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Nachricht vom 20.06.2021    

Hand auf`s Herz kann Leben retten – im Ernstfall zählt jede Sekunde

Nicht nur Fußballfans waren und sind geschockt über den Zusammenbruch eines Spielers beim EM-Spiel Dänemark gegen Finnland: Fußball-Star Christian Eriksen ist glücklicherweise wieder in stabilem Zustand, viele Menschen überleben einen Herzstillstand jedoch nicht.

Privatdozent Doktor Michael Fries. Fotos: Krankenhausgesellschaft St. Vincenz mbH

Limburg. Experten schätzen ihre Zahl auf 70.000 pro Jahr in Deutschland. Plötzlicher Herztod heißt die Diagnose oder „plötzlicher Herz-Kreislaufstillstand“, der Ausgang geht auch im Überlebensfall oft mit gravierenden Folgen für die Lebensqualität der Betroffenen einher. Intensivmediziner sind überzeugt: Wüssten mehr Menschen, wie Wiederbelebung funktioniert, könnten jedes Jahr mehrere tausend Menschenleben gerettet werden. Auch der Chefarzt der Anästhesie und operativen Intensivmedizin am St. Vincenz-Krankenhaus, PD Doktor Michael Fries, ist sich dessen sicher – die Klinikleitung sprach mit ihm über die wichtigsten Fakten in Sachen Wiederbelebung, die möglichst jeder wissen sollte:

Ein 29jähriger Profi-Fußballer bricht mit Herzkreislauf-Stillstand zusammen - wie kann so etwas passieren bei einem durchtrainierten und sicherlich medizinisch gut betreuten jungen Menschen?
Fries:
Solch ein Ereignis kann jeden treffen: Jung und Alt, sportlich oder bequem, vermeintlich gesund oder bekanntermaßen krank. Geholfen werden kann nur, wenn in den ersten Minuten direkt vor Ort Erste Hilfe geleistet wird. Bei Sportlern, die einen Herz-Kreislaufstillstand erleiden, können möglicherweise Entzündungen ausschlaggebend sein – wie bei jedem anderen auch kann eine Grippe oder eine ähnliche Erkrankung unbemerkt auf das Herz schlagen. Vielleicht war es auch ein trotz aller regelhafter Kardio-Checks im Profisport unentdeckter Herzfehler.

Warum ist die sofortige, unmittelbare Hilfe bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand so wichtig?
Fries:
Im Ernstfall zählt wirklich jede Sekunde! Ein gutes Outcome für den Patienten gibt es in den meisten Fällen nur dann, wenn in den ersten Minuten direkt vor Ort Erste Hilfe geleistet wird. Diese Hilfe noch vor dem Eintreffen der professionellen Hilfskräfte ist existentiell entscheidend und vor allem wesentlich für die spätere Lebensqualität. Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand wird kein Blut mehr durch den Körper gepumpt, die Organe also nicht mehr mit Sauerstoff versorgt – besonders ernste Folgen hat das natürlich beim Gehirn: Ohne Sauerstoff nimmt das Gehirn nach drei bis fünf Minuten schweren Schaden – so schnell kann kein Notarzt vor Ort sein. Viel zu oft verstreichen Minuten ungenutzt, in der das Gehirn schwer und dauerhaft geschädigt wird. In Deutschland schreitet nur etwa ein Fünftel der Menschen zur Tat, wenn es drauf ankommt – vor allem weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen. In skandinavischen Ländern trauen sich das mehr als 70 Prozent der Menschen zu, weil sie es öfter üben.

Viele glauben, für eine erfolgreiche Reanimation bedürfe es hochkomplexer Medizintechnik?
Fries:
Ganz im Gegenteil. Man braucht nur zwei gesunde Hände. Die Technik der Herzdruckmassage, und nur um die geht es uns, ist sehr simpel zu lernen und mit dem Summen des Bee Gees Hits „Stayin alive“ hat man auch gleich den richtigen Takt im Ohr. Das heißt man muss 100-mal pro Minute circa 5 bis 6 Zentimeter tief den Brustkorb eindrücken.

Kann man denn etwas falsch machen oder einem Menschen bei der Wiederbelegung ernsthaft schaden?
Fries:
Definitiv nein. Es gibt hier nichts was man falsch machen kann, außer nichts zu tun! Man muss sich immer vor Augen halten: Der Mensch, der hier zusammengebrochen ist, ist klinisch tot. Ohne Wiederbelebungs-Maßnahmen wird er definitiv sterben. Innerhalb eines kurzen Zeitfensters gibt es aber die Möglichkeit, seine Überlebenswahrscheinlichkeit deutlich zu erhöhen, beziehungsweise sein Leben zu retten.

Wenn jemand vorgeschädigt ist, beispielsweise Stents hat oder einen Herzschrittmacher, ist dann auch die Herzdruckmassage das Mittel der Wahl? Oder warte ich dann wirklich lieber, bis der Notarzt kommt?
Fries:
Nein! Hier gilt genau dasselbe wie eben gesagt. Ein gesunder Mensch würde sich tatsächlich nach Kräften wehren. Dies tun Menschen mit einem Herzkreislaufstillstand eben nicht – ein untrügliches Zeichen dafür, dass diese Druckmassage ein Leben retten kann. Höchstens eine Rippe kann brechen. Aber was ist schon eine gebrochene Rippe gegen ein Leben!



Soll ich eine Herzdruckmassage durchführen, wenn jemand röchelt?
Fries:
Ja, auf jeden Fall!

Gibt es Fälle, bei denen man den Brustkorb nicht eindrücken und stattdessen eher nur die Mund-zu-Mund oder Mund-zu-Nase-Beatmung praktizieren sollte?
Fries:
Die Beatmung eines Menschen ist durch einen Laien nahezu unmöglich so durchzuführen, dass Sie effektiv ist. Darüber hinaus scheuen sich viele Menschen aufgrund eines Ekelgefühls davor. Vor allem aber würde während einer Mund-zu-Mund-Beatmung die viel wichtigere Herzdruckmassage vernachlässigt oder nicht durchgeführt – das ist der wichtigste Grund, warum man dies vernachlässigen kann.

Darf man sich bei der Herzdruckmassage abwechseln?
Fries:
Selbstverständlich. Mit zunehmender Dauer wird man selber erschöpft und ist nicht mehr so effektiv. Dann sollte man abwechseln.

Wie kann ich als Laie erkennen, wann und ob ich es mit einem Herz-Kreislauf-Stillstand zu tun habe, was sind die untrüglichsten Anzeichen?
Fries:
Der Patient ist bewusstlos, das heißt er reagiert nicht auf laute Ansprache oder Schütteln der Schulter. Außerdem atmet er nicht mehr oder nicht mehr regelmäßig. Um das zu prüfen lege ich meine Wange etwas über Mund und Nase des Patienten und schaue circa 20 Sekunden in Richtung Füße. Höre ich kein Atemgeräusch, oder fühle keinen Atem oder sehe keine Bewegung des Brustkorbs oder Bauchs muss ich mit Herzdruckmassage beginnen.

In Vor-Corona-Zeiten haben Sie sich in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz und den Schulsanitätsdiensten für Trainings von Kindern und Jugendlichen in der Wiederbelebung stark gemacht – warum ist das sinnvoll?
Fries:
Weil schon Kinder Leben retten können! Hierfür gibt es sogar konkrete Beispiele. Ich kann mich nur den Forderungen von Vertretern unserer Fachgesellschaft anschließen, die ab der siebten Klasse mindestens zwei Stunden pro Schuljahr fordern, in denen Kinder und Jugendliche Wiederbelebung lernen sollten. Schon Kinder ab elf bis zwölf Jahren oder einem Gewicht von 50 bis 60 Kilogramm sind körperlich in der Lage, eine Herzdruckmassage effektiv durchzuführen.

Sind Kinder und Jugendliche mit einer so existentiellen Hilfestellung nicht emotional überfordert?
Fries:
Definitiv nicht. Ein Herzstillstand tritt sehr häufig im familiären Umfeld oder Freundeskreis auf. Fast jeder möchte in dieser Situation in der Lage sein zu helfen. Und es wäre definitiv deutlich traumatischer, hilflos daneben zu stehen. Durch die in unseren Schulkursen vermittelten, simplen Maßnahmen sind fast alle in der Lage zu helfen, bis professionelle Retter eintreffen.

Warum engagieren Sie sich in der Reanimation für Laien?
Fries:
Ich hatte in diesem Kontext Schlüsselerlebnisse: Während einer Ausbildung zum Rettungssanitäter in jungen Jahren habe ich schon früh die oft desaströsen Ausgänge von Patienten mit einem Herzstillstand miterlebt. Damals war aber das Wissen um eine adäquate Versorgung dieser Patienten noch sehr rudimentär und vor allem die Integration von Laien nahezu unbekannt.

Wo kann man sich bei Interesse schulen lassen?
Fries:
Jeder kann auf den Seiten der bekannten Hilfsorganisationen wie dem DRK Kurse finden.

Herr Dr. Fries, herzlichen Dank für das Gespräch!


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