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Nachricht vom 02.04.2022    

Yakup Saglam - Rocky aus dem Westerwald

Von Helmi Tischler-Venter

„Wir Westerwälder“, die Regionalinitiative der Landkreise Altenkirchen, Neuwied und Westerwaldkreis stellt zurzeit Deutsche Meister aus der Region vor, die in der Bevölkerung trotz ihres sportlichen Erfolgs nicht sehr bekannt sind. Im Westerwaldkreis lebt der Box-Champion Yakup Saglam, ein Profiboxer ohne Sponsoren, der eine filmreife Lebensgeschichte erzählt.

Von links: Landrat Achim Schwickert, Kasim Hamad, Yakup Saglam und Sandra Köster. Fotos: Wolfgang Tischler

Montabaur/Region. Saglams Kampfname und Symbol ist der Skorpion. Dahinter steckt ebenfalls eine faszinierende Geschichte: In Saglams türkischem Heimatort am Schwarzen Meer wurde ein Mann von einem Skorpion gestochen. Danach starb nicht der Mann, sondern der Skorpion, und die Dorfbewohner halten sich seither für unsterblich.

Seinen sechsten Meistertitel errang Saglam im Dezember 2021 mit 42 Jahren durch K. o. in Runde 1 gegen den bis dato unbesiegten Andy Höschler und wurde damit neuer Deutscher Meister im Cruisergewicht, obwohl der Westerwälder zuvor im Schwergewicht geboxt hatte und eigens für den Kampf in Köln innerhalb einer Woche zehn Kilogramm abnehmen musste. Saglam war ohne die übliche sechswöchige Vorbereitungszeit kurzfristig für einen an Corona erkrankten Boxer eingesprungen. Die Woche vor dem Kampf war für den Neunkhausener hart, aber eine einmal getroffene Zusage hält er immer, wie er beteuert und betont: „Der Kampf findet im Kopf statt!“ Er wusste, dass er konditionell keine zehn Runden durchhalten könnte und verließ sich auf seine enorme Durchschlagskraft. Mit Erfolg.

Yakup Saglam ist ein freundlicher Mann, 1,93 Meter hochgewachsen und schlank, ohne das bullige Kreuz, das man bei einem Schwergesichtsboxer erwartet. Seit 16 Jahren ernährt er sich vegan, wie bereits die Gladiatoren im Alten Rom. Er trainiert in Hachenburg Fitness und in Koblenz Sparring.

Nach einer Boxer-Karriere sah es für den kleinen Türken gar nicht aus, der mit zehn Jahren nach Deutschland kam, ohne Eltern, nur mit dem Onkel, der ihn adoptierte und sehr streng erzog. Wie so viele junge Männer spielte er Fußball, musste sich aber mit 26 Jahren wegen eines Meniskusproblems eine andere Sportart suchen. Weil er Muhammed Ali bewunderte, begann er mit Fitness-Boxen. Das war ihm bald zu langweilig, er wollte gegen Sparringspartner boxen. Im ersten Sparringskampf bezog Saglam so blaue Augen, dass sein Koblenzer Trainer Detlev Lorenz überzeugt war, der komme nie mehr wieder. Dass der Geprügelte am nächsten Tag wiederkam, begeisterte den Trainer und er begann, Saglam das Boxen gründlich beizubringen.

Amateurkämpfe führten die Beiden quer durch die Bundesrepublik, aber die allesamt jüngeren Amateurboxer wollten nicht gegen den rund hundert Kilogramm schweren und eindrucksvollen Gegner antreten. Daher wechselte Yakup mit 28 Jahren zum Profikampf. Durch tägliches Training über zwei bis drei Monate und volle Konzentration, konnte er den ersten Kampf bereits gewinnen.



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Inzwischen boxte er auch in Neuseeland gegen Schwergewichts-Weltmeister Joseph Parker. Diesen Kampf verlor er in der zweiten Runde, weil die Voraussetzungen äußerst schlecht gewesen waren. Die Neuseeländer hatten eine vierwöchige Promotion-Tour mit dem „Mann aus dem Westerwald“ geplant, aber Saglam wurde von seinem Arbeitgeber nur eine Woche Urlaub gewährt. Für die Neuseeländer war es unvorstellbar, dass ein Profiboxer nebenbei noch als Automechaniker arbeitet, aber sie zollten dem Fighter großen Respekt und Applaus für dessen Leistung, nach einem 40-Stunden-Flug von Frankfurt über Singapur nach Neuseeland, Jetlag und Presseterminen zu dem schweren Boxkampf anzutreten. Nach einem 40-Stunden-Rückflug war er montags wieder an seiner Arbeitsstelle.

Landrat Achim Schwickert war beeindruckt von der Mentalität des Sportlers und lobte: „Sie sind ein guter Botschafter für den Westerwald!“

Voller Dankbarkeit äußert sich der Deutsch-Türke immer noch über seinen ehemaligen Arbeitgeber Manfred Strunk. Bei dessen Nachfolger in Langenhahn arbeitet er heute noch.

Sportlich zog Saglam immer sein eigenes Ding durch, seine Bilanz kann sich sehen lassen: Von 56 Profikämpfen hat er 51 gewonnen, davon 41 durch K. o. Da er nebenberuflich hart trainierte, war er praktisch nie zu Hause, dadurch zerfiel seine Familie. 2005 wurde sein Sohn geboren, 2006 wurde Yakup Profi. Heute bedauert er, dass er die schönen Jahre seines Sohnes gar nicht gesehen hat. Denn sein ganzes Bestreben ist, für die Jugend eine Vorbild-Funktion zu erfüllen.

Nun will der Sportler mit der filmreifen Lebensgeschichte mit den Kämpfen bald aufhören und als Trainer arbeiten. Er stellte Landrat Schwickert und Vorständin Sandra Köster seinen Schützling Kasim Hamad vor, der sich ebenfalls - nach einem Unfall mit zwei gebrochenen Beinen und Krebserkrankungen - durch das Leben boxen musste. Dem jungen Mann, der mit 13 Jahren Kampfsport in Bad Marienberg und mit 17 in Köln das Boxen begann, traut Saglam denselben Kampfgeist zu. Er hat von elf Kämpfen bereits zehn gewonnen und wird am 2. Juli in Koblenz seinen ersten Profikampf bestreiten. (htv)


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