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Pressemitteilung vom 17.04.2023    

Übereignung durch das Nazi-Regime - Raub an Juden wirkt bis heute nach

Rund einhundert Zuhörer waren ins Forum St. Peter in Montabaur zu einem Vortrag über Arisierung gekommen. Der Frankfurter Journalist Armin H. Flesch klärte bei seinem Vortrag "Die Erben der Arisierung" über die systematische Enteignung jüdischen Eigentums und dessen Weitergabe an Arier auf.

Der Journalist Armin H. Flesch recherchierte zur Enteignung jüdischer Unternehmer während des Nazi-Regimes. (Foto: Annette Krumpholz)

Montabaur. Armin H. Flesch warf in seinem Vortrag die Frage auf, welche konkreten Auswirkungen die vielfach geschehene Arisierung bis heute hat. Die Suche in alten Unterlagen führte ihn zu teils spektakulären Arisierungsfällen. Große Teile der deutschen Bevölkerung hatten sich an der Enteignung der jüdischen Mitbürger bereichert, so Flesch. Wenn jüdische Mitbürger in Ghettos gesperrt oder in Konzentrationslagern getötet wurden, kam ihr Besitz in öffentlichen Versteigerungen unter den Hammer. Auch der Besitz der deportierten Juden aus Frankreich und den Benelux-Staaten wurde nach Deutschland gebracht, um verkauft zu werden. So profitierten die Deutschen von 70.000 kompletten Wohnungseinrichtungen und dem Inhalt von etwa 27.000 Güterwaggons, allein aus den im Westen besetzten Ländern. Von bestickten Stofftaschentüchern über brauchbare Töpfe bis hin zu bequemen Sofagarnituren – in arischen Haushalten gingen die geraubten Gegenstände für einen günstigen Preis in Familienbesitz über. Der Vortrag macht die Zuhörenden spürbar nachdenklich darüber, ob sich womöglich arisierte Gegenstände in ihrem Besitz befinden.

Besonderen Fokus legt Flesch bei seinem Vortrag auf die Enteignung von Firmen. Von den rund 100.000 Unternehmen, die 1933 im Deutschen Reich in Besitz jüdischer Eigentümer waren, wurden etwa 70 Prozent liquidiert. Der andere Teil, rund 30 Prozent, wurden arisiert. Konkret bedeutete dies, jüdische Unternehmer wurden massiv bedrängt, genötigt und diffamiert, sodass sie in eine wirtschaftliche Zwangslage gerieten. Anschließend mussten sie ihre Firma für einen Bruchteil des eigentlichen Wertes verkaufen. Die Nachfahren der einstigen Profiteure sind an einer offenen Kommunikation ihrer tatsächlichen Firmengeschichte meist nicht interessiert, sagte der Journalist Flesch.

In einem exemplarischen Fall berichtete er von einer Firma, die damit warb, sie blicke auf eine "100-jährige Familientradition" zurück. Detailliert legt der Journalist dar, wie der eigentliche jüdische Firmengründer in Frankfurt aus dem Geschäft gedrängt wurde und sein Unternehmen schließlich unter Druck an zwei arische Angestellte verkaufte, um kurz darauf zu emigrieren. Noch heute ist der Autozulieferer in den Händen der Nachfahren der einstigen Profiteure, berichtete Flesch. Erst auf mehrfaches Nachfragen habe man sich bereit erklärt, mit dem Journalisten zu sprechen. Auf der aktualisierten Webseite wird der eigentliche Firmengründer weiterhin nicht erwähnt.




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Auch der Blick auf das konkrete Geschehen in Montabaur kam beim Vortragsabend im Forum St. Peter zur Sprache. Claus Peter Beuttenmüller, ehemaliger Studiendirektor am Landesmusikgymnasium Rheinland-Pfalz, zeigte am Beispiel einer Baumittelfirma, wie die Ausplünderung jüdischer Geschäftsleute in Montabaur funktioniert hatte. Die enteigneten Besitzer und ihre Hinterbliebenen hatten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zwar Anspruch auf Rückerstattung und Entschädigung, diese Verfahren waren jedoch oftmals langwierig und zermürbend. Teils erhielten die Opfer keinerlei Entschädigung, weil Beweise während des Nazi-Regimes vernichtet worden waren.

Der ehemalige Lehrer wies darauf hin, dass nicht nur überzeugte Nazis günstige Gelegenheiten nutzten. Wenn man selbst beengt wohnte und nebenan das Haus für einen Schnäppchenpreis zum Verkauf stand, kamen auch unpolitische Menschen in Versuchung. "Täter kann jede und jeder werden", mahnte Beuttenmüller. "Erst dieses menschliche Versagen machte die Verbrechen der Nationalsozialisten möglich."

Schließlich stellte der Stadtarchivar von Montabaur, Dennis Röhrig, beim Vortragsabend umfassend Recherchemöglichkeiten zur NS-Zeit vor. Von Kaufverträgen, über Ortschroniken, Gewerberegister und Zeitungsarchive – die geschichtlichen Geheimnisse des Unterwesterwaldkreises können anhand zahlreicher Akten und Daten, die im Stadtarchiv aufbewahrt werden, recherchiert werden.

Der Vortragsabend zur Arisierung war eine Kooperationsveranstaltung von der Katholischen Erwachsenenbildung Westerwald - Rhein-Lahn (KEB), dem Evangelischen Dekanat Westerwald, der Gesellschaft für christlich-Jüdische Zusammenarbeit Limburg und der Stadt Montabaur. (PM)


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