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Nachricht vom 12.06.2021    

Drogenhandel, Körperverletzung, sexuelle Nötigung: Ehefrau sagt gegen 37-jährigen Betzdorfer aus

Hat ein 37-Jähriger aus der Region Betzdorf/Kirchen mit Drogen gedealt, Frauen sexuell genötigt und eine Geiselnahme und schwere Körperverletzungen begangen? Vor dem Landgericht Koblenz läuft gerade der Prozess gegen den afghanischen Staatsbürger. Nun hat seine Ehefrau gegen ihn ausgesagt: Sie berichtet von jahrelangen schweren Misshandlungen in ihrer Ehe.

Ein 37-Jähriger aus der Region Betzdorf steht gerade vor dem Koblenzer Landgericht, ihm wird unter anderem Drogenhandel, Geiselnahme und Körperverletzung vorgeworfen. Jetzt hat seine Ehefrau ausgesagt. (Fotos: Wolfgang Rabsch)

Betzdorf / Koblenz. Der AK-Kurier berichtete schon einmal von dem Prozess, der zurzeit vor der 6. Strafkammer des Landgerichts in Koblenz verhandelt wird. Im Gebiet des nördlichen Westerwaldes rund um Betzdorf hatte die Anklage bereits im Vorfeld wegen des Umfangs und der Schwere der zur Debatte stehenden Straftaten für Schlagzeilen gesorgt: Die Staatsanwaltschaft (StA) Koblenz wirft einem 37-jährigen, afghanischen Staatsbürger unter anderem Geiselnahme, schwere Körperverletzung, Verkauf von Drogen an Jugendliche und sexuelle Nötigung vor. Ein zu Beginn des Prozesses vorgeschlagene tatsächliche Verständigung – ein sogenannter Deal - mit der Obergrenze einer Gesamt-Freiheitsstrafe von sechs Jahren und neun Monaten wurde seitens des Angeklagten abgelehnt.

Im bisherigen Verlauf machten Zeugen aus der Drogenszene Betzdorfs teils widersprüchliche Aussagen. Dabei ging es in erster Linie um den Vorwurf des Verkaufs von Betäubungsmitteln an Jugendliche und ob der Angeklagte, der als Dealer in Betzdorf tätig war, hätte erkennen müssen, dass er Drogen an Jugendliche verkauft.

Die Ehefrau schilderte Gewalt in der Ehe als „normal“ in Afghanistan
Mit Spannung wurde die Aussage der geschiedenen Ehefrau des Angeklagten erwartet, die auf das ihr zustehende Zeugnisverweigerungsrecht verzichtete. Diese von vielen Emotionen geprägte Aussage zog sich über mehrere Stunden hin, auch um der Zeugin, die sichtlich angespannt war, hin und wieder eine Pause zu verschaffen. Sie berichtet, dass sie 2008 in Afghanistan geheiratet und dort drei Kindert bekommen hätten, bevor die Familie 2016 nach Deutschland eingereist sei, weil sie sich in der Heimat nicht sicher fühlten.

Die Zeugin: „Mein Mann hatte sein Leben nicht in den Griff bekommen, in meinen Augen war er psychisch krank. Bereits in Afghanistan fing er nach der Heirat an, mich zu schlagen und zu treten. Ich erlitt Knochenbrüche, aufgeplatzte Lippen und eine gebrochene Nase. Leider ist das in meiner Heimat fast überall der Fall, dass Männer ihre Frauen schlagen. Dort herrscht noch das alte Rollenbild, Frauen gehören an den Herd und kümmern sich um die Kinder. Die Frauen, die sich trennen wollen oder sich wehren, haben praktisch keine Chance, da sie kaum Schutz und Unterstützung finden. In Deutschland schlug er mich auch, aber nicht so oft, weil er wusste, dass es hier Gesetze gibt, die Frauen schützen. Hier warf er zum Beispiel einen Kinderstuhl nach mir, den ich mit einem Arm abwehren konnte. ‚Ich bring dich um‘, schrie er immer wieder, wenn er wütend war und austickte. Es ist aber bei afghanischen Männern normal, dass sie immer wieder mit dem Tod drohen. Ich war daran gewöhnt, habe das nicht immer ernst genommen, wollte trotzdem wegen den Kindern mit ihm zusammen bleiben.“

Dramatischer Fluchtversuch der Ehefrau

Die Zeugin unternahm dann doch einen Fluchtversuch, weil sie das Geschehen nicht länger ertragen konnte. Es gelang ihr auch, aus Betzdorf zu einer Freundin und dann in ein Frauenhaus in Oberursel zu flüchten. Die Zeugin weiter: „Mein Mann suchte dann dauernd per Handy den Kontakt mit mir. Dabei drohte er auch, meinen Bruder und meine Familie in Afghanistan töten zu lassen, wenn ich nicht sagen würde, wo ich mich aufhalte. Aus Angst habe ich dann einem Treffen zugestimmt, er blieb über Nacht bei mir. Am anderen Morgen begann er wieder einen Streit und schlug mir mit einer Eisenstange auf den Kopf, dadurch blutete ich stark am Hinterkopf. Ich schrie um Hilfe, da zog er plötzlich zwei kleine Messer, und drohte mir, damit meine Augen auszustechen, wenn ich weiter schreien würde.“



Und weiter sagte die Zeugin aus: „Mein Bruder hat in Afghanistan Jura studiert, er will dort Staatsanwalt werden. Mein Vater war in Moskau für den russischen Geheimdienst KGB tätig. Zu meinem Mann hatte ich dann nur noch Kontakt wegen unseren Kindern. Es war keine Liebesheirat bei uns, die Ehe war arrangiert, so wie es meistens im Islam passiert. Ich habe mich auch hin und wieder gewehrt, wenn er mich geschlagen hat, vielleicht hat er dadurch auch etwas abbekommen.“

Der Angeklagte wurde während der Aussage immer unruhiger und emotionaler, schließlich rief er unter Tränen: „Entschuldige, was ich dir angetan habe. Eigentlich wollte ich mit meiner Frau eine glückliche Ehe führen, da ich sie immer noch liebe. Durch die Flucht war ich total überfordert.“

Der Frankfurter Strafverteidiger Dr. Dr. Seyed Sharam Iranbomy erklärte, dass die Mutter des Angeklagten mit ihm schwanger gewesen sei, als ihr Mann vor ihren Augen von den Taliban brutal ermordet wurde.

Der Angeklagte brach im Sitzungssaal zusammen
Beim Hereinführen des Angeklagten nach einer kurzen Pause fiel dieser im Sitzungssaal ohne Vorwarnung wie ein Stein zu Boden. Er sagte, er könne seine Beine nicht mehr bewegen, von der Hüfte ab sei er wie gelähmt. Sofort alarmierten die Wachtmeister Ersthelfer und Notarzt, und besorgten Wasser zum Trinken. Nach einigen Minuten, noch vor dem Eintreffen des Notarztes, spürte der Angeklagte wieder seine Beine, und konnte auf eigenes Verlangen zu seinem Stuhl geführt werden. Erstaunlicherweise übergab die Ehefrau des Angeklagten ihm ihre Handynummer, damit er sie wegen ihrer Kindern sprechen könnte.

Am nächsten Verhandlungstag räumte der Angeklagte viele der ihm vorgeworfenen Taten ein, machte dann aber immer wieder Einschränkungen, die das Ganze nicht als ein von Reue getragenes Geständnis erscheinen ließen. So sagte er zum Beispiel, dass er seine Frau nicht mit einer Eisenstange auf den Kopf geschlagen habe, sondern mit der Fernbedienung eines Fernsehers. Der Angeklagte: „Ich habe alles nur für meine Familie getan, weil ich sie immer noch liebe. Es kann auch sein, dass ich die Freundin meiner Frau mit einem Messer bedroht und zu ihr gesagt habe, dass ich sie niederstechen würde, wenn sie nicht ruhig wäre und mir den Aufenthaltsort meiner Frau nennen würde. Eine echte Pistole hatte ich nicht dabei, es war nur eine Spielzeugpistole meines Sohnes.“

Im Anschluss wurden noch die Mutter und der Bruder einer Zeugin vernommen, die sich ihnen offenbart haben soll, dass sie von dem Angeklagten sexuell genötigt wurde. Die Aussagen waren in sich nicht schlüssig und teils widersprüchlich, sodass sogar von Falschaussagen die Rede war.

Nach den Aussagen der letzten Zeugen regten die Verteidiger die Einstellung des Verfahrens gemäß § 154a Strafprozessordnung (StPO) im Hinblick auf die sexuelle Nötigung an. Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft will über eine solche Verfahrenserledigung nachdenken, und im nächsten Termin ihre Entscheidung bekanntgeben. Der Prozess wurde unterbrochen und wird am 29. Juni 2021 fortgesetzt, der AK-Kurier wird weiter berichten. (Wolfgang Rabsch)


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