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Nachricht vom 02.07.2016    

Interview mit dem Meinborner Krimiautor Jörg Böhm

„Moffenkind“, Jörg Böhms neuestes Buch ist ein Kreuzfahrtkrimi. Die Handlung spielt überwiegend auf der „Star oft the Ocean“, einem Luxusliner auf seiner Jungfernfahrt von Hamburg zu den Metropolen Westeuropas. Verzwickt wird das Geschehen durch Rückblicke und düstere Voraussagen aus der Vergangenheit der Protagonisten an Bord.

Autor Jörg Böhm bei einer Lesung. Foto: Wolfgang Tischler

Anhausen. Der Anfang der kriminellen Handlungen liegt siebzig Jahre zurück und reicht bis in die Kriegswirren zurück. Zeitliche Sprünge unbekannt bleibender Schicksalsträger machen die Krimi-Handlung besonders rätselhaft. Zwei Morde während der Kreuzfahrt lassen die Spannung bis zum kaum Erträglichen steigen. Trotzdem wird niemand die Lust an der Seefahrt verleidet. Die Schuld liegt in den Menschen selbst, nicht in dem Ambiente.

Die Kuriere interviewten Jörg Böhm zu seinem neuesten Buch. Die Fragen stellte Helmi Tischler-Venter. Was mich am meisten interessiert: Wie kommen Sie auf den Titel „Moffenkind“? Obwohl ich selbst ein Nachkriegskind bin, war mir der Begriff völlig unbekannt. Wo und wie erlangten Sie Kenntnis davon?

Jörg Böhm:
Als ich angefangen habe für diese Geschichte, dieses Buch zu recherchieren, musste ich erfahren, dass meine eigene Schwiegermama ein Moffenkind ist. Sie ist eine gebürtige Niederländerin. Ihre Mama war ebenfalls Niederländerin, ihr Papa ein deutscher Wehrmachtssoldat. Und wenn Niederländer abfällig von uns Deutschen sprechen, dann nennen sie uns Moffen.

Nach dem ersten Drittel des Buches taucht der Begriff „Moffen“ auf. Man weiß: das ist jetzt die zukünftige Mutter des Moffenkinds. Die Ahnung erweist sich bei weiterer Lektüre als richtig, aber mehr weiß man über diese Moffenbraut nie. Hatten Sie das von Beginn an so rätselhaft konzipiert?

Jörg Böhm: Ja, absolut, da es mein Ziel ist, erst kurz vor Schluss den Täter aufzudecken beziehungsweise meine Leser wünschen sich, mitzuermitteln. Und daher möchte ich es ihnen so kniffelig wie möglich machen.

Wie behalten Sie selbst beim Scheiben den Überblick über Personen und Handlungen? Legen Sie ein Cluster an? Schreiben Sie ein Stichwortkonzept oder haben Sie eine ganz eigene Methode?

Jörg Böhm: Ich arbeite zuerst die Geschichte aus und entwickle dann die Figuren unter der Prämisse, wer muss zum Mörder werden und warum, wer sind die Opfer, welche dunkle Geheimnisse tragen sie in sich und welche Nebenstränge kann ich knüpfen, die der Geschichte dienen und die Leser auf die sprichwörtlich falsche Fährte führen soll. Und dann schreibe ich ein Szenengerüst, schreibe also pro Szene so vier, fünf Sätze auf, damit ich weiß, was in welchem Kapitel passiert und dann geht’s los.

Genau wie Sie es im Nachwort beschreiben, blieben mir die Protagonisten am Anfang fremd und rätselhaft. Die vielen Personen- und Zeitenwechsel machten den Leseeinstieg schwer. Da ich davon ausging, dass natürlich alle Ebenen und Stränge aufeinander zu laufen werden, habe ich die ersten fünf Kapitel zweimal gelesen, um in den Text hinein zu kommen. Im Kapitel vier treffen endlich die Gegner aufeinander, umkreisen und bedrohen sich. Mancher gibt vielleicht auf und legt das Buch weg. Warum machen Sie es den Lesern so schwer?

Jörg Böhm:
In meinem Nachwort ging es um die Geschichte an sich, dass ich mehrere Anläufe benötigte, um mit den Orten warm zu werden, die Figuren mit mir sprechen und die Geschichte genau die Geschichte wurde, die ich dann auch geschrieben habe. Ich bin sicher und so sind auch die Rückmeldungen, dass meine Leser nicht lange brauchten, um meine Melodie zu hören und genau den Film vor Augen zu haben, den ich beim Schreiben stets mit meinem inneren Auge gesehen habe. Aber ja, meine Geschichten sind keine, die man einfach mal so nebenbei liest. Man muss sich drauf einlassen, aber dann wird einem eine Geschichte geboten, die einen so schnell nicht mehr loslässt, einen gefangen nimmt und man nicht mehr aufhören möchte, zu lesen. Viele Leser bedauern es, dass das Buch dann so schnell schon zu Ende ist.

Hinzu kommt eine erkleckliche Anzahl düsterer Voraussagen. Wahrscheinlich sollen sie Spannung aufbauen, verursachen aber auch ein unangenehmes Bauchgefühl. Ist das gewollt?

Jörg Böhm: Ich schreibe Krimis mit Thrillerelementen, die aus dem Alltag gegriffen sind. Wir tragen alle ureigene Ängste in uns, die natürlich auch meine Figuren in sich wohnen haben. Und ich möchte dadurch einfach nur das Identitätsgefühl stärken, damit meine Leser mit meinen Figuren mitleiden, aber sich natürlich genauso auch mit ihnen freuen können.



Kapitel acht wirkt besonders rätselhaft, weil man als Leser keine Ahnung hat, wer mit wem agiert. Das machte mich regelrecht zornig. Ein gewagter Schreibstil – aber auch ein Stil, der sich deutlich von anderen Krimis unterscheidet!

Jörg Böhm: Die Spannung steigert sich von Kapitel zu Kapitel und so soll es doch auch sein, oder. Ich versuche während des Schreibens auch immer die Brille des Lesers aufzubehalten und da ist es für mich eben immanent wichtig, dass ich erst kurz vor Schluss weiß, wer der Mörder ist und warum.

Hatten Sie beim Schreiben von Anfang an reale Menschen vor Augen oder entwickelten die Protagonisten Eigendynamik und wurden erst im Lauf der Geschichte zu den Charakteren, die sie im Buch verkörpern?

Jörg Böhm: Meine Figuren leben schon vorher in mir. Sie gewinnen während des Entwickelns ihr ganz eigene Geschichte, ihr Aussehen, ihre Sehnsüchte, Ängste, was sie antreibt und worüber sie sich freuen können. Natürlich hat man bei eigenen Charakteren auch real existierende Menschen im Kopf. Aber das ergibt sich automatisch, weil man mit offenen Augen durchs Leben läuft und jeder Mensch etwas hat, das mich fasziniert und was ich gut für eine Figur auch adaptieren kann. Das kann mal das Aussehen, wie die Krümmung einer Nase, eine bestimmte Eigenschaft oder ein besonderer Tick sein.

In Kapitel siebzehn steigern sich Panik und Spannung. Ab der Stelle habe ich das Buch nicht mehr aus der Hand gelegt, weil ich wissen wollte, wie sich alles auflöst und zu Ende geht. Ich bin ein Krimi-Viel-Leser. Dass mich der Band noch so fesselte, ist ein Kompliment an Ihren Stil!

Jörg Böhm: Ihre Worte berühren mich sehr und solch wunderbare Lesermeinungen und Rückmeldungen sind es, warum ich schreibe, die mich motivieren, weiterzumachen und die mir auch die Gewissheit geben, dass ich mit meinen Landhaus-Krimis auf dem richtigen Weg bin. Also von ganzem Herzen Danke, Danke, Danke!

Ich weiß aus der Meinborner Lesung, dass die Locations immer persönlich bekannt waren. Das gilt offenbar auch für das Kreuzfahrtschiff. Waren Sie auch in der Bloemgracht in Amsterdam, um sie authentisch wiederzugeben?

Jörg Böhm: Es ist unglaublich wichtig, selbst vor Ort gewesen zu sein, denn ich möchte alles so wiedergeben, wie es auch im wahren Leben ist. Wie steht die Sonne um eine gewisse Uhrzeit über den Dächern, wie klingt der Glockenschlag der Kirche, welche Cafés und Geschäfte gibt es in der Straße. Und so war es natürlich auch mit den Handlungsorten für den 1. AIDA Kreuzfahrtkrimi „Moffenkind“, die ich alle selbst auf einer Recherchereise besucht habe.

Haben Sie alle Recherchen persönlich durchgeführt oder teilweise zuliefern lassen?

Jörg Böhm: Ich habe alle Orte selbst aufgesucht. Ich muss alles selbst erleben und erfahren, Düfte riechen, Stimmungen spüren, Begebenheiten erfahren, um es 1 zu 1 in meinen Geschichten wiederzugeben.

Dass das Schreiben dieses Buches nicht einfach und fließend vonstatten ging, kann sich der Leser lebhaft vorstellen. Wie lange haben Sie an dem Band „Moffenkind“ gearbeitet?

Jörg Böhm: Inklusive dem Neustart und davon gab es dann insgesamt drei habe ich ein gutes Jahr an Moffenkind gearbeitet.

Konzentrieren Sie sich immer auf ein Werk oder arbeiten Sie an mehreren parallel?
Sie arbeiten bestimmt schon am nächsten Kriminalroman. Verraten Sie, worum es dabei gehen wird?

Jörg Böhm:
Ich habe zwar mehrere Geschichten im Kopf, ich arbeite aber immer in der Tat nur an einem Projekt. Aktuell schreibe ich am vierten Emma-Hansen-Krimi, der im März 2017 erscheinen wird.

Ganz wichtige Frage: Wann kommen Sie wieder zu einer Lesung in die Westerwälder Heimat?

Jörg Böhm:
Im Moment laufen einige Gespräche. Alle neuen Lesungstermine erfahren meine Leser unter dem Stichwort Termine auf meiner Homepage.

„Moffenkind“ ist ein besonderer Krimi, dessen Auflösung man sich durch beharrliches Weiterlesen verdienen muss, sei er anfangs auch noch so verwirrend und düster. Die Lektüre lohnt sich. Erschienen im Kleinen Buchverlag, Karlsruhe. ISBN: 978-3-7650-8808-7. (htv)



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