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Nachricht vom 16.10.2015    

Schwarzstorch und Windkraft im Westerwald

Naturschützer kritisieren Schlussfolgerungen der Kreisverwaltung. Verallgemeinernde Aussage, dass die Schwarzstörche im Westerwald oder andernorts gut mit Windindustrieanlagen zurechtkämen, ist nach deren Ansicht nicht haltbar.

Schwarzstorch. Foto: Kreisverwaltung Montabaur.

Westerwaldkreis. Über die Regionalpresse hat die Kreisverwaltung des Westerwaldkreises Anfang Oktober die Öffentlichkeit wissen lassen, dass nach ihren Erkenntnissen Schwarzstörche mit Windkraft gut zurechtkommen. Sie stützt sich in dieser Einschätzung auf zwei von ihr in Auftrag gegebene Untersuchungen. Die Naturschutzverbände Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie (GNOR), die Naturschutzinitiative Westerwald (NATIV), der BUND Westerwald (BUND) und die POLLICHIA ziehen die wissenschaftliche Basis sowie vor allem die vorschnellen Schlussfolgerungen in Zweifel.

Ende Mai 2013 begannen im Umfeld des Roten Kopfes bei Westerburg wegen des geplanten Baus von Windrädern Erfassungen zu Vorkommen schützenswerter Arten. Schon im August 2013 legte der Gutachter, der bis dahin weder im Westerwald noch andernorts mit der Erfassung von Schwarzstörchen befasst war, seine Ergebnisse vor. Der „Naturschutzfachliche Rahmen zum Ausbau der Windenergie in Rheinland-Pfalz“ verlangt ausdrücklich, dass nur versierte Ornithologen mit Erfahrung in der Erfassung von Großvogelarten und deren Aktionsräumen infrage kommen.

Zu beanstanden ist weiterhin der viel zu späte Beginn der Untersuchungen, der eine verlässliche Erfassung der Waldvögel fast unmöglich macht. Mit keinem Wort wurde im Gutachten erwähnt, dass 2013 in der gesamten Region witterungsbedingt bereits im Mai die Bruten der Störche gescheitert und die Vögel vielfach schon abgezogen waren.

Obwohl die naturschutzfachlichen Mängel des Gutachtens offenkundig sind, versäumte es die Kreisverwaltung, eine die wissenschaftlich abgesicherten Mindeststandards wahrende Untersuchung im nächsten Jahr zu beauftragen. Als dann beim Bau der Windräder das Brutvorkommen des Schwarzstorches entdeckt wurde, setzte die Kreisverwaltung pikanterweise exakt denselben Gutachter für Folgeuntersuchungen ein. Dieser sollte nun offenbar im Nachhinein die Unbedenklichkeit des Standortes bestätigen, befürchten die Verbände.

„Dagegen verlangt der ‚Naturschutzfachliche Rahmen zum Ausbau der Windenergie in Rheinland-Pfalz‘ ausdrücklich, dass nur fachlich und langjährig versierte Ornithologen mit Erfahrung in der Erfassung von Großvogelarten und deren Aktionsräumen infrage kommen. Auch auf mehrmalige Anforderung hat die Kreisverwaltung des Westerwaldkreises den Naturschutzverbänden die in der Presse vorgestellte ‚Untersuchung‘ nicht zukommen lassen, was wir deutlich kritisieren. Oder hat sie etwas zu verbergen?“, fragt Antonius Kunz, stellvertretender Leiter des Arbeitskreises Westerwald der GNOR.



Fünf Suchgänge zur Schlagopfersuche stellen weder eine regelmäßige Suche dar, noch erfüllen sie die Bedingungen eines Monitorings. Nach Ansicht der Verbände lässt sich aus der Registrierung von einigen wenigen Flugbewegungen an zwei Standorten keinerlei Aussage zum generellen Verhalten der Art überhaupt ableiten.

Prof. Dr. Klaus Fischer, Leiter des Arbeitskreises Westerwald der GNOR dazu: „Mit großer Verwunderung haben wir die weitreichenden Schlussfolgerungen in dem vorliegenden Presseartikel zur Kenntnis genommen. Die Aussage, dass Schwarzstörche durch Windenergieanlagen nicht gravierend beeinträchtigt werden, ist wissenschaftlich völlig unhaltbar und scheint eher dem Wunschdenken der Verantwortlichen zu entsprechen.“

Beim Schwarzstorch handelt es sich um eine sehr störungssensible Art, die sich laut dem „Naturschutzfachlichen Rahmen“ des Umweltministeriums Rheinland-Pfalz außerdem in einem ‚ungünstigen und unzureichenden‘ Erhaltungszustand befindet. Seit 2006 weisen bundesweit mehrere Fälle des Verhungerns aller Nestlinge auf die Verluste von Altvögeln während der Aufzuchtzeit durch die Errichtung von Windkraftanlagen hin. Im Vogelsberg/Hessen ist der Brutbestand an Schwarzstörchen nach der Errichtung von Windkraftanlagen um über 50% zurückgegangen.

Harry Neumann, Vorsitzender der Naturschutzinitiative und des BUND Westerwald, betont: „Die bisher recht geringe Zahl an Kollisionsopfern beim Schwarzstorch ist vor allem auf die Wahrung der geltenden Abstandskriterien zurückzuführen. An der einschlägigen Fachkonvention des „Helgoländer Papieres“ der Staatlichen Vogelschutzwarten Deutschlands sowie am ‚Naturschutzfachlichen Rahmen‘ darf kein Weg vorbeiführen.“

Auch für Dr. Jürgen Ott, Präsident der POLLICHIA, steht deshalb fest: „Diese ‚Gutachten‘ sind für eine objektive Risikoeinschätzung völlig unbrauchbar und werden von uns auch nicht anerkannt, da weder Untersuchungsintensität noch die Methodik geeignet sind, ein nachvollziehbares Ergebnis zu liefern. Schon gar nicht können sie für eine verallgemeinernde Aussage, dass die Schwarzstörche im Westerwald oder andernorts gut mit Windindustrieanlagen zurechtkämen, benutzt werden“.

Die Verbände fordern die Kreisverwaltung des Westerwaldkreises auf, auch in Zukunft einen Mindestabstand für Windanlagen von 3000 Metern zu Brutstätten des Schwarzstorches strikt durchzusetzen sowie bei Gutachten die Berücksichtigung der fachwissenschaftlichen Empfehlungen und Fachkonventionen einzufordern.


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Kommentare zu: Schwarzstorch und Windkraft im Westerwald

4 Kommentare

Den 3 vorangegangenen Kommentaren stimme ich völlig zu. Ich erlebe gleiches in erheblichem Maße im Zusammenhang mit dem Fledermausschutz. Auch hier werden Gefälligkeitsgutachten erstellt, die dem Auftraggeber gewünschte Ergebnisse attestieren. Die Kommunalpolitiker sind mit diesem komplexen Thema überfordert und lassen sich so, die lukrativen Versprechen im Ohr, einlullen.

Leute, schaut endlich kritisch hin, wie unser Natur- und Artenschutz für monetäre Interessen geopfert wird. Wie unsere Erholungsgebiete mehr und mehr zu Industriegebieten umgestaltet werden mit dem Zauberwort "Bürgerbeteiligung". Ja, wir werden alle noch beteiligt werden, wenn wir das Ganze letztendlich bezahlen werden, mit unserem Geld und unserer verminderten Lebensqualität!
#4 von Christel Bär, am 23.10.2015 um 11:34 Uhr
Zu Recht kritisieren die Naturschutzverbände die äußerst lasche Anwendung des Naturschutzfachlichen Rahmens bei der Genehmigung von Windenergieanlagen durch die Kreisverwaltung des Westerwaldkreises. Dabei sollte man jedoch eines nicht außer Acht lassen: Der Fisch stinkt vom Kopf her. Die ach so windradtoleranten Schwarzstörche kommen direkt aus dem Umweltministerium.
In einem Interview mit der Nahe-Zeitung vom 23.10.14 äußert Staatssekretär Dr. Griese, es gäbe "sogar Beobachtungen, dass Schwarzstörche sich bewusst in der Nähe von WEA niederlassen, innerhalb der vom Land empfohlenen Schutzzone von 3000 Metern." Das zeige doch, "dass die Tiere mit den Anlagen umzugehen wissen."
Dem ist entgegenzuhalten, dass mancherorts, z. B. in der Verbandsgemeinde Birkenfeld die WEA schon so dicht stehen, dass ansiedlungswillige Großvögel gar keine andere Wahl haben, als sich im 3000 Meter-Umfeld niederzulassen. Außerdem haben Schwarzstorchhorste in der Nähe von WEA im Gegensatz zu „normalen“ Horsten nur eine kurze Bestandszeit (meist nur zwei Jahre). Im Vogelsberg-Gebiet (Hessen) ging der Brutbestand des Schwarzstorchs mit dem Bau von 178 WEA von 14 bis 15 Paaren auf 6 bis 8 Paare zurück. Man kann also keineswegs aus der Ansiedlung von Schwarzstörchen in der Nähe von WEA schließen, „dass die Tiere damit umzugehen wissen“.

#3 von Willi Weitz, am 18.10.2015 um 11:41 Uhr
Was sich in Deutschland in Sachen Energiewende abspielt ist einfach unglaublich. Da fährt ein Greenpeaceschiff 1000de Kilometer um das Eismeer zu retten, Nobel, Nobel, und in unserem Land werden die Lebensräume streng Art geschützter Vögel zerstört. Warum? Weil es Geld aus dem EEG Topf gibt, Für Projektierer, Gutachter, Genehmigungsbehörden, Hersteller, Betreiber und vor allen Dingen die Banken. und Großinvestoren. Nicht umsonst werden nach Ablauf der 20 jährigen EEG Förderungen die Zufallstromerzeuger abgebaut und das Spiel mit nun größeren Anlagen beginnt auf's neue. Die Naturzerstörung, inklusive Lebensraumvernichtung, wird sich so lange fortsetzen, so lange die Subventionen fließen. Ein Personenkreis kommt vor lauter lachen gar nicht mehr in den Schlaf, der Stromendkunde zahlt sich dumm und dusselig und viele Tiere werden aussterben. Nur eines funktioniert nicht, mit Zufallsstromerzeugungsanlagen eine Energiewende schultern. An den Windverhältnissen hat sich seit Menschengedenken nichts geändert. WKA = ohne Wind kein Strom
#2 von Hermann Dirr, am 18.10.2015 um 11:40 Uhr
Für diejenigen, die von einer Sache nichts verstehen, war schon immer alles ganz einfach. Häufig fehlt es an Vorstellungskraft. Eine Meinung kann man sich erarbeiten, oder einfach nur aneignen, weil das der bequemere Weg ist. Oft sind damit noch andere Annehmlichkeiten verbunden, oder Eigeninteressen behindern die Wahrheitsfindung. Gleichzeitig verzichtet man ungern darauf, seine Ansichten zu verbreiten, um die Menschen zu manipulieren. Mit der Unwahrheit leben einige gut, doch ein großer Teil der Bevölkerung wird dabei betrogen und die Natur, die uns allen gehört, leidet.
Greifvögel sind für ihr scharfes Auge bekannt. “Auf 300m sieht ein Rotmilan eine Maus”, sagt Umweltstaatssekretär Griese mit einer Selbstverständlichkeit, als ob er es selbst erforscht hätte.
Fachleute wissen, dass sich Teleobjektiv und Weitwinkel gegenseitig ausschießen. Das hat zur Folge, dass ein Rotmilan die Rotorblätter nicht sieht, wenn sie seitlich mit 200km/h heranfliegen. Auch Menschen wären überfordert, wenn sie sich im Bereich der mit 100m Abstand rotierenden Blattspitzen befinden würden. Wer von den Fachleuten bedenkt überhaupt, dass dort oben Windböen und Verwirbelungen der Rotorblätter die Vögel im Flug stark beeinträchtigen?
Für die Kreisverwaltung hat das, was auf dem Papier steht, unabhängig vom Wahrheitsgehalt seine Richtigkeit. Sollen wir einfach abwarten, wie viele Individuen nach 20 Jahren Betriebszeit der WEA noch vorhanden sein werden ?Verantwortungsbewusstsein ist etwas anderes.
#1 von Achim Stephan, am 17.10.2015 um 08:22 Uhr

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