Kandidatin für die Landratswahl 2026: Merline Bratenstein (Die Linke)
Am Sonntag, 16. August 2026, steht nach nur über einem Jahr erneut die Landratswahl an. Wer sind die Kandidierenden, die sich bereit erklären, das Amt von Achim Schickert zu übernehmen? Die Kuriere haben nachgefragt und allen die gleichen Fragen geschickt. Hier die Antworten von Merline Bratenstein
Westerwaldkreis. Unverfälscht und echt sollen die Antworten der Kandidierenden zur Landratswahl sein. Deshalb sind alle Antworten original zitiert, ohne Bewertung, ohne Kommentar, ohne Kürzung oder Anmerkung. Die Aussagen der Politiker spiegeln nicht die Meinung der Kuriere wider, sondern ausschließlich die des Kandidierenden. Hier sind die Antworten von Merline Bratenstein (Die Linke).
Wofür haben Sie sich bisher politisch engagiert – und wieso?
Ich habe mir Verantwortung nie leicht gemacht. Ob als Gemeinderätin, Beisitzerin im Landesvorstand der LSU Rheinland-Pfalz, Förderschullehrerin oder im Jugendfußball - mich haben immer die Aufgaben gereizt, bei denen es etwas zu verändern gab. Ich habe an Formulierungen zur Aufnahme der geschlechtlichen Identität in Artikel 3 des Grundgesetzes mitgewirkt, die Eingang in einen Koalitionsvertrag gefunden haben.
Mich motiviert die Überzeugung, dass eine demokratische Gesellschaft nur dann stark ist, wenn alle Menschen die gleichen Chancen und den gleichen Respekt erfahren. Politik beginnt für mich dort, wo Menschen Unterstützung brauchen und wo andere sagen: "Das wird schwierig." Genau dort möchte ich Verantwortung übernehmen.
Welche Veränderungen streben Sie für den Westerwaldkreis an?
Ich möchte einen Westerwald, der niemanden zurücklässt.
Dazu gehören eine verlässliche Gesundheitsversorgung, gute Bildung, bezahlbarer Wohnraum, ein besserer öffentlicher Nahverkehr und starke Kommunen. Junge Menschen sollen Perspektiven haben, Familien gute Bedingungen vorfinden und ältere Menschen gut versorgt werden.
Ich möchte außerdem, dass die Kreisverwaltung bürgernäher wird - mit verständlichen Verfahren, digitalen Angeboten und kurzen Wartezeiten sowie einer Verwaltung, die die Menschen als Partner versteht.
Ich wünsche mir einen Westerwald, in dem Vielfalt selbstverständlich ist und niemand Angst haben muss, anders zu sein. Politik muss zuhören, Brücken bauen und Menschen zusammenbringen.
Welche wirtschaftspolitischen Schwerpunkte wollen Sie im Kreis setzen, um Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen?
Ein starker Westerwald braucht starke Handwerksbetriebe, mittelständische Unternehmen und gute Ausbildungsplätze. Viele Betriebe berichten von Bürokratie, Fachkräftemangel und steigenden Kosten. Politik sollte zuhören und Lösungen entwickeln, statt Hürden aufzubauen.
Ich möchte unsere kreiseigenen Berufsschulen stärken und dafür sorgen, dass junge Menschen gute Ausbildungsbedingungen vorfinden. Gut ausgebildete Fachkräfte sind das Fundament einer starken regionalen Wirtschaft.
Wer Arbeitsplätze schafft, regional ausbildet und Verantwortung übernimmt, verdient gute Rahmenbedingungen und keine unnötige Bürokratie. Gleichzeitig müssen Beschäftigte von ihrer Arbeit gut leben können.
Was sollte sich ändern, damit die Gesundheitsversorgung im Kreis stabil und zuverlässig bleibt?
Gesundheitsversorgung ist Daseinsvorsorge und darf nicht allein wirtschaftlichen Interessen
folgen.
Haus- und Facharztpraxen müssen erhalten und neue Ärztinnen und Ärzte für den Westerwald gewonnen werden. Dafür braucht es attraktive Rahmenbedingungen, eine bessere Zusammenarbeit zwischen Kommunen, Kliniken, Praxen und Pflegeeinrichtungen sowie eine wohnortnahe Versorgung.
Gesundheit darf nicht vom Wohnort oder vom Geldbeutel abhängen. Deshalb sehe ich Privatisierungen im Gesundheits- und Pflegebereich kritisch. Wo Versorgung zur reinen Kostenfrage wird, verlieren am Ende Patientinnen und Patienten, Beschäftigte und der ländliche Raum. Der Kreis muss sich stärker dafür einsetzen, dass die Gesundheitsversorgung im Westerwald langfristig gesichert wird.
Mit Blick auf den Konflikt zwischen Natur- und Tierschutzinitiativen und dem Bau von Windkraftanlagen: Was ist Ihr Konzept, damit der Strukturwandel nicht zu Lasten der ländlichen Räume geht?
Natur-, Klima- und Waldschutz gehören für mich zusammen.
Unsere Wälder sind nicht nur Lebensraum für Tiere und Pflanzen, sondern auch Klimaschützer, Erholungsraum und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für den Westerwald.
Der Zustand vieler Wälder zeigt, wie groß die Herausforderungen durch Klimawandel, Trockenheit und Schädlinge inzwischen sind. Deshalb brauchen unsere Forstämter und kommunalen Waldbesitzer ausreichend Personal und Unterstützung, um unsere Wälder nachhaltig zu bewirtschaften und für kommende Generationen zu erhalten. Gleichzeitig müssen Entscheidungen transparent, fachlich fundiert und gemeinsam mit den Menschen vor Ort getroffen werden.
Die Möglichkeiten des Kreises sind begrenzt. Gerade deshalb möchte ich dort, wo der Kreis Einfluss hat - etwa bei Flächenausweisungen oder im Dialog mit Kommunen und Bürgerinnen und Bürgern -, für transparente Verfahren und regionale Wertschöpfung sorgen.
Wie sollte das Spannungsfeld zwischen Naturschutz, Tierwohl, Wolfsvorkommen und der Sicherung der Weidetierhaltung künftig politisch ausbalanciert werden?
Artenschutz und Weidetierhaltung dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Weidetierhalter brauchen schnelle Unterstützung beim Herdenschutz sowie faire Entschädigungen, wenn Schäden entstehen.
Wichtig ist mir, dass wir nicht nur abstrakt über dieses Thema sprechen, sondern mit den Menschen, die direkt betroffen sind: mit Weidetierhalterinnen und Weidetierhaltern, Jägerinnen und Jägern, Forstleuten, Naturschutzverbänden und Kommunen. Nur so können Lösungen entstehen, die regional tragfähig sind und von den Menschen vor Ort mitgetragen werden.
Deshalb sind Sie in die Partei eingetreten, für die Sie als Kandidatin antreten:
Ich bin in Die Linke eingetreten, weil ich überzeugt bin, dass soziale Gerechtigkeit kein Nebenthema sein darf, sondern Ausgangspunkt politischen Handelns sein muss. Eine Gesellschaft zeigt sich daran, wie sie mit den Menschen umgeht, die am wenigsten Macht haben. Als Förderschullehrerin, Feministin und trans Frau habe ich erlebt, wie wichtig Solidarität ist - nicht als Schlagwort, sondern als gelebte Politik.
Worüber können Sie lachen?
Über mich selbst.
Und über die kleinen Momente, die man nicht planen kann. Kinder schaffen das jeden Tag. Im Fußball gab es sie ständig. Humor hilft mir, auch in schwierigen Situationen Mensch zu bleiben.
Was löst bei Ihnen Frust aus oder macht Sie sogar wütend?
Wenn Menschen gegeneinander ausgespielt werden.
Wenn Kinder schlechtere Chancen haben, weil ihre Eltern wenig Geld haben. Wenn Menschen wegen einer Behinderung, ihres Geschlechts oder ihrer Herkunft ausgegrenzt werden. Und wenn Hass und Hetze als normale Meinung verharmlost werden.
Politik sollte Probleme lösen und nicht Feindbilder schaffen.
Welche Schlagzeile würden Sie gerne mal lesen?
"Der Westerwald lässt niemanden zurück. Gemeinsam gestalten wir Zukunft."
Was betrachten Sie als Ihre größte Fehleinschätzung bezogen auf Ihre eigene politische Arbeit und/oder Partei?
Ich habe lange geglaubt, dass sich Konflikte allein durch Gespräche lösen lassen.
Heute weiß ich: Zuhören ist wichtig, aber es reicht nicht. Politik muss aus Gesprächen konkrete Entscheidungen und Handlungen entwickeln. Haltung ist wichtig - aber sie muss sich auch im Alltag zeigen, dort, wo Menschen Unterstützung brauchen und Probleme gelöst werden müssen.
Deshalb sollten die Wähler mir ihre Stimme geben:
Weil ich mir Verantwortung nie leicht gemacht habe.
Ob in der Schule, im Ehrenamt oder im Fußball, ich habe oft dort Verantwortung übernommen, wo andere lieber einen Schritt zurückgetreten sind. Im Fußball habe ich häufig Mannschaften übernommen, die als schwierig oder abstiegsgefährdet galten. Gemeinsam ist es uns gelungen, Vertrauen aufzubauen, Zusammenhalt zu stärken und aus Einzelnen echte Teams zu formen.
Genau so verstehe ich Politik.
Nicht dort zu sein, wo es bequem ist, sondern dort, wo Menschen Unterstützung brauchen.
Auch Hass und persönliche Anfeindungen haben mich nie davon abgehalten, Verantwortung zu übernehmen. Im Gegenteil: Sie haben mich darin bestärkt, weiter für Demokratie, soziale Gerechtigkeit und ein respektvolles Miteinander einzutreten.
Ich möchte einen Westerwald gestalten, in dem Solidarität stärker ist als Hass und Ausgrenzung, Gleichberechtigung selbstverständlich ist und Menschen frei leben können, und zwar unabhängig davon, wen sie lieben, wie sie aussehen oder woher sie kommen.
Ich kandidiere nicht, weil ich glaube, auf alles eine Antwort zu haben. Ich kandidiere, weil ich bereit bin zuzuhören, Verantwortung zu übernehmen und Probleme gemeinsam mit den Menschen anzugehen.
Für einen Westerwald, der niemanden zurücklässt.
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Kurzer Steckbrief
Wohnort: Oberer Westerwald
Geburtsdatum: 1977
Familienstand: getrennt
Beruflicher Lebenslauf/ Ausbildung: Förderschullehrerin, zuvor Sozialpädagogin
Politischer Werdegang: Mehrere Jahre Mitglied der CDU, Gemeinderätin, Beisitzerin im Landesvorstand der LSU Rheinland-Pfalz; Mitwirkung an der Formulierung zur Aufnahme des Merkmals der geschlechtlichen Identität in Artikel 3 des Grundgesetzes, die Eingang in einen Koalitionsvertrag gefunden hat. Heute Mitglied der Partei Die Linke und Landratskandidatin für den Westerwaldkreis.
Gesellschaftliches Engagement und Vereinsaktivitäten: Langjähriges Engagement im Jugendfußball, unter anderem als Schiedsrichterin sowie in der Vereinsarbeit. Mehrere Jahre Mitglied des Kirchenvorstands und kommunalpolitisches Ehrenamt.
Hobbys: Fußball, Podcast, Wandern, Politik und Social Media
Drei Lieblingsorte im Kreis:
Holzbachschlucht
Gelbachtal
Die Gegend rund um die Fuchskaute
Vorbilder: Mein größtes Vorbild sind Menschen, die Verantwortung übernehmen, ohne dafür Applaus zu erwarten - ob in der Pflege, in der Schule, im Ehrenamt, in Vereinen oder in der Nachbarschaft. Sie halten unsere Gesellschaft zusammen.
Kontaktdaten zur Veröffentlichung:
Eine kurze Übersicht aller Kandidierenden für den Weterwaldkreis finden Sie hier. (Red)
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