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Nachricht vom 10.11.2021    

Beschämend und traurig: Gedenken an die Pogromnacht vor 83 Jahren in Hachenburg

Von Thomas Sonnenschein

In vielen Gemeinden im Westerwald wurde anlässlich des Jahrestages der Reichspogromnacht den vielen jüdischen Opfern unter dem Nazi-Regime gedacht. Unter anderem dank des Buches Zachor ist diese traurige und beschämende Geschichte in Hachenburg besonders gut dokumentiert. Stellvertretend für alle Wäller Gemeinden besuchten die Kuriere deshalb die Gedenkveranstaltung in Hachenburg.

Gedenken mit Kranzniederlegung: (v.l.) Regina Klinkhammer, Stefan Leukel, Johannes Kempf. (Foto: Thomas Sonnenschein)

Hachenburg. Mit einem Gedenkmarsch zu den Stolpersteinen, die im Pflaster eingebaut wurden, erinnerten die Hachenburger an die furchtbaren Ereignisse nach der Machtergreifung auch der Hachenburger Kommunalverwaltung durch die Nationalsozialisten. Windlichter markierten im Dunkeln die Stellen der Stolpersteine, auf denen zum Andenken die Namen der jüdischen Opfer des Hachenburger Naziterrors stehen, und zwar genau dort, wo sie früher gelebt haben.

Originalfotos der jüdischen Kinder, die in Hachenburg aufgewachsen sind, wurden in Lebensgröße aufgestellt. Fotos von lachenden, fröhlichen Gesichtern, von Kindern, die erst brutal aus Hachenburg vertrieben und zum Teil später ermordet wurden. 42 Hachenburger Juden fielen dem Holocaust mit ihrem Leben zum Opfer, alle anderen verloren ihre Hachenburger Heimat und Mitglieder ihrer Familien.

Schüler beteiligten sich am Gedenkmarsch

Mit Zitaten und Aphorismen, vorgetragen von Schülern der Realschule plus, wurden bei der Gedenkveranstaltung an jeder Station die Teilnehmenden zum Nachdenken angeregt. Schüler der Grundschule Altstadt sangen in der Herrenstraße vom Schifferklavier begleitet von Thomas Hrdina ein Lied jüdischer Auswanderer über den Verlust der Heimat.

Kamen zunächst rund 60 Personen zu der Veranstaltung, schlossen sich unterwegs zahlreich immer mehr Menschen an und hörten zu, als Johannes Kempf, einer der Autoren des Buches "Zachor", und Regina Klinkhammer von der Geschichtswerkstatt Hachenburg an den Stationen die jeweiligen Schicksale der einst dort lebenden jüdischen Mitbürger detailliert beschrieben.

Ein Gedenken, das betroffen machte
Alle Redner hatten angesichts der erschütternden Ereignisse Mühe, die Fassung zu bewahren. Und obwohl so viele Menschen teilnahmen, war es absolut still. Auch während des gemeinsamen Marsches traute sich kaum jemand, mehr als ein Flüstern von sich zu geben. Zu beschämend ist das gewesen, was sich direkt vor Ort, in Hachenburg, ereignet hat. So ging es auch Bürgermeister Stefan Leukel, der noch einmal verdeutlichte, dass es erst 83 Jahre her ist, als in der Pogromnacht die Hälfte der Synagogen in Deutschland brannten, als Wohnungen geplündert und auch die Synagoge in Hachenburg verwüstet wurde. Die jüdischen Hachenburger wurden damals gedemütigt und durch die Straßen gehetzt. Leukel erinnerte auch mit hörbar belegter Stimme daran, dass das jüngste Opfer der 42 aus Hachenburg stammenden Juden, die später ermordet wurden, gerade einmal zarte fünf Jahre alt war. Aufgewachsen genau dort, wo unsere kleinen Kinder aufwachsen in einer Welt, die in Hachenburg heute für Toleranz, Offenheit und gegenseiten Respekt stehe. Leukel mahnte an, für rechtsradikales Gedankengut dürfe es in Hachenburg keinen Platz geben.

Erinnerung an die Ermordeten

Am alten Markt gedachte Regina Klinkhammer der jüdischen Hachenburgerin Ruth Marianne Schönfeld, die erst nach Frankreich fliehen konnte, nach der deutschen Besetzung Frankreichs aber im Alter von 16 Jahren in das Vernichtungslager Auschwitz überführt und ermordet wurde. Dabei war deren Vater, Adolf Schönfeld, Patriot und betrachtete Deutschland als sein Vaterland. Die Nazis nahmen auch ihm die Heimat und töteten seine Tochter. Klinkhammer betonte, diese Geschichte sei noch nicht zuende, denn sie habe tiefe Spuren hinterlassen.



In der Judengasse veranschaulichte Johannes Kempf, dass vor Machtergreifung der Nationalsozialisten, auch in der Kommunalverwaltung Hachenburgs, die Besonderheit des offenen Miteinanders in dieser schönen Stadt bereits ganz ähnlich wie heute gegeben war. Es sei in jener Zeit in anderen Städten nicht üblich, dass so wie in Hachenburg Nichtjuden und Juden Tür an Tür wohnen würden. In Hachenburg hingegen hat das gut funktioniert, bis zu dem Zeitpunkt, als die Fanatisten das Ruder übernahmen.
Kempf erinnerte an die ermordete Bertha Klein, die trotz ihrer Sehschwäche einen kleinen Strickwarenladen führte. Auch gedachte er an die fünfköpfige Familie Löb, die von diesen Nazi-Verbrechern komplett ausgelöscht worden sei. Es gäbe eine Originalfotografie, auf der die drei Kinder lachend um einen kleinen Baum herumtanzen, pure Lebensfreude verströmend, aufgewachsen in Hachenburg, alle Chancen, die das Leben bietet, noch vor sich. All dieses haben ihnen die Nazis genommen, haben die Familie vernichtet. Es sei ganz wichtig, sich daran zu erinnern. Nebenan lebte damals die Familie Friedemann. Frieda Friedemann wurde mit dem Zug 1941 in das Ghetto nach Lodz deportiert und bis 1944 ermordet. Kempf betonte, dass die Zustände in den überfüllten Waggons, in die jüdische Mitmenschen gezwungen wurden, ohne Wasser, so grausam waren, dass Einige bereits auf der Fahrt verstarben. Doch es gab einen Hoffnungsschimmer: Friedas Tochter Marga überlebte den Terror und kam 1991 zu Besuch nach Hachenburg, der Stadt ihrer Kindheit. Sie war das Zeichen dafür, dass die Nazis ihr Ziel, alle Juden auszurotten, nicht erreicht haben.

Kranzniederlegung
Marga Friedemann ist inzwischen im hohen Alter von 101 Jahren verstorben. Mit ihr sind mittlerweile fast alle Zeitzeugen von uns gegangen. Ihre Geschichten haben sie weitergegeben und es ist jetzt an uns, dieses mahnende Gedenken weiterzuführen.

Stefan Leukel, Johannes Kempf und Regina Klinkhammer legten mit einer Schweigeminute einen Kranz unter das jüdische Mahnmal am Vogtshof nieder.

Stefan Leukel dankte abschließend den Rednern und den teilnehmenden Schulen von Herzen und erinnerte lobend daran, dass die Verlegung der Stolpersteine dank des Einsatzes der Geschichtswerkstatt vor nicht einmal zehn Jahren realisiert wurde. (Thomas Sonnenschein)


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