50 Jahre Loreley-Freilichtbühne "Verdamp lang her…"
Von Jörg Schmitt-Kilian
Die SWR-Dokumentation über die Loreley-Freilichtbühne weckt bei einem ehemaligen Polizisten lebendige Erinnerungen an vergangene Jahrzehnte. Zwischen legendären Rockkonzerten und Einsätzen als verdeckter Ermittler im Rauschgiftmilieu entstanden Geschichten, die wie erst gestern geschehen wirken.
Loreley. "…et ess paar Johr her, doch die Erinnerung fällt nit schwer,
Hück kütt mer vüür, als wenn et jestern wöör." (BAP)
… mit diesen Zeilen aus dem wohl berühmtesten BAP-Song erinnert Wolfgang Niedecken sich an seinen verstorbenen Vater, und am Sonntag (3. Mai 2026) hat die SWR-Dokumentation DER FELS ROCKT von Uli Paulus meine Erinnerungen geweckt, und Erlebnisse auf der Loreley waren gegenwärtig wie nie zuvor, als wäre alles erst gestern geschehen, so wie Wolfgang es geschrieben hat.
BAP war auch die erste deutsche Band, die auf dem legendären Loreley-Plateau awrockte, und ich war mit dabei, zunächst "nur" privat, später "dienstlich in verdeckter Mission". Ich erinnere mich an viele Begegnungen, und mit den Zeilen des bekannten Loreleyliedes "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" hinterfrage ich nach 50 Jahren – mit Blick auf das CanG – die Verhältnismäßigkeit unserer personalintensiven Einsätze, aber: "times are changing".
Einsätze als verdeckter Ermittler
Da bei vielen Rock-Veranstaltungen "Haschischnebelschwaden über das Rheintal hinwegzogen", wurde ich als junger Polizist vom K/15 (das zuständige Rauschgiftkommissariat des Polizeipräsidiums Koblenz) mit einigen Kollegen als NÖEB (nicht öffentlich ermittelnder Beamter) bei fast allen Rock-Festivals auf der Loreleybühne hoch über dem Rhein eingesetzt. Ab 1985 ermittelten wir zusätzlich bei Rock am Ring in der Eifel, später bei nature one im Hunsrück, zu jener Zeit, als mein Patenonkel noch immer nicht den Unterschied zwischen Cannabis und einer Cabanossi kannte.
Bereits bevor Konzertveranstalter Rainer Zosel diesen lost place entdeckte und aus dem Dornröschenschlaf weckte, war mir das alte Amphitheater aus (Nacht-)Wanderungen mit den Pfadfindern bekannt. Im Lauf der Jahre entwickelte sich dank Zosels Engagement das landschaftlich reizvoll gelegene Plateau hoch über dem Rheintal zu einer der bekanntesten Freilichtbühnen in Europa. In der SWR-Dokumentation berichtet er über erste Schwierigkeiten bei der Entstehung dieses Projekts. Er habe zunächst nur Absagen erhalten, bis Phil Collins mit Genesis am 3. Juli 1976 die Loreley "rockte". Kurz danach nahm die Loreleybühne "Fahrt auf". Große Namen "drückten sich die Klinke in die Hand": Joan Baez, BAP, Joe Cocker, Phil Collins, Chris de Burgh, Bob Dylan, Rory Gallagher, Udo Lindenberg, Peter Maffay, Carlos Santana, Sting (eine unvollständige Auswahl in alphabetischer Reihenfolge der Familien-/Bandnamen), und viele Konzerte wurden vom WDR-Rockpalast übertragen.
Musiklegenden und Gänsehautmomente
Ich denke oft an Wolfgangs Auftritt (mit dessen Genehmigung ich meinen Text über Krimiautoren "Verdamp lang her" für Auftritte unserer Band HANDS UP & THE SHOOTING STARS präsentieren durfte (siehe Foto!)). Besonders erinnere ich mich an den lauen Sommerabend im August, als die kleine Joan Baez allein (fast wie verloren) mit ihrer Gitarre auf der großen Bühne stand und mit ihrer klaren und starken Stimme "We shall overcome", "Blowin' in the wind" und weitere Songs präsentierte und wir alle mehr oder weniger textsicher einstimmten oder summten. Gänsehautfeeling pur, ein unvergessenes Erlebnis mit leichtem Nieselregen, und nicht nur der Himmel vergoss sanfte Tränen, was der Stimmung jedoch keinen Abbruch tat. Im Gegenteil. Irgendwie passte das. Und es taucht eine weitere Erinnerung auf: Beim Auftritt von Chris de Burgh versagt die Technik, und der kleine Ire begeistert mit seiner gewaltigen Stimme unplugged das Publikum auch ohne Begleitung.
Um es mit Brings zu sagen: Das war eine verdammt geile Zick.
Da der Veranstalter uns backstage Karten zur Verfügung stellte, konnten wir weltbekannten Künstlern hautnah begegnen und haben oft unseren dienstlichen Auftrag vergessen oder eine "Pause" eingelegt, und das bei kostenlosem Eintritt und mit Anrechnen der zahlreichen Überstunden. Es gibt schlechtere Einsätze, obwohl die Rahmenbedingungen unter heutigen Aspekten alles andere als gut waren: In den ersten Jahren schliefen wir in der Turnhalle, die gleichzeitig als Übernachtungs-, Aufenthalts- und Vernehmungsraum diente.
Alltag unter schwierigen Bedingungen
Bei dem mehrtägigen Einsatz in "kurzen Nächten" ruhten wir uns auf (selbst mitgebrachten) Liegen in Schlafsäcken aus und lebten drei (manchmal vier) Tage aus dem Rucksack (siehe Fotos!). Für die Durchsuchung weiblicher Personen hatten wir mit hochgestellten Turnmatten eine "intime Ecke" eingerichtet.
Der hintere Teil der Turnhalle (unser Schlafsaal) konnte nicht abgeschlossen werden, und mitten in der Nacht verwechselte ein (vielleicht auch mit Whisky aus seinem Benzinkanister?) "zugedröhnter" Amerikaner die Räumlichkeit mit der öffentlichen Toilette. Im Erschöpfungsschlaf höre ich ein fernes Plätschern, sah mich wohl inmitten der Idylle an einem Bergbach sitzen und erkannte erst beim Aufwachen den Mann nur zwei Meter neben mir beim "Besprenkeln" der Wand. Ich forderte den ertappten Wildpinkler "unter Anwendung einfacher körperlicher Gewalt" zum Verlassen der Turnhalle auf. Mein Hinweis, dass dies kein "stilles Örtchen", sondern der Einsatzraum der deutschen Polizei war, quittierte der amerikanische Staatsangehörige mit einem müden Lächeln, und ich verlegte meinen Schlafplatz in eine sichere Ecke fernab der Eingangstüren.
Unter heute unvorstellbaren Rahmenbedingungen (Schreibmaschinen auf Biergarnituren) haben wir in der Turnhalle Personen vernommen (teilweise vom DRK auf einer Transportliege nach medizinischer Versorgung zur "Weiterbehandlung" abgestellt). Einige Jahre später erntete ich bei Gastvorträgen an der Hochschule der Polizei vor jungen Kolleginnen und Kollegen ungläubige Blicke, aber das war "Polizei live". Da mit dem Cannabisgesetz am 1. April 2024 der private Anbau zum Eigenkonsum sowie in Anbauvereinigungen legalisiert wurde, mögen meine Schilderungen der jungen Generation abwegig erscheinen.
Einsatzstrategien und amerikanische Partner
Aber zurück zu der Schilderung von Einsätzen, bei denen einige mir auch die "Fantasie eines Thrillerautors" unterstellt haben, obwohl ihnen bekannt war, dass meine Kriminalromane auch auf wahren Begebenheiten basieren.
Mit zunehmendem Alter übernachteten wir nicht mehr in der Turnhalle, sondern in Zelten; später stellte uns die Bezirksregierung Wohnwagen zur Verfügung, und irgendwann buchten wir Zimmer in nahe gelegenen Gasthäusern, um uns mit wenigen Stunden Schlaf für den nächsten Tag vorzubereiten. Die Einsätze waren über mehrere Tage geplant, und niemand kontrollierte die Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitszeiten.
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Meine musikalischen Erinnerungen sind mit vielen dienstlichen Begegnungen verknüpft. Ich erinnere mich an barbusige Mädels, die bei ekstatischen Tänzen ihre Kleidung "verloren", mich bei der Festnahme "anmachten", schlaffe, geistig abwesende, freundlich lächelnde Kiffer mit langen Haaren (die auch mein "Haupt" zu dieser Zeit schmückten!) und an diverse Festnahmen.
Wenn wir Personen im Innern des Veranstaltungsgeländes festnehmen mussten, war das Erste-Hilfe-Zelt der Sanitäter auch für uns eine "Rettungsstation". Wir konnten mit den Festgenommenen das Gelände vom Zelt aus meist unbemerkt über den Hinterausgang im Bereich des "Beobachtungsturms" verlassen.
Da viele in Deutschland wohnhafte/stationierte amerikanische Staatsangehörige zu den Festivals anreisten, bildeten wir gemeinsam mit den amerikanischen Drogenfahndern kleine Festnahmetrupps. Während wir selbst (nicht nur aus Gründen der Eigensicherung) nur in Ausnahmefällen Verdächtige mitten in der Menge oder direkt vor der Bühne festnehmen wollten, hatten die special agents damit kein Problem. Wir hingegen konzentrierten uns eher auf den gewerbsmäßigen Handel und die beweiskräftige Überführung von Dealern.
Die amerikanischen Drogenfahnder "schossen" nach jeder Sicherstellung einer "nicht geringen Menge" Polaroidfotos, und bevor wir den Fund asservieren konnten, wollten sie ein picture machen und die Menge und – falls vorhanden – den Tatverdächtigen fotografieren. Ein Verbindungsbeamter vermutete, die Agenten würden "nach Gramm bezahlt": Ein Schelm, der Böses dabei denkt.
Kuriose Fälle und brenzlige Situationen
Wenn wir uns nach Scheinaufkäufen bei der Festnahme als Polizeibeamte zu erkennen gaben, dachten unsere Gegenüber zunächst an einen Scherz, zumal wir manchmal T-Shirts mit dem Aufdruck Drogenfahnder – die stillen Helden der Nation trugen, und erst nach dem Eintreffen von Kollegen der Schutzpolizei erkannten sie, dass "Schluss mit lustig" war.
In einem Fall entdeckten Kollegen im Hubschrauber in der Nähe des Veranstaltungsgeländes ein kleines Cannabisfeld – ein langer Streifen inmitten eines Maisfeldes, sodass man den illegalen Anbau nur von oben erkennen konnte (siehe Foto). Neben der ausgeprägten Spürnase der Beamten war (und ist) der Einsatz von Rauschgiftsuchhunden wichtig für das Auffinden illegaler Drogen. Viele Kiffer waren der Meinung, die Rauschgiftsuchhunde wären selbst abhängig (siehe Cartoon!). Einige Begegnungen sind mir in besonderer Erinnerung geblieben.
Wie bereits erwähnt, versuchten wir primär den gewerbsmäßigen Handel mit verbotenen Substanzen zu erkennen, observierten Dealer bei einer Übergabe und nahmen sie manchmal erst fest, wenn sie zu ihrem "Bunker" zurückgingen.
Drogenhandel im VW-Bus
Mir war im Außengelände am Ende einer der "Zeltstädte" eine Menschenschlange (länger als an einem Imbisswagen) vor einem bunt "geschmückten" VW-Bus aufgefallen, und ich wartete in der Reihe, bis ich "der Erste" war. Der niederländische Drogenverkäufer lächelte mich freundlich an und fragte: "Wat gij wilt?" oder so ähnlich, aber die Frage war eindeutig, und ich fragte ihn, ob er bunte Pillen habe. Er holte aus der untersten Schublade eines kleinen Küchenschranks eine Cellophantüte mit fünf hellblauen Pillen. Obwohl ich nur eine kaufen wollte, zahlte ich die fünf, bedankte mich freundlich und informierte den Festnahmetrupp, der den Dealer festnahm und das Auto sicherstellte.
Bei der Durchsuchung wurden nicht geringe Mengen Shit, Marihuana, Haschisch-Öl, LSD-Trips und bunte Tabletten gefunden – Letztere zu einer Zeit, als noch niemand XTC-Pillen kannte. Ich wurde mit weiteren festgenommenen Personen in den Gefangenentransportwagen (siehe Foto!) eingeschlossen und war derjenige, der am meisten "über die Bullen fluchte"; ich hätte für teures Geld Karten gekauft, und nun wäre die Veranstaltung für mich schon zu Ende. Ein "Insider" beruhigte mich und sagte, ich würde nach Personalienfeststellung entlassen, und beschrieb mir einen weiteren "Drogenladen", an dem ein anderer Niederländer Drogen verkaufen würde, und wir konnten unseren Einsatz wiederholen.
Gefährliche Momente im Rockermilieu
Ich kann mich auch noch gut an eine der brenzligen Situationen erinnern. Mein Kollege Achim und ich wurden aufgrund unseres äußeren Erscheinungsbildes (lange Haare, Ring im Ohr, Latzhose, Arafat-Halstuch, Schimanski-Jacke, Messer im Cowboystiefel) nie als Polizisten erkannt, aber eine unserer "Kundinnen" war "verliebt" in meinen Partner und wollte sich rächen, weil Achim "ihr Flehen nie erhört" hatte. Sie verfolgte uns bei einem nächtlichen "Kontrollgang", und als wir die Zeltstadt einer Rockergruppe passierten, schrie sie mit schriller Stimme: "Das sind sie!" und zeigte auf "die zwei verdeckt arbeitenden Bullen".
Wir wurden "eingekesselt" (damals kannte man den Begriff noch nicht in der Polizeisprache), aber unter "Ausübung einfacher körperlicher Gewalt" gelang uns der "Rückzug", ohne dass ich die am Wadenholster befestigte "Zwei-Schuss-Lady-Pistole" einsetzen musste. Einer von uns beiden trug immer diese "verdeckte" Waffe. Das Tragen der normalen Dienstwaffe wäre selbst unter einer Sommerjacke zu riskant gewesen, denn vor Scheingeschäften tasten einige Dealer die Person am Gürtel ab, zumal inzwischen bekannt war, dass "Zivilbullen unterwegs sind". Daher umarmten Dealer bei einem Verdacht den potenziellen Käufer und tasteten den Gürtel ab. Auch hier gilt einer der Grundsätze für eine erfolgreiche Observation oder verdeckte Ermittlung: Wer gut beobachten will, darf selbst nicht erkannt werden.
Um die weitere "Störung einer Amtshandlung" zu verhindern, wurde die Frau von Kollegen der Schutzpolizei vorläufig festgenommen und im Gefangenentransportkraftwagen (GefKw im Hintergrund auf dem Foto hinter dem "Arbeitstisch") arrestiert. Jedoch hat ein Kollege das Mädchen kurze Zeit später wieder "befreit", mit dem Argument, sie hätte doch Karten gekauft. Rechtlich bedenklich (Gefangenenbefreiung durch einen Amtsträger), aber menschlich verständlich. Die vorläufige Freilassung wurde nie im Rapport vermerkt. Kollegial nachvollziehbar.
Bei der Vorkontrolle einer Sechzehnjährigen fanden wir fünf Gramm Haschisch. Das Mädchen gab an, sie habe den Stoff zum gestrigen Geburtstag geschenkt bekommen, und weinte, denn sie habe Angst vor ihren Eltern. Nachdem es mir einigermaßen gelungen war, sie wieder zu beruhigen, meinte sie: "Von mir aus können Sie die fünf Gramm behalten."
Ich erinnere mich noch, wie ich mit meiner Visitenkarte "Rechtsanwalt" einen flüchtigen Dealer (unter Vorspielen falscher Tatsachen) bewegen konnte, mir freiwillig in die Turnhalle zu folgen, wie ich mit meinem Kollegen Werner bei der Abreise lange im Stau stand und wir erst Stunden später aufwachten, nachdem kein einziges Fahrzeug mehr auf der Straße stand, und, und, und…
Fortsetzung folgt.
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