Memorabilia X: Der Überfall auf Daaden
Von Niklas Hövelmann
Ende des 18. Jahrhunderts glichen Rheinland und Westerwald ein wenig dem, was man sich heute unter dem Wilden Westen vorstellt. Gesetzlose, Räuber und Glücksritter durchziehen das Land, immer auf der Suche nach der schnellen Mark. 1798 kommt es unter diesen Zuständen gar zu einem Raubüberfall auf die Stadt Daaden.
Daaden. Wenn es nach nunmehr neun Ausgaben der Memorabilia ein wiederkehrendes Thema gibt, dann ist das wohl der Dilettantismus. In fast jeder einzelnen hier vorgestellten Anekdote, fällt ein Akteur an irgendeinem Punkt eine bemerkenswert dämliche Entscheidung und verwandelt die eigentlich ernste Geschichte in eine absolute Clown-Show oder bringt die Ereignisse gar erst ins Rollen. Sei es der übermütige Germanenfürst aus dem zweiten Teil, der streitsüchtige Graf von Sayn aus dem dritten Teil oder die sturzbetrunkenen Gelegenheitsräuber aus dem sechsten Teil: Die Schnapsideen unserer Vorfahren boten immer einiges an Unterhaltungswert. In dieser Episode wird es nicht anders sein. Wir bleiben im Setting der vergangenen Folge: dem wilden Westerwald. 1798 wittert eine Räuberbande das ganz große Geld, das ein Bankier in Daaden versteckt haben soll. Eigentlich beginnt ihr Coup sehr professionell und vielversprechend - dann verlaufen sie sich gleich mehrmals. Memorabilia X über leere Häuser, ratlose Räuber und flinke Franzosen.
Historische Spannungen
Der anarchische Charakter des Westerwaldes im 18. Jahrhundert ist schon in den letzten Episoden der Memorabilia ein Thema gewesen. Also reichen dieses Mal zwei kurze Erläuterungen zum Kontext vollkommen aus. Zum einen muss erwähnt werden, dass wir uns 1798 in der Zeit der französischen Besatzung infolge der Revolutionskriege befinden. Wie so ziemlich während jeder Besatzung ist die Administration wahnsinnig chaotisch und die gewünschte neue Ordnung wird quasi niemals vollständig etabliert. Dafür befinden sich allerdings große französische Truppenkontingente im Rheinland, die auch polizeiliche Aufgaben übernehmen.
Der zweite Punkt ist der Grund für die enorme Präsenz gesetzloser Banditen in der Region: Die Stadt Neuwied schickte sich damals an, zu expandieren und zu Bedeutung zu kommen. Hierfür sagte sie jedem Fremden, der sich in Neuwied niederließ, einen besonderen Schutz zu, gerade auch vor Strafverfolgung durch die Exekutivkräfte anderer Landesteile. So kam es, dass Neuwied Banditen aller Art anzog. Von Hehlern über Diebe zu anderen Berufskriminellen - im späten 18. Jahrhundert fand man allerhand krumme Hunde in Neuwied. Diese operierten natürlich im direkten und erweiterten Umland, weshalb der Westerwald eine wahre Verbrechensflut erlebte.
Räuberbande aus Neuwied hört von Beute in Daaden
Es ist also nicht verwunderlich, dass auch diese Geschichte in Neuwied ihren Anfang nahm. Bestens vernetzt, quartierte die Räuberbande um Adolf Weyers 1798 in der Stadt. Hier gliederte sie sich perfekt in das lokale kriminelle Netzwerk ein, das neben den Banditen selbst auch Informanten aus den höchsten Kreisen der Stadtmagistratur umfasste. Im Mai erhielten Weyers und seine Kumpanen aus diesem Netzwerk heraus einen vielversprechenden Tipp: Während der Kriegswirren, die im nahegelegenen Köln tobten, soll der reiche Bankier Bruckmann Geld und Wertgegenstände im großen Stil aus der Stadt herausgerettet und im Haus seines Schwiegervaters in Daaden versteckt haben. Angeblich sei die zu machende Beute derart reich, dass die Banditen auf ewig gemachte Männer gewesen wären. Es war eine Gelegenheit, die man nur schwerlich verstreichen lassen konnte: Reiche Beute, versteckt in einem ungesicherten Haus, in einem winzigen Dorf mit geringem Risiko - war man doch sicher, hätte man den Schatz erst einmal nach Neuwied geschafft.
Der Raub wurde beschlossen, ein Plan geschmiedet. Zunächst musste jedoch das Ziel ausgekundschaftet werden. Für diese Aufgabe wählte man Adolf Weyers aus. Der gebürtige Eberfelder wurde mit allen Informationen ausgestattet auf den langen Marsch nach Daaden geschickt.
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Auskundschaften und planen
Zwei Tage später kehrte er mit einem wechselhaften Bericht in die Deichstadt zurück. Der Tipp schien korrekt zu sein. Das Haus existierte, so wie beschrieben. Innen befanden sich diverse Säcke und Kisten, die aussahen, als seien sie eiligst hergeschafft und nur als Provisorium eingelagert worden. Das Drumherum war allerdings hochproblematisch: Daaden war bevölkerungsreicher als angenommen, die Bürger durchaus wehrhaft und das Haus befand sich mitten im Zentrum des Ortes. Also musste ein sehr guter Plan her - und der schien auch gefunden worden zu sein.
Mit 30 Mann nach Daaden
Von den Neuwieder Hehlern bestens mit Waffen und Werkzeug ausgestattet, um für alle Eventualitäten ausgerüstet zu sein, brach die etwa 30-köpfige Bande Tage später auf. Vor ihr lag ein beschwerlicher Weg: Daaden und Neuwied liegen etwa 60 Kilometer auseinander. Bei normalem Tempo ist zu Fuß also eine Reisedauer von ungefähr 12 bis 16 Stunden zu erwarten. Aufgeteilt in kleine Trupps, um keinen Verdacht zu erzeugen, erreichten die Räuber am späten Abend den markierten Treffpunkt in einem Waldstück. Hier wurden die Banditen ausgiebig aufgeklärt, sodass möglichst wenig schiefgehen können sollte. Im Schutze der Nacht setzte sich die Bande unter der Führung von Weyers in Bewegung.
(Un)vorhergesehene Hindernisse
Schon auf den ersten Metern erwartete sie die erste kleine Prüfung: Kaum hatten sie Daaden erreicht, kam aus dem angrenzenden Wald eine Gruppe Köhler in ihre Richtung. Hätten diese sie gesehen, hätten die Köhler wohl sofort Alarm geschlagen und die Träume von Reichtum und Ansehen wären dahin gewesen. Die Köhler mussten also weg. Leise schlichen sich die geübtesten der Räuber an ihre nichts ahnenden Opfer heran, überwältigten die Männer blitzschnell und schafften sie gut verschnürt und geknebelt zurück in das Waldstück, aus dem sie gekommen waren.
Weiter ging es. Als Nächstes teilte sich die Gruppe auf: Während ein Teil sich um den Nachtwächter kümmerte, den sie gleichsam gefesselt und geknebelt aus dem Weg schaffte, brach ein anderer Trupp in Richtung Kirche auf. Um zu verhindern, dass mithilfe der Kirchenglocken Alarm geschlagen wurde, versperrten sie die Tür und verstopften die Schlüssellöcher mit Wachs.
Nachts sind alle Katzen grau
Bis hierhin lief alles perfekt. Nun sollte der eigentliche Raub starten. Weyers führte die Räuber bis an die Pforte ihres Zielobjekts. Die Räuber machten den Rennbaum bereit und durchschlugen die Tür. Inmitten des prächtigen Hauses standen sie nun. Sie durchsuchten Raum um Raum, Stube um Stube, doch das Gebäude war vollkommen leer. Weyers hatte seine Bande in der Schwärze der Nacht zum falschen Haus geführt. Jetzt wurden die Räuber panisch: Sie hatten gerade mit einem Höllenlärm die falsche Tür aufgebrochen und sahen die fette Beute nun weit am Horizont verschwinden.
In ihrer Panik trafen sie die wohl dümmstmögliche Entscheidung: Anstatt sich zu sammeln und vielleicht noch einmal einen Versuch zu unternehmen, schnell das richtige Haus auszuräumen, stürmten sie stattdessen einfach die nächstbeste Bude. Nun, der Besitzer dieses Hauses war leider ein sehr wehrhafter und bestens ausgestatteter Mann, der mit seinen Mitbewohnern sofort das Feuer auf die Räuber eröffnete. Jetzt war wirklich jeder in der Stadt wach geworden.
Nach einigen Minuten hartem Kampf gelang es den Banditen, die Bewohner zu überwältigen. Durch Folter wollten diese sie zur Herausgabe irgendwelcher Wertgegenstände bringen - doch vergebens. Der Eigentümer blieb hart und bald darauf waren die Daadener draußen schon auf den Barrikaden.
Ohne Beute auf dem Heimweg… oder?
Resigniert und ohne Beute traten die Räuber die hastige Flucht an. Dabei wurden sie noch eine ganze Weile verfolgt. Irgendwann konnten sie dann doch ihre Verfolger abschütteln. Sie machten sich im Dunkeln auf den Rückweg … und verliefen sich dann komplett. Als es wieder hell wurde, mussten sie schockiert feststellen, dass sie noch immer nahe Daaden waren.
Doch auch den Daadenern kam die Sonne gelegen. Sie entdeckten die Räuber schnell wieder und schlugen überall Alarm. Bald bemerkte auch das in der Nähe liegende französische Militär den Aufruhr und beteiligte sich an der Jagd auf die Banditen. In einem Waldstück wurden sie schließlich eingekesselt und gefangengenommen. Nur wenige entkamen später. So auch Adolf Weyers, dem ein Ausbruch aus dem Gefängnis gelang.
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