Wäller Tour Stöffel-Route: Wo Vulkane Fossilien konservierten
Die Wäller Tour Stöffel-Route ist eine knapp zwölf Kilometer lange Rundwanderung rund um den Stöffel-Park bei Enspel im Westerwald und eine der ungewöhnlichsten Wanderungen, die der Westerwald zu bieten hat. Mit einem einstigen Vulkanmaarsee voller Weltklasse-Fossilien, dem größten zusammenhängenden Basaltabbaugebiet des Westerwaldes, einem Industriedenkmal und einer Eisenbahnbrücke, die einst als größte Betonbrücke Deutschlands galt, hält sie viele Schätze bereit.
Enspel. Wer am Geoinformationszentrum des Stöffel-Parks parkt und die ersten Schritte in Richtung Stöffel-See macht, wandert buchstäblich über eine der bedeutendsten Fossillagerstätten Deutschlands. Was heute ein stiller Teich im Schatten mächtiger Förderbandanlagen ist, war vor rund 25 Millionen Jahren ein Vulkanmaarsee von rund einem Quadratkilometer Fläche. Im Ober-Oligozän brach hier ein Vulkan aus, dessen Magmakammer nach dem Ausbruch in sich zusammenstürzte und eine Caldera bildete, die sich mit Wasser füllte. Über Jahrtausende sanken tote Tiere und Pflanzen auf den Seegrund und wurden in feinen Tonsedimenten eingeschlossen. So entstanden Bedingungen, die für eine Fossillagerstätte von internationaler Bedeutung sorgten. Eine Geostation am Stöffel-See erklärt diese Geschichte anschaulich und weist auf das nahe Grabungshaus hin, in dem bis heute in der Sommersaison Paläontologen und freiwillige Helfer unter wissenschaftlicher Leitung die Schichten abtragen.
Seit 1990 wurden hier über 36.000 Fossilien geborgen, präpariert und inventarisiert. Das berühmteste Fossil ist zweifellos die Stöffelmaus (Eomys quercyi), die 1992 beim Routineabbau entdeckt wurde und die Wissenschaft sofort in Aufruhr versetzte. Das winzige Skelett des mäuseähnlichen Nagers war derart vollständig erhalten, mit Haaren, Mageninhalt und einer deutlich erkennbaren Flughaut zwischen Vorder- und Hinterextremitäten, dass die Forscher es zweifelsfrei als Gleitflieger rekonstruieren konnten: eine Art ausgestorbenes Gleithörnchen aus dem Oligozän. Damit ist die Stöffelmaus der älteste Nachweis des Gleitfluges bei Nagetieren weltweit, ein Weltrekord, der heute golden eingerahmt im Tertiärum des Stöffel-Parks auf Besucher wartet. Wer das Museum während der Wanderung besuchen möchte, was unbedingt empfohlen sei, kann an der Infobox ein Tagesticket kaufen; die Wanderung selbst ist ohne Eintritt möglich.
Durch den weitläufigen Kunst-Garten folgt der Wanderweg zurück in Richtung der mächtigen Förderbandanlagen und der Blick, der sich von hier bietet, macht unmissverständlich klar, womit man es zu tun hat. Der Stöffel ist mit rund 140 Hektar das größte zusammenhängende Basaltabbaugebiet im Westerwald. Ab 1902 installierte die Firma Adrian die erste Steinbrechermaschine und eine Bahnverladestation, der Beginn einer industriellen Ära, die erst im Jahr 2000 endete und dem strukturschwachen Westerwald über Jahrzehnte hinweg wirtschaftliches Rückgrat war. Direkt angrenzend läuft der Abbau bis heute weiter; der Stöffel-Basalt wird von der Basalt AG abgebaut und in zahlreiche europäische Länder exportiert. Unter den hohen Förderbändern hindurch führt der Wanderweg in die Wälder rund um den Stöffel, ein surrealer Moment, in dem Industriekulisse und Naturlandschaft für einen Augenblick ineinandergreifen.
Bergauf durch den Wald gelangt man nach Stockum-Püschen, wo die Basalt-Meile beginnt. Hier findet man vier Geostationen, an denen riesige Maschinenteile aufgestellt sind, die den gesamten Prozess des Basaltabbaus anschaulich machen: vom Sprengen des Gesteins, über das Brechen und Sieben, bis hin zur Verladung des Endprodukts Edelsplitt für den Straßenbau. Kinder, die auf diesem Abschnitt von der Audiofigur "Basti Basalt" durch die Geschichte der Steinbrüche geführt werden, sind von den Maschinenteilen meist kaum loszureißen. Von der Basalt-Meile lohnt sich ein kurzer Abstecher zum GeoBlick Stöffel-Turm: Von der erhöhten Aussichtsplattform eröffnet sich ein Panoramablick über den aktiven Steinbruch, die Abbaukanten und die weite Westerwald-Landschaft, der nirgendwo sonst auf dieser Wanderung so eindrucksvoll zu erleben ist.
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Ein weiterer kurzer Abstecher führt zum Götzenberg, dem vermuteten Ausbruchsort des urzeitlichen Stöffel-Vulkans. Ein Gipfelkreuz und eine Erklärungstafel markieren den Ort, an dem vor rund 25 Millionen Jahren Lava, Asche und Dampf aus der Erde brachen und der heute ein stiller Waldhügel ist, der kaum ahnen lässt, was sich hier einst abspielte. Hinunter ins Nistertal führt der Weg zum vorletzten Höhepunkt der Runde, der Erbacher Eisenbahnbrücke. Und dieser Anblick bleibt im Gedächtnis: Das Bauwerk überspannt das Tal der Großen Nister auf einer Länge von über 300 Metern und in einer Höhe von fast 40 Metern, auf elf Bögen und zehn Pfeilern aus unbewehrtem Beton. Eingeweiht am 31. August 1911 nach nur sechs Monaten Bauzeit, galt sie damals als die größte Betonbrücke Deutschlands und im Volksmund wurde sie schon bald das "Westerwälder Weltwunder" genannt. Das Baumaterial kam größtenteils aus dem nahe gelegenen Stöffel-Steinbruch und die Bahnlinie transportierte über Jahrzehnte Basalt von den Steinbrüchen zum Verladepunkt. Als 1971 der Personenverkehr eingestellt wurde, verlor die Brücke ihre Funktion und wurde zu einem Denkmal. Heute steht sie unter Denkmalschutz und ist nach wie vor Treffpunkt für Wanderer, Technikbegeisterte und Fotografen, die das imposante Aquädukt im Gegenlicht vor blauem Himmel einfangen wollen.
Von der Brücke geht es an der Nister entlang zurück nach Büdingen und von dort auf einem bereits bekannten Abschnitt zurück zum Stöffel-Park. Die Route wurde am 26. April 2025 feierlich eröffnet und erhielt dabei zwei Auszeichnungen auf einmal: das nationale Qualitätssiegel "Qualitätsweg Wanderbares Deutschland" sowie als erster Wanderweg in ganz Deutschland das europäische Gütesiegel "Leading Quality Trail - Best of Europe DAY WALK". Ein Wanderweg, der im Ober-Oligozän seinen Anfang nimmt und mit einem europäischen Spitzensiegel endet: Das passt zum Stöffel, der seit jeher mehr war als ein Berg.
Die Rundwanderung ist für Wandernde mit durchschnittlicher Kondition gut zu meistern. Aufgrund der Gegebenheiten sollte unbedingt festes Schuhwerk getragen werden und auch Verpflegung, mindestens aber Getränke, sind ein Muss. Wer sich Zeit nimmt, kann auch mit Kindern wunderbar durch ein Stück Geschichte wandern und diese erleben.
Tour-Informationen
Art: Rundweg
Schwierigkeit: mittel
Strecke: 11,9 km
Dauer: rund 3,5 Stunden (ohne Museumsbesuch)
Aufstieg: 274 Höhenmeter
Abstieg: 274 Höhenmeter
Wegebeschaffenheit: Naturwege, Schotterwege, Asphalt, Pfade
Familiengeeignet: Ja, besonders mit Besuch des TERTIÄRUMS und der Audiofigur "Basti Basalt"
Eintritt Stöffel-Park: Wanderung kostenfrei; TERTIÄRUM-Besuch: Erwachsene 7 Euro, Kinder 4 Euro, Familien 14 Euro (bis 5 Kinder unter 14 J.)
Besonderheiten: Wäller Tour
Hinweis: Betreten des aktiven Steinbruchbereichs verboten; nicht über Zäune klettern
Startpunkt: Stöffel-Park GeoInformationszentrum, Stöffelstraße, 57647 Enspel
Zielpunkt: wie Startpunkt
Hinweis: Öffnungszeiten, Preise oder Fahrpläne bitte tagesaktuell prüfen!
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