Werbung

Nachricht vom 03.10.2021    

Buchtipp: „Rabeninsel“ von Sigrid Kleinsorge

Sigrid Kleinsorge setzt mosaikartig eine Familienaufstellung zusammen, die damit beginnt, dass Ruth, eine ältere Dame, einen Brief von einer ihr Unbekannten erhält, die fragt, ob sie verwandt seien. In den Unterlagen des kürzlich verstorbenen Vaters der Absenderin befinden sich Hinweise auf eine Namensänderung des Vaters.

Buchtitel

Dierdorf/Karlsruhe. Ruth hatte ihren geliebten Bruder sechzig Jahre lang vermisst. Sie hatte den Bruder bewundert, weil er sie beschützte und mit auf die Rabeninsel nahm, das Paradies ihrer Kindheit. Sie hatte nicht an die Aussage ihrer Familie geglaubt, dass er tot sei. Nun weiß sie, dass er fünfundsiebzig Jahre alt wurde, dreimal heiratete und vier Kinder hat. Im Stammbaum sitzt dieser Bruder und Vater wie die Spinne im Netz, von der alle Fäden weg oder hin führen.

Ruth ist selbst in einer zerrütteten Familie aufgewachsen, in der eben dieser Bruder verschwand, der eigene Vater in den Westen ging und später auch die ältere Schwester folgte.

Die Kinder freuen sich, dass Ruth kontaktbereit ist und sich über den Familienzuwachs freut. Der älteste Sohn des Bruders ist dem Vater am ähnlichsten und verachtet ihn am meisten. Wie sein Vater war er ein ungewolltes Kind, das vergeblich um Liebe bettelte. Wie dieser brilliert er mit Können und Fleiß und gerät doch mit dem Gesetz in Konflikt.

Statussymbole sind mehreren Generationen wichtig. Ähnlichkeiten sind frappierend. Es bleiben trotzdem viele Fragen offen: Warum ging der Bruder in die DDR zurück? Warum änderte er seinen Nachnamen? Was für ein Mensch war er wirklich? Welche Beweggründe hatte er für sein Handeln? Von allen Seiten wird an den Antworten gepuzzelt. Alle Familienmitglieder, lebend und verstorben, bringen immer wieder ihre Sichtweisen ein.

Sind Familien-Gene ein Segen oder Fluch? Das familiäre „Fort“-Gen hat alle erfasst, denn keine Beziehung funktioniert lange und ständige Umzüge sind die Regel.

Die politischen Systeme - KuK-Monarchie, Nazi-Diktatur, DDR und Bundesrepublik Deutschland, schließlich die Wende - haben Auswirkungen auf die Familienstrukturen, spätestens seit Ruths Großeltern aus Österreich-Ungarn nach Wien zogen. Trotz veränderter Zeit und Region wiederholt sich vieles. Ruth stellt fest: „Wenn ich über das Leben meines Bruders nachdachte, erschien mir alles wie eine Wiederholung. Sein Leben und das Leben meines Vaters verschwammen manchmal zu einem einzigen Leben.“ Und hüben wie drüben gibt es in jeder Generation eine liebe Verwandte, die mit ihrer Fürsorge ein Kind aus der Vereinsamung rettet.



Im Gespräch miteinander klären sich etliche Mysterien und Peinlichkeiten. Andererseits ist das Wegziehen der Verdrängungs-Decke oft schmerzhaft. Ruth fragt sich oft, „warum es in Familien so viele Geheimnisse gibt, Dinge, die geschehen sind und nicht ausgesprochen werden.“ Jeder will das Beste und wechselt dafür auch schon einmal die Seiten. Die Weichen neu zu stellen, gelingt nicht immer. Alle suchen den richtigen Weg im Leben, ohne ihn zu finden und sich das einzugestehen.

Das große Treffen mit der neu gewonnenen Familie soll in Halle stattfinden, in Ruths und ihres Bruders Geburtsstadt, auf der Rabeninsel.

Die Autorin Sigrid Kleinsorge wurde 1940 in Halle geboren, wechselte später in die BRD. Sie kennt die ehemalige DDR sowie die Stadt Halle und die von ihr beschriebenen Plätze und Institutionen. Daher wirkt der Roman sehr authentisch, zumal schicksalhaft verbundene oder getrennte Familien, wie die von ihr geschilderte, überall leben.

Das Taschenbuch ist erschienen im Lauinger Verlag, ISBN 97837650-9142-1 und als EBook, ISBN 97837650-9143-8. (htv)


Mehr dazu:   Buchtipps  

Jetzt Fan der NR-Kurier.de Lokalausgabe Dierdorf auf Facebook werden!


Anmeldung zum WW-Kurier Newsletter


Mit unserem kostenlosen Newsletter erhalten Sie täglich einen Überblick über die aktuellen Nachrichten aus dem Westerwaldkreis.

» zur Anmeldung



Aktuelle Artikel aus der Kultur


Buchtipp: „Schreie auf Papier“ von Raymond Wolff, Martina und Hans-Dieter Graf und Hans Berkessel

Dierdorf/Oppenheim. Die veröffentlichten Briefe der Familie Wolff geben einen sehr persönlichen und emotionalen Eindruck ...

Kurkonzert mit den Schorrberg Musikanten in Bad Marienberg

Bad Marienberg. Die Schorrberg Musikanten unterhalten - bei hoffentlich gutem Wetter - die Besucher mit Egerländer und Böhmischer ...

Altenkirchen: Ausschuss erzürnt über Forderung nach mehr Geld fürs "Spiegelzelt"

Altenkirchen. Das „Spiegelzelt“ ist ohne Zweifel das Leuchtturmprojekt in Sachen Kultur rund um Altenkirchen und darüber ...

Schützenfest Wissen 2022: Diese Fahrgeschäfte heizen Vorfreude an

Wissen: In diesem Jahr dürfen sich die Besucher unter anderem auf folgende Attraktionen freuen, wie der Schützenverein informiert:

X-Force
„Das ...

Nana Ansari & Michael Baiculescu: Die georgische Tafel in Montabaur

Montabaur. Einige dieser Rezepte werden an diesem Abend im Café b-05 nachgekocht und vielleicht – vielleicht auch nicht gemäß ...

"Klezmer & Odessa Gangsta Folk": Bald einzigartiges Konzert in Neitersen

Neitersen. „In Odessa kommen die Menschen zusammen. In Odessa werden sie lachen und singen", heißt es in einem alten Couplet ...

Weitere Artikel


Johannes Kern 1.000 Mitglied der Unternehmensdatenbank „Wir Westerwälder“

Stebach. Sandra Köster, Vorständin der Regionalinitiative „Wir Westerwälder“ und Landrat Achim Hallerbach gratulierten dem ...

Nicole nörgelt - über Gockelgehabe vor der politischen Ampel

Selbstbewusstsein ist gut und unerlässlich, wird aber zum Problem, wenn sich das Ego so aufbläht, dass der gesunde Menschenverstand ...

Konzept zur Starkregen- und Hochwasservorsorge wird vorgestellt

Montabaur. Auch an kleineren Gewässern können durch heftige Niederschläge innerhalb kürzester Zeit Überflutungen auftreten. ...

Die neue Zooschule im Zoo Neuwied ist eröffnet

Neuwied. Jan Einig nannte die Eröffnung einen „bedeutenden Tag, weil der Zoo Neuwied eine große Bedeutung für die Region ...

Eine Feuerwehrära endet: BKI Axel Simonis verabschiedet

Montabaur. Coronabedingt hat die Verabschiedung nur in kleiner Runde stattgefunden. Landrat Schwickert würdigte in der Feierstunde ...

Sprechtag der Bürgerbeauftragten des Landes in der Kreisverwaltung

Montabaur. Die nächste Möglichkeit für Bürger des Westerwaldkreises, ihre Anliegen und Probleme mit Barbara Schleicher-Rothmund ...

Werbung