"Situation nicht mehr tragbar": Waschbären werden zur Plage und keine Hilfe in Sicht
Von Regina Morkramer
Sie gelten als "süß" und "putzig", doch wer sie erst einmal auf dem Grundstück oder gar im Haus hat, berichtet ganz anderes: Waschbären können zu einer echten Plage werden und dabei viel Unheil anrichten. Die Tiere wieder loszuwerden, wird zur Herausforderung.
Wissen/Region. Ute Stahl ist verzweifelt, und das hört man ihr im Gespräch auch deutlich an. Seit acht Jahren machen ihr Waschbären auf dem Grundstück und vor allem im Haus "das Leben zur Hölle". Ute Stahl wohnt in einem alten Fachwerkhaus in Ortsrandlage, an einem Hang und mit einem Wäldchen in unmittelbarer Nachbarschaft. Hier scheinen sich die Tiere wohlzufühlen, denn seit 2018 ziehen Waschbären ihre Jungtiere regelmäßig auf dem Dachboden und im Kamin des Hauses auf. Deswegen kommt es bevorzugt in den Monaten März und April immer wieder zu Einbrüchen, Beschädigungen, Lärm und Verwüstungen. "Die aktuelle Situation ist nicht mehr tragbar", berichtet Ute Stahl. "Die Waschbären werden immer frecher und sie verursachen vor allem enorme Kosten. Das geht hier mittlerweile in die Tausende." Laut Ute Stahl, die die Problematik seit vielen Jahren dokumentiert, decken die Tiere in Etappen das Dach ab, verursachen somit Wasserschäden im Haus, graben sich durch die Schamottsteine im alten Kamin und randalieren ganze Nächte am Stück. "An Schlaf ist zeitweise überhaupt nicht mehr zu denken", klagt die Schönsteinerin.
Waschbären gehören gar nicht hier hin
Waschbären gehören in Deutschland und Europa zu den invasiven Arten; das bedeutet, sie haben hier nicht ihren natürlichen Lebensraum, sondern wurden von Menschen eingeführt. Laut World Wide Fund For Nature (WWF) wurde der nordamerikanische Waschbär 1927 für die Pelzsucht nach Deutschland importiert. Ein Forstmeister setzte 1934 zwei Waschbärpaare in Hessen aus, damit sie sich für die Jagd vermehren. Im Zweiten Weltkrieg entkamen zudem Dutzende Tiere aus einer Pelzfarm in der Nähe von Berlin. Inzwischen gibt es nach Angaben des WWF schätzungsweise 1,5 Millionen Waschbären in ganz Deutschland. Als invasive Art haben sie kaum natürliche Feinde, sodass sie sich stark vermehren und stetig weiter ausbreiten können. Dabei verdrängen die anpassungsfähigen Allesfresser auch heimische Arten wie Frösche, Vögel oder Sumpfschildkröten.
Doch nicht nur die Natur leidet unter den Waschbären, das kann Ute Stahl bezeugen. "Zusätzlich zu den Schäden am und im Haus übertragen sie auch noch Flöhe und andere Krankheiten, davon sind auch meine Katzen betroffen. Die Mütter mit ihren Jungtieren sind außerdem auch noch aggressiv und greifen dann durchaus auch Menschen an. Ich traue mich schon seit Jahren nicht mehr allein auf meinen Dachboden, nur in Begleitung und mit Softballschlägern bewaffnet."
Fütterung lockt Waschbären immer wieder an
Einfach vertreiben, damit wieder Ruhe herrscht, lassen sich die Waschbären offenbar nicht: "Die Tiere werden von einem der Nachbarn seit acht Jahren fleißig mit Katzenfutter versorgt und angelockt", erklärt Ute Stahl. "Er zeigt keinerlei Einsicht, damit aufzuhören - weil er Waschbären so niedlich findet. Er hat es mir gegenüber zugegeben, offiziell füttert er aber Katzen." Denn das Füttern von Waschbären ist in Deutschland nicht erlaubt und kann als Ordnungswidrigkeit geahndet werden. Ute Stahl versucht also seit acht Jahren, die Tiere, die durch die regelmäßige Fütterung immer wieder angelockt werden, loszuwerden - und scheitert. Von Chili, Pfeffer, Lavendel und Chlorsteinen über Radiogeräte und Abwehr-Krallen um Regenrohre, Trillerpfeifen und Ultraschallgeräten mit Blitz und Alarm bis hin zum Stromzaun um die komplette hintere Haushälfte: "Nichts davon beeindruckte die Bären auch nur im Ansatz längerfristig." Und so "zerlegen die mir hier weiterhin alles und ich muss es in Ordnung bringen und bezahlen", beschreibt es Ute Stahl. Denn die Versicherung übernimmt hier nach ihren Angaben keine Kosten, weil da Schäden durch Neozoen nicht inklusive seien.
Bisher keine Unterstützung von der Unteren Jagdbehörde
Und Hilfe von offizieller Seite? "Man kriegt gesagt, was man nicht darf, aber nicht, was man tun kann", kritisiert Ute Stahl. Denn Waschbären unterliegen zwar dem Jagdrecht, Mütter haben aber Schonzeit von März bis einschließlich Juli und Jungtiere dürfen nur mit Ausnahmegenehmigung gefangen und geschossen werden. "Es hat angeblich aktuell niemand eine solche Genehmigung hier im Kreis", berichtet Ute Stahl, die auf der Suche nach Hilfe im Kampf gegen die Waschbären schon verschiedene Stellen vom Naturschutzbund übers Ordnungsamt bis zur Unteren Jagdbehörde kontaktiert hat, auch mehrfach. "Es ist unglaublich, welche Antworten man da teilweise bekommt. Jemand sagte mir am Telefon, ich solle die Tiere fangen und wegfahren. Das ist verboten und kann mit hohen Geldstrafen geahndet werden. Als ich darauf hinwies, antwortete man mir: ‚Wo kein Kläger, da kein Richter‘. Auch von anderen Stellen hab ich mich nicht ernst genommen gefühlt. Ein anderer sagte mir, ich solle eine Platte auf den Kamin machen und sie dort verhungern lassen. Es kann aber ja nicht sein, dass ich grob illegal oder unmenschlich handeln muss, weil mir niemand bei diesem Problem helfen kann oder möchte. Die lassen einen komplett im Regen stehen."
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Zuständig ist hier vor allem die Untere Jagdbehörde des Kreises Altenkirchen. "Deren Aussage mir gegenüber war lediglich, dass die Mütter aktuell nicht gefangen und geschossen werden dürfen wegen der Schonzeit, nur die Jungtiere. Bei der Fangjagd müsste ich jedoch gewährleisten, dass keine Mutter in die Falle geht, was aber ja realistisch nicht umsetzbar ist." Ute Stahl fordert in ihrem Fall aufgrund der jahrelangen, massiven Probleme durch die Waschbären eine Ausnahmegenehmigung für die Fangjagd auch in der Schonzeit. Denn gerade in diesen Monaten, wenn die Waschbärmutter ihre Jungen aufzieht, kommt es zu dem besonders zerstörerischen und belastenden Auftreten der Tiere.
Kreisverwaltung Altenkirchen: Keine Ausnahmegenehmigung innerhalb der Schonzeit
Auf Anfrage gibt die Untere Jagdbehörde der Kreisverwaltung in Altenkirchen an, dass das Waschbär-Problem in Schönstein bekannt sei. "Die Eigentümerin wurde telefonisch beraten. Wir haben ihr außerdem Kontaktdaten zur Verfügung gestellt." Waschbären seien jagdbare Tiere und unterliegen dem Jagdrecht. Die Jagdzeit beginne am 1. August und ende am 28. Februar eines jeden Jahres. "Nach dem Landesjagdgesetz kann die Jagdbehörde den Eigentümern oder Nutzungsberechtigten von befriedeten Bezirken (Grundstücken in Ortslagen) in beschränktem Umfang das Fangen und Töten von Wild gestatten", erklärt die Untere Jagdbehörde weiter. "Darüber hinaus hat der Landkreis Altenkirchen den Jagdausübungsberechtigten in großem Umfang Lebendfallen und Fallenmelder zur Verfügung gestellt." Auf schriftlichem Antrag werde dem Eigentümer oder Mieter eines Grundstücks der Fang mit einer Lebendfalle genehmigt. Sofern der Betroffene nicht selbst Jäger ist und nachweislich einen Fangjagdlehrgang absolviert hat, nimmt die untere Jagdbehörde eigenen Aussagen zufolge mit einem Jäger Kontakt auf, der die Befähigung zur Ausübung der Fangjagd hat. Der Jäger muss Zugang zum Grundstück haben, die Falle muss mindestens zweimal täglich kontrolliert werden.
Das gilt allerdings nur außerhalb der Schonzeit. Denn wie die Untere Jagdbehörde ausführt, haben erwachsene Waschbären in Rheinland-Pfalz eine festgelegte Schonzeit vom 1. März bis zum 31. Juli. Während dieser Zeit sei die Jagd untersagt, um den Elterntierschutz zu gewährleisten. "Eine Ausnahmegenehmigung für die Fangjagd innerhalb der Schonzeit ist nicht vorgesehen", betont die Untere Jagdbehörde - also genau das, worauf Ute Stahl in ihrem Fall so sehr hofft.
Ute Stahl führt zudem aus, als wie begrenzt sie die Hilfe durch die Untere Jagdbehörde in ihrem Fall empfunden hat. "Es ist richtig, dass ich beraten wurde und Kontakte erhalten habe. Als ich daraufhin allerdings den Jagdpächter versucht habe anzurufen, habe ich auch nach mehreren Versuchen niemanden erreicht. Also habe ich eine E-Mail geschrieben und die Situation geschildert - darauf habe ich bis heute keine Antwort bekommen." Als nächstes hat Ute Stahl sich also an den zuständigen Jagdaufseher gewandt. "Der war erst einmal damit beschäftigt sich aufzuregen, warum die Untere Jagdbehörde einfach seine Telefonnummer heraus gibt. Im Hinblick auf mein Waschbären-Problem konnte er mir lediglich sagen, dass es seines Wissens nach niemanden im Kreis gibt, der eine entsprechende Genehmigung zur Jagd hat. Er kenne auch niemanden, der eine Falle zum Fangen von Waschbären erhalten hat, er selbst habe jedenfalls auch keine. Das war es." Eine schnelle Hilfe für ihr Problem ist somit nicht in Sicht. Ute Stahl stellt sich daher aktuell auf weitere schlaflose Nächte und mögliche Zerstörungen durch die Tiere ein und findet: "Das kann doch echt nicht wahr sein. Irgendwer muss doch irgendwas tun können!"
Im Westerwald fühlt sich der Waschbär wohl
In unserer Region scheint sich der Waschbär übrigens besonders wohl zu fühlen: "In den waldreichen Landkreisen im Norden von Rheinland-Pfalz wurden die höchsten Jagdstrecken dieser invasiven Art erzielt. Mit 222 Waschbären steht der Eifelkreis Bitburg-Prüm auf Platz eins der Waschbär-Strecke 2020/21. An zweiter Stelle kommt der Westerwaldkreis mit 218 Waschbären, gefolgt vom Landkreis Altenkirchen mit 216 Individuen", geht aus einem Bericht des Landesjagdverbands Rheinland-Pfalz aus dem Jahr 2021 hervor. Insgesamt steigen die Abschusszahlen beim Waschbär, was auf die Ausbreitung der Art hindeutet.
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