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Nachricht vom 29.11.2021    

Hicret-Moschee in Hachenburg feierlich eingeweiht

Von Thomas Sonnenschein

Offen, transparent und freundlich - So präsentiert sich die Hicret-Moschee in Hachenburg, die am Wochenende feierlich eingeweiht wurde. Die besondere Stärke der Hachenburger war bei allen Meinungsverschiedenheiten immer das Miteinander. Dieses "Wir"-Gefühl, wie Stefan Leukel es nannte, teilen unzweifelhaft auch die muslimischen Mitbürger, die jetzt einen weiteren Grund haben, sich in Hachenburg zuhause zu fühlen.

Feierliche Zerschneidung des Bandes vor der Hicret-Moschee. (Foto: Thomas Sonnenschein)

Hachenburg. Die Hicret-Moschee in Hachenburg wurde am Wochenende feierlich eingeweiht. Hicret bedeutet soviel wie „Auswandern, um eine neue Heimat zu finden“. UNd genau dafür steht sie, die Hachenburger Moschee, für ein Stück Heimat, für Offenheit und Miteinander.

Die Ängste im Vorfeld
Als der islamische Staat Unruhe und Krieg in den nahen Osten brachte, als die Flüchtlingswelle 2015 auf Deutschland zurollte, in dieser Zeit gerieten die Moscheen in Deutschland in Verruf. In bestimmten radikalen Gemeinschaften traten Hassprediger auf und Söldner wurden für den IS rekrutiert. Eine fehlerhafte Organisation bei der Flüchtlingsverteilung führte dazu, dass einige Stadtteile in den Großstädten extrem hohe Migrationszahlen aufwiesen.
Anwohner fühlten sich plötzlich fremd und befürchteten eine sogenannte Ghettoisierung bei den Zuwanderern. Rechtsextreme Parteien gewannen auf einmal wesentlich mehr Stimmen. Spätestens an diesem Punkt musste die Politik eingestehen, von Anfang an den Fehler gemacht zu haben, die Integration zu vernachlässigen. Diese Fehler wirken bis heute nach. Doch auch von anderer Seite goss der türkische Staatspräsident Erdogan Öl ins Feuer, als er bei einem Wahlkampfauftritt in Deutschland mahnte, die Türken sollen sich von den Deutschen nicht assimilieren lassen.
Scheinbar handelt es sich also um tiefe Gräben, über die erst mal Brücken gebaut werden müssten, um sich einander anzunähern.

Die menschliche Seite
Aber eben nur scheinbar: Denn abseits der Schlagzeilen entstanden in all diesen Jahren überall in Deutschland tief verbundene Freundschaften zwischen Menschen der verschiedenen Ethnien, Kulturen und Religionen. Auf beiden Seiten entwickelt sich ein wachsendes Verständnis füreinander. Vor allem bei den Jugendlichen in Hachenburg ist Fremdenfeindlichkeit überhaupt kein Thema mehr. Denn wenn man sich auf sein Gegenüber einlässt, die Angst vor dem Fremden überwindet, dann findet man immer Gemeinsamkeiten und entdeckt die menschliche Seite seines Gegenübers. Wichtig dafür sind vor allem Ehrlichkeit, Toleranz und Offenheit.

Die Gastfreundschaft
Genau dies ist mit der Eröffnung der Moschee in Hachenburg gelungen. Mit einer Gastfreundlichkeit, von der viele Deutsche lernen können, wünschten selbst die Parkplatzwärter ein herzliches Willkommen. Kinder verteilten Blumen an die Besucher und frisches Gebäck stand bereit. Auf Einladung sind Bürgermeisterin Gabriele Greis, Stadtbürgermeister Stefan Leukel, der Landtagsabgeordnete Hendrik Hering, Ortsvorsteher Detlef Nink und der stellvertretende Dekan der evangelischen Kirche, Benjamin Schiwietz, erschienen. Neben zahlreichen weiteren Hachenburgern ließ sich auch Altbürgermeister Peter Klöckner die Teilnahme nicht nehmen.

Mehmet Aydin, Sekretär der DITIB Hachenburg, moderierte die Einweihungsfeier
DITIB-Sekretär Mehmet Aydin sagte ganz deutlich, die Moschee solle nicht dazu dienen, die Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen zu isolieren. Im Gegenteil: Die Moschee sei eine offene Tür und jeder sei Willkommen.
Schon 2007 hätten sieben türkische Frauen den islamischen Kulturverein gegründet und damit den offenen Dialog mit der Bevölkerung begonnen. 2017 seit der Grundlegung der Moschee 2017 sei immer klar gewesen, diesen Dialog mit Menschlichkeit weiter zu führen. Zu einer freien Gesellschaft gehöre auch die freie Ausübung der Religion.

In den 1960er Jahren sah das noch ganz anders aus: Arbeitskräfte wurden im Wirtschaftswunder Deutschland dringend gebraucht, in der Türkei hingegen herrschte Arbeitslosigkeit. So kamen viele Gastarbeiter in eine ungewisse Zukunft nach Deutschland. Darunter die unterschiedlichsten ethnischen Gruppen, zum Beispiel Kurden oder Alleviten, Christen wie Moslems. Welten prallten damals aufeinander, es gab keine Deutschkurse und keine Möglichkeit, die eigene Religion auszuleben. Die Gastarbeiter waren auf sich gestellt, fühlten sich oft ausgegrenzt und es fehlte an Integration. Aydin hat großen Respekt vor dem Schritt seiner Mutter, die 1976 seinem Vater in das damals fremde Deutschland folgte.
Diese Gastarbeiter waren die Pioniere der heutigen Deutschtürken, aus deren Reihen heutzutage große Regisseure, Moderatoren, Fußballstars oder Top-Mediziner hervorgehen. Heute seien die Nachkommen der Gastarbeiter Deutsche mit türkischen Wurzeln.

Sprechgesang durch den Imam
Imam Durmuş-Ali Dinçer rezitierte Passagen aus dem Qu'ran auf altarabisch in einem spirituellen Sprechgesang und gab damit einen eindrucksvollen Einblick in das religiöse Leben des Islam. Die zitierten Stellen wurden auf deutsch übersetzt.

Landtagsabgeordneter Hendrik Hering sieht eine Bereicherung,
wenn sich Kulturen auf Augenhöhe begegnen

Hendrik Hering machte deutlich, dass alleine die Einladung der Kommunalpolitiker durch die muslimische Gemeinde zeige, dass sie sich als Teil der Gesellschaft verstünde. Die Zeit der unqualifizierten Anfeindungen sei vorbei. Die muslimischen Mitbürger seien in Hachenburg geboren, spielen im Verein Fußball und haben sich eine Moschee errichtet, die sich in das Stadtbild einfüge. Die Politik dürfe sich in Glaubensfragen nicht einmischen.
Deutschland sei eine Zuwanderer-Gesellschaft geworden und sogar darauf angewiesen. Und wenn sich Menschen unterschiedlicher Kulturen wirklich auf Augenhöhe begegnen, dann sei das eine besondere Bereicherung. Persönlich ist Hering überzeugt, dass es nur einen Gott gäbe. Es sei derselbe Gott, an den sich Christen und Muslime wenden: „Gott will diesen Dialog“, sagte Hering und erntete geschlossen Applaus.

Bürgermeisterin Gabriele Greis ist überzeugt,
dass die Moschee gesichtslosen Ängsten entgegen wirkt

Bürgermeisterin Gabriele Greis sagte, die sichere Heimat sei ein Privileg. Kinder bräuchten Wurzeln. Heimat sei nicht alleine die Region, in der man lebt.
Sie selbst habe das Glück gehabt, in einem stabilen Umfeld aufzuwachsen, behütet von ihrer Heimat. Das sei aber aber kein Verdienst durch eigene Leistungen, sondern schlichtweg Zufall. So sei es ihr nicht nur eine besondere Freude, sondern eine Ehre, Zeuge zu sein, wie dieses Gebäude für viele Hachenburger ein Stück Heimat geschaffen habe.
Greis zollte ihren Respekt den vielen Arbeitsstunden der freiwilligen Helfer, die gemeinsam mit angepackt hätten, den Bau der Moschee zu realisieren – und das gegen viele Widerstände.
Die Moschee werde eine Anlaufstelle für offenes und freies Miteinander und gesichtslosen Ängsten entgegen wirken.
Emotional sagte Greis: „Wir alle sind die Verbandsgemeinde Hachenburg, sind Teile eines Ganzen. Und wir sind alle gleich viel wert.“ Ihr Dank gilt vor allem ihrem Vorgänger Peter Klöckner, der den Bau der Moschee mit Leidenschaft und Enthusiasmus unterstützt habe. Greis will diese Politik der offenen Türen fortsetzen und unterstrich dieses Versprechen mit einem „Herzlich Willkommen.“



Stadtbürgermeister Stefan Leukel prognostiziert,
dass ein Miteinander viele Früchte einbringen wird

Mit einem symbolischen Akt überreichte Stadtbürgermeister Stefan Leukel einen Apfel und einen Gutschein für den Setzling eines Westerwälder Apfelbaumes. Diesen wird die muslimische Gemeinde gerne auf dem Außenfläche der Moschee pflanzen, sobald das Grundstück auch außen vollständig hergerichtet ist.
Leukel erklärte das Sinnbild dahinter: Der Baum nährt sich aus verschiedenen Wurzeln, fest verankert durch die vielen Richtungen aus der er entstammt. Die Zukunft werden die Früchte sein, die wir dann gemeinsam ernten. Leukel betonte, er habe stets das Gefühl gehabt, nicht nur als Bürgermeister, sondern auch als Mensch stets warmherzig von der muslimischen Gemeinde empfangen worden zu sein. Es sei ein „Wir“ entstanden.
Er respektierte, dass die muslimischen Mitbürger und die DITIB damals einen sachlichen Austausch im Rahmen einer öffentlichen Mediation mit Gegnern des Moschee-Projektes eingewilligt haben, um Vorbehalte auszuräumen. Alles sei fair und friedlich verlaufen. Diesen achtsamen und offenen Umgang miteinander wünsche sich Leukel nun auch für die Zukunft.

Kazim Türkmen vom Bundesvorstand der DITIB steht für Offenheit und Transparenz
Kazım Türkmen vom DITIB Bundesvorstand sagte, es seien überwiegend die jungen Muslime gewesen, die sich um den Bau der Moschee verdient gemacht hätten, einen Bau, der ohne die politische Unterstützung aus Hachenburg nicht realisierbar gewesen wäre. Die DITIB unterstütze mehr als 1.000 Vereine, betreibe mehr als 850 Moscheen und habe das Wohlergehen der Muslime und der Gesellschaft im Sinn.
Vielfalt und gegenseitige Akzeptanz biete viele Chancen. So hätte die Gemeinschaft auch in Hachenburg eine gemeinsame Zukunft und begegne auch aktuellen Problemen gemeinsam. Türkmen dankte allen Unterstützern, sowohl ideell, als auch materiell.
Auch klärte Türkmen auf, dass es in Deutschland inzwischen 200 deutschsprachige Imame gäbe, die in Deutschland geboren seien und ihr Abitur gemacht hätten. Theologie hätten sie dann in der Türkei studiert und seien wieder zurückgekehrt in ihre deutsche Heimat.

Man wolle keine verschworene isolierte Gemeinschaft sein. Im Gegenteil: Der Qu'ran-Unterricht für Kinder sei zum Beispiel in den Räumlichkeiten der Moschee vorgesehen. Längst hätten auch die gläubigen Muslime in Europa erkannt, dass die entsprechenden Unterrichtsmaterialien nicht mehr zeitgemäß und nicht auf die Lebenswirklichkeit in Deutschland abgestimmt seien. Gegenwärtig würden diese Materialien deshalb von der DITIB-Akademie in Deutschland modernisiert und angepasst. Zudem würden in den nächsten Monaten sämtliche Lernmaterialien auch auf deutsch übersetzt werden.
Damit wirkt die DITIB dem Negativimage entschlossen entgegen, wichtig sei Türkmen die Transparenz der Arbeit der Moscheen in Deutschland und des Islam als Religionsgemeinschaft. Regelmäßig werden zum Beispiel zweisprachige Gottesdienste in der Zentralmoschee in Köln auf YouTube veröffentlicht.
Zur Stellung der Frauen sagte Türkmen, dass diese in Zeiten Mohammeds gemeinsam mit den Männern in einem Raum den Gottesdienst feierten. Heute seien Männer und Frauen zwar getrennt, aber die Frauen nähmen in der erhöhten Position auf einer Empore teil und säßen keineswegs abseits. Die räumliche Trennung und generell die schwierige Position der Frauen in vielen orientalischen Ländern hätten keineswegs religiöse Gründe, sondern seien vielmehr kulturell zu begründen.
Wissenschaftler bestätigen diese Aussage bereits seit langem. Vor allem der altpersische Einfluss hat lange vor den arabischen Eroberern vor mehr als 1.200 Jahren kulturelle Spuren im Orient hinterlassen.
Der Architekt der Moschee, Serdar Bilici, überreichte einen Blumenstrauß.

Detlef Nink, Ortsvorsteher der Altstadt,
zeigte sich beeindruckt von den vielen freiwilligen Helfern

Detlef Nink, Ortsvorsteher des Hachenburger Ortsteils Altstadt, betonte, es sei eine Freude gewesen, mit anzusehen, wie viele Gemeindemitglieder bei dem Bau ihrer Moschee mithalfen. Jeder Verein würde sich glücklich schätzen mit einem solchen Gebäude. Auch Nink begrüßte die Moschee als guten neuen Nachbarn in der Altstadt und überreichte ein Präsent.

Benjamin Schiwietz von der evangelischen Kirche
sieht viele Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Christentum

Benjamin Schiwietz, stellvertretender Dekan der evangelischen Kirche, sagte, es sei immer ein besonderes Ereignis, ein Gotteshaus einzuweihen. Gelebte Religion brauche Orte, wo diese auch verkündet werde. Islam und Christentum hätten vieles gemeinsam, vor allem Gottesfürchtigkeit, das Füreinander-da-sein und das Bedürfnis, gute Werke zu vollbringen.

Die Besucher waren natürlich sehr gespannt auf den Gebetsraum der Moschee, der in herrlichen Farben, Teppich und Kanzel ausgestattet ist. An den Wänden stehen wichtige Zitate auf arabisch. Türkmen erklärte, wie der Gottesdienst im Einzelnen aufgebaut ist und dass die Ausrichtung des Gebets – und damit des gesamten Gebäudes weltweit in Richtung Mekka ausgerichtet ist.

Die beeindruckend freundliche Atmosphäre lässt keinen Zweifel, dass die gläubigen Moslems sich mit dieser Moschee tatsächlich als Hachenburger fühlen. Die Freude stand unkaschiert in allen Gesichtern. (Thomas Sonnenschein)


Mehr zum Thema:    Kirche & Religion   
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