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Nachricht vom 26.09.2016    

Schwächelt der Westerwaldkreis?

Wie gut sind die Standortbedingungen für die Wirtschaft im Westerwaldkreis? Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Koblenz hat jüngst ihre Mitgliedsunternehmen danach gefragt. Die Ergebnisse der breit angelegten Umfrage zeigen: Es gibt einige Bereiche, bei denen den Betrieben im Kreis der Schuh drückt – und die Bedingungen könnten durchaus besser sein.

Montabaur. Mit einer Gesamtnote von 2,6 wird der Westerwaldkreis von der Wirtschaft insgesamt befriedigend bewertet. Rückmeldungen auf Fragen zu bestimmten Standortfaktoren lassen dabei eine stagnierende Entwicklungsdynamik vermuten. So haben knapp 43 Prozent der Unternehmen in den vergangenen fünf Jahren keine relevanten positiven Veränderungen ihres Wirtschaftsstandortes wahrgenommen. Zusätzlich fällt auch der Anteil der Unternehmen, die mittelfristig keine Entwicklung ihrer Geschäftstätigkeit erwarten, mit mehr als 60 Prozent überproportional hoch aus. „Das deutet möglicherweise auf eine gewisse Orientierungslosigkeit vieler Unternehmen hin. Mittelfristig könnte der Westerwaldkreis damit leicht ins Hintertreffen geraten, gerade weil die Dynamik in anderen Regionen wahrnehmbar positiver wird“, konstatiert Susanne Szczesny-Oßing, Vizepräsidentin der IHK Koblenz. Wenn man zudem noch berücksichtige, dass rund 18 Prozent der Unternehmen im Kreis eher mit einer negativen Standortentwicklung rechnen, sollte man diese Entwicklung einmal genauer betrachten. Es scheine sich am Standort Westerwaldkreis – zumindest in weiten Teilen – eine stagnierende Entwicklungsdynamik für die kommenden Jahre anzudeuten, wenn sich fast Zweidrittel der Unternehmen quasi im Entwicklungs-“Niemandsland“ wähnen.

Positiv wahrgenommen werden von den Unternehmern vor allem die weichen Standortfaktoren: So erhält die allgemeine Lebens- und Aufenthaltsqualität mit 2,3 die mit Abstand beste Bewertung unter den insgesamt 39 abgefragten Standortfaktoren. „Die Lebensqualität ist sicher eine Stärke des Kreises“, so Frank Klein, Vorsitzender des Beirats der IHK-Regionalgeschäftsstelle Montabaur. Da sich dies aber für die anderen Regionen im nördlichen Rheinland-Pfalz ähnlich darstelle, biete diese Stärke nur ein geringes Potenzial zur Abgrenzung gegenüber einer Vielzahl anderer Regionen in Deutschland. Gerade im interregionalen Wettbewerb brauche der Kreis jedoch ein starkes Profil, um sich erfolgreich positionieren zu können – damit Unternehmen sich ansiedeln, investieren und auch Fachkräfte für die Region gewinnen können, so Klein weiter. „Der Kreis muss sich insbesondere zwischen den Arbeitsmarkt- und Wirtschaftszentren Rhein-Main, Köln/Bonn und auch Koblenz/Neuwied behaupten, um nicht zerrieben zu werden.“ Die Pendler-Studie der IHK Koblenz hatte jüngst aufgezeigt, dass der Westerwaldkreis täglich 12.000 mehr Aus- als Einpendler verzeichnet. IHK-Regionalgeschäftsführer Richard Hover: „Es darf nicht passieren, dass eine der bisherigen Stärken des Westerwaldkreises, nämlich seine Lage zwischen den Zentren und die gute Verkehrsanbindung, sich durch das Vernachlässigen anderer Standortfaktoren in einen Nachteil umkehrt.“

„Aktuell tut sich der durchaus starke Wirtschaftsstandort Westerwaldkreis damit schwer, seine Stärken, die ihn im interregionalen Wettbewerb positionieren und von anderen Standorten positiv abheben können, nach innen und außen deutlich zu machen“, unterstreicht IHK-Vizepräsidentin Szczesny-Oßing. Vor diesem Hintergrund sieht die IHK Koblenz insbesondere in drei Bereichen Handlungsbedarf:



1. Breitbandausbau: Die Breitbandanbindung ist im Kreis für alle Branchen der Standortfaktor mit der höchsten Relevanz. Die Zufriedenheit fällt mit 3,6 aber unterdurchschnittlich zum Ergebnis für den gesamten IHK-Bezirk (3,5) aus. „Wichtig wird vor allem sein, dass die Versorgung der Gewerbegebiete flächendeckend Vorrang beim weiteren Ausbau erhält“, so Szczesny-Oßing. Zugleich dürfe dabei nicht der Fehler gemacht werden, die Ausbauquoten alleine durch großflächige Nutzung der Vectoring-Technologie nach oben zu treiben. „Vectoring ist nicht zukunftsfähig. Was die Region braucht, ist ein systematischer Umstieg auf ein Glasfasernetz. Dafür müssen bereits heute durch entsprechende Planungen die Grundlagen gelegt werden.“ Die IHK hofft, dass die derzeit für den Westerwaldkreis in der Umsetzung befindlichen Maßnahmen bis 2018 den gewünschten Erfolg zeitigen. Dies gelte umso mehr, da die Unternehmen die Wichtigkeit eines leistungsfähigen Breitbandnetzes mit 1,5 sehr hoch bewerten. Im Vergleich zur Zufriedenheit mit der Note 3,6 klaffe hier eine enorme Lücke.

2. Standortmarketing: Das Image des Westerwaldkreises als Wirtschaftsraum wird mit 3,0 bewertet. „Dem Kreis mangelt es weiterhin an einem überregional ausstrahlenden Profil, mit dem eine Wahrnehmbarkeit auch in anderen Teilen Deutschlands gelingt“, erläutert IHK-Regionalgeschäftsführer Richard Hover. „Der Westerwaldkreis ist stark. Diese Stärke muss aber durch ein professionelles Standortmarketing offensiver nach innen und außen kommuniziert werden.“ Das gelte umso mehr vor dem Hintergrund, dass deutlich über 80 Prozent der Unternehmen die Auffassung vertreten, der Westerwaldkreis benötige ein Kreisentwicklungskonzept. Ein Solches sei im April 2014 von der Politik angekündigt worden, jedoch bis heute – zweieinhalb Jahre später – noch immer nicht umgesetzt, so die IHK.

3. Thema Wirtschaftsorientierung: Die Standortfaktoren „Unternehmensorientierung der Verwaltung“ (3,4), „Strategische Wirtschaftsförderung“ (3,5) und „Kontakt zu Entscheidungsträgern“ (3,5) werden eher mäßig bewertet. „Den Institutionen scheint es bislang nicht wirklich zu gelingen, einen guten Kontakt zur Wirtschaft zu halten und die Wirtschaftsorientierung ihrer Entscheidungen glaubhaft zu machen“, so Hover. Hieran gelte es bewusst gemeinsam zu arbeiten, um die brachliegenden Dynamikpotenziale der heimischen Unternehmen zu heben. Hover abschließend: „Die Wirtschaft im Kreis hat Kraft, Dynamik und noch mehr Potenzial. Dies gilt es für die Zukunft besser zu nutzen.“


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