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Nachricht vom 20.08.2013    

Unbeschreibliche Reise durch andere Klangwelten

Ein überwältigendes Gastspiel des weltweit besten Handtrommlers Mohammed Reza Mortazavi aus dem Iran - zur Zeit auf Welttournee 2013/2014 mit seinem sechsten Album „Codex“ - im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Musik in alten Dorfkirchen“ gab es in Nordhofen. Eine Musikdarbietung der ganz besonderen Art nahm die Zuhörer gefangen, die am Ende stehend applaudierten und tief beeindruckt die Kirche verließen.

Mohammed Reza Mortazawi entführte das Publikum in der Kirche in Nordhofen und faszinierende Klangwelten. Fotos: Ludwig Kroner

Nordhofen. Die Zuhörer durften ein restlos ausverkauftes Konzert der Extraklasse erleben, das der Veranstalter bereits im Vorfeld als ausgesprochenen Höhepunkt in der bereits 18-jährigen Geschichte der „Musik in alten Dorfkirchen“ angekündigt hatte.
Zu Recht, denn die Kleinkunstbühne Mons Tabor hatte mit Mohammed Reza Mortazavi den derzeit wohl bekanntesten und besten Handtrommler der Welt eingeladen, bei dem jede Superlative noch wie eine Untertreibung klingt. Auf seiner Welttournee 2013/14, mit der er sein inzwischen sechstes Solo-Album „Codex“ bereits in Salzburg, Linz, Zürich, Wien, Prag und Belgrad erfolgreich präsentierte, machte er Station in der evangelischen Kirche in Nordhofen, die angesichts der kindlichen Spielfreudigkeit, der erstaunlich orchestral wirkenden Klangfülle und akkustischen Vielfalt noch kleiner und schnuckeliger wirkte und zog seine Westerwälder Zuhörer damit völlig in den Bann. Weitere Stationen seiner Tour führen ihn u.a. noch nach Köln (13. Oktober 2013, 11.00 Uhr in der Kölner Philharmonie), Hamburg und Malmö.

Auf der Bühne zu sehen ist nur ein dunkel gekleideter, in sich versunkener Mann mit einer Trommel, über die er filigran und schnell die Finger bewegt, doch sobald man die Augen schließt, entsteht Stück für Stück eine intensive, polyphone Welt spielerischer Geräusche, Klänge, Geschwindigkeiten und Frequenzen, die wiederum Bilder, Sphären und ungewohnte Welten eröffnen.

Der persische Trommelvirtuose Mortazavi hat die Grenzen dessen, was sich in Worten wie sensationelle Fingerfertigkeit, virtuose Spielkunst, meisterliche Beherrschung seines Instrumentes oder Rhythmusgewitter, Polyphonie-Landschaften, Klangkaskaden und Geräuschwelten kleiden lässt, weit hinter sich gelassen und bietet weltweit in seinen Konzerten viel mehr als eine Musikdarbietung: es ist die unbeschreibliche, akkustische Erfahrung einer Klangwelt, die nicht von dieser Welt ist und auf tief spirituelle Weise doch ihre rhythmische Resonanz darstellt.

„Codex“ bedeutet für den sensiblen Künstler die universale Einheit hinter der einzigartigen und frei entfalteten Vielfältigkeit der Lebenswelten – aufbauend auf dem traditionellen 6/8-Rhythmus orientalischer Musik – und wie er zum WW-Kurier sagte: „Die Musik kommt nicht von mir, sondern durch mich!“

Bereits die Vita des Ausnahmekünstlers liest sich spektakulär: Von den Eltern, beide Musiker, ab dem 6. Lebensjahr musikalisch gefördert, fand er bereits als Neunjähriger keinen Lehrer mehr, der ihm noch etwas beizubringen wusste. Ab dem 10. Lebensjahr gewann er sieben Mal in Folge den nationalen Wettbewerb für die traditionelle Trommel Tombak, brillierte dort durch selbstkomponierte Werke, gab sein Wissen an Schüler weiter. Durch das tiefe Sich-Einlassen auf Tombak und Daf, eine Rahmentrommel in verschiedenen Größen, mit der auch die Sufis tanzen, entwickelte er über 30 völlig neue Schlag- und Spieltechniken. Mit gerade mal 20 Jahren ging er auf Auslandsreisen und wurde in den internationalen Medien (50.000 Einträge im Web) als weltweit bester Percussion-Solist umjubelt.

Sein Wunsch für die Welt wäre ein Mehr an Freiheit und Offenheit. So sieht er seine Musik als fortschreitenden Prozess der Befreiung aus überholten Traditionen, politischen Machtgefügen und Konventionen, die menschliches Zusammenleben so leidvoll, kompliziert und eng machen. Wie er dem WW-Kurier mitteilte, sei wirkliche Freiheit allerdings weder im Iran noch in seiner Wahlheimat Deutschland zu finden, wo er seit 11 Jahren lebt und inzwischen verheiratet ist, sondern letztlich nur in einem selber.

Die Musik ist seine Botschaft: In seinem 2010 erschienenen Album „Green Hands“ verarbeitet er die gescheiterten, sozialen Proteste und Erneuerungsversuche der „Grünen Bewegung“ um Mussawi. Iran ist das einzige islamische Land, das bereits ab 1977 Proteste und blutige Demonstrationen erlebte, die 1979 zum Sturz des Schahs gipfelten. Die Grüne Revolution von 1979 führte jedoch bis heute nicht zu einer Transformation des Machtapparates und dies vor allem, weil die islamischen Kräfte sehr rasch für ihre Bewaffnung sorgten und damit die sozialen Proteste und politischen Oppositionsgruppen bis heute unter ihre Kontrolle brachten, Erhebungen immer wieder zerschlugen und Oppositionsvertreter im In- und Ausland ermordeten oder verschwinden ließen.
Die aktuelle Situation im Iran ist der in anderen islamischen Ländern durchaus vergleichbar, wenngleich in den Medien hierzulande lediglich ein heftiger Diskurs um die Atompolitik der muslimischen Regierung „als Bedrohung für den Weltfrieden“ geführt wird. (Cornelia Kroner)


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