eigenregie in die Länder Rumänien, Bosnien-Herzegowina und Kroatien und unterstützt damit Kinderhäuser und bedürftige Familien direkt. Weitere Infos und Öffnungszeiten zum Kleiderhaus „mittenDrin“: Telefon 0157/55711790; Infos und Öffnungszeiten zum Selterser Kleiderhaus: Telefon 02626/70581. „MittenDrin“ ist in Trägerschaft des Diakonischen Werks mit Unterstützung der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Marienberg; „Geben und Nehmen“ ist in Trägerschaft des Evangelischen Dekanats Selters.


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