Pressemitteilung vom 07.09.2026 
Musikalische Lesung zu Erich Kästner begeistert im b-05 Café in Montabaur
Eine musikalische Lesung im b-05 Café in Montabaur nahm das Publikum mit auf eine Zeitreise in die Epoche von Erich Kästner. Dr. Lisa Straßberger und Ursula Kurze verbanden historische Texte mit Gitarrenklängen. Viele der Botschaften wirken bis heute aktuell.
Montabaur. An einem der letzten lauen Abende bot sich im Wald eine passende Gelegenheit, den Sommer unter freiem Himmel zu verabschieden. Über dem b-05 Café in Montabaur lag eine behagliche Stimmung. Während es langsam dunkler und kühler wurde, führte eine musikalische Lesung das Publikum rund ein Jahrhundert in die Vergangenheit. Zahlreiche Texte klangen dabei so, als seien sie unmittelbar für die Gegenwart verfasst worden.
Die Veranstaltung unter dem Titel "Herz, sprich lauter" gestalteten Dr. Lisa Straßberger und Ursula Kurze. Im Zentrum des Programms stand Erich Kästner. Straßberger begann den Vortrag im Frühjahr 1945 in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Kästner hielt sich zu dieser Zeit in Tirol auf, während das "Dritte Reich" zerfiel. In seinen Aufzeichnungen dokumentierte er den Volkssturm, die Kapitulation und das Ende der Verdunkelung. Österreichische Frauen schnitten damals das Hakenkreuzsymbol aus den Fahnen heraus und ersetzten es durch weiße Stoffteile, sodass aus den Flaggen des Regimes wieder österreichische Nationalflaggen entstanden.
Literatur und Sprache in unruhigen Epochen
Von diesem geschichtlichen Moment leitete Straßberger über in die späten 1920er und frühen 1930er Jahre, in denen politische Gewissheiten schwanden und Sprache zunehmend instrumentalisiert wurde. Zu den Werken, die von den Nationalsozialisten vereinnahmt wurden, zählte das "Vaterlandslied" von Matthias Claudius mit der Zeile "Stimmt an mit hellem, hohen Klang". Kästner und zeitgenössische Autoren begegneten dem veränderten gesellschaftlichen Ton mit literarischen Mitteln.
Dazu zählte auch Kurt Tucholsky. Straßberger thematisierte dessen widersprüchliche Verbundenheit zu Deutschland als scharfer Kritiker, der die Missstände des Landes gerade wegen seiner Zuneigung schonungslos analysierte. Die ruhige Stimme der Referentin gab diesen Passagen Raum, während Ursula Kurze auf der Gitarre begleitete.
Anschließend ging Straßberger auf Kästners Texte aus dem Jahr 1931 ein. Darin spiegelte sich die gesellschaftliche Anspannung wider. Kästner beschrieb die Furcht und das Auftreten der Dummheit im Festgewand. Zudem formulierte er den Gedanken, dass der Mensch zu klein und die Zeit zu groß sei. Seine Haltung war von Präzision und Lakonie geprägt, was sich ebenso in Liebesgedichten wie der "Sachlichen Romanze" zeigte, die das Beziehungsende mit sprachlicher Distanz schildert.
Gegenüberstellung von Texten und Musik
Straßberger stellte diesen Werken Zeilen von Mascha Kaléko gegenüber. Ursula Kurze begleitete den Vortrag musikalisch auf der Gitarre, wobei der Bogen von schwebenden Anfängen bis zum schrittweisen Ende einer Beziehung reichte.
Kästners Werk befasste sich zudem mit Gesellschaft, Kindern und Erziehung. Geprägt von Kriegserfahrungen, Drill und autoritären Mustern lautete der Leitgedanke: Bildung statt Dressur. Dies bedeutete eine Abkehr von Denkmustern, die in den Ersten Weltkrieg geführt hatten.
Die Verarbeitung dieser Erlebnisse verdeutlichte Tucholskys Text "Krieg dem Kriege" aus dem Jahr 1919. Während Kurze sang und Gitarre spielte, traten die Schilderungen über gefallene Soldaten hinter den Siegesmeldungen aus Albanien und Flandern hervor. Straßberger ergänzte diesen Moment mit dem Friedensruf aus dem Lukasevangelium: "Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade."
Mit dem Gedicht "Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag" aus den späten 1920er Jahren folgte ein weiteres Werk Kästners. Darin wird Jesus als Figur dargestellt, die sich den Bedürftigen zuwendet und den Mächtigen entgegentritt, verbunden mit Kritik an einer Kirche, die dieser sozialen Haltung zu wenig nachkomme.
Beim Vortrag von Rainer Maria Rilkes "Herbst" griffen die Texte und die Waldkulisse ineinander. Zur Darbietung gehörte auch die gesungene Zeile, dass Frauen lachen können, weil sie weinen dürfen.
Verfolgung, Exil und "Das Blaue Buch"
Der weitere Verlauf des Abends beleuchtete die politischen Ereignisse der 1930er Jahre. Kunstschaffende wie Kurt Tucholsky, Mascha Kaléko, Anna Seghers und Erwin Piscator gingen ins Exil. Kästner verblieb im Land. Seine Werke wurden am 10. Mai 1933 verbrannt, seine Publikationsmöglichkeiten stark beschnitten. Unter Pseudonymen verfasste er weiterhin Texte und Drehbücher.
Nach Kriegsende lebte Kästner in München. Eine geplante literarische Chronik über das Regime stellte er nicht fertig. Erhalten blieben seine geheimen Aufzeichnungen, die er während der Kriegsjahre in einem blauen Band in seiner Bibliothek verbarg und die 2018 vollständig unter dem Titel "Das Blaue Buch" veröffentlicht wurden.
Die vorgetragenen Texte berührten Themen wie Krieg, Frieden, Nationalismus, Bildung und gesellschaftliche Verantwortung. Die Lesung war eine Kooperation von b-05 Kunst Kultur Natur, dem Haus am Dom Frankfurt und der Katholischen Erwachsenenbildung Westerwald – Rhein-Lahn (KEB). Sie fand im Rahmen der kUNSTperiode 3 "Krieg und Frieden" sowie des Kultursommers Rheinland-Pfalz zum Thema "Goldene Zwanziger" statt. (PM/KI/Red)
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