Werbung

Nachricht vom 28.05.2021    

Vielfachtäter kommt mit Bewährungsstrafe davon

Beim Amtsgericht in Westerburg stand vor seiner Richterin ein 27-Jähriger, der einen wilden Ritt durch das Strafgesetzbuch (StGB) hingelegt hatte: Körperverletzung, Beleidigung, Nötigung, Hausfriedensbruch, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte und Diebstahl.

Amtsgericht Westerburg. Foto: Wolfgang Rabsch

Westerburg. Da die Straftaten zu verschiedenen Zeiten und an unterschiedlichen Tatorten verübt wurden, musste der Vertreter der Staatsanwaltschaft (StA) Koblenz insgesamt drei Anklagen verlesen, die teilweise haarsträubende Einzelheiten enthielten. So klauten der Angeklagte und ein Kumpel aus einem Obst- und Gemüsestand in Helmenzen zwei Sack Kartoffeln, nachdem sie zuvor als Durstlöscher in einer Tankstelle in Altenkirchen zwei Sixpacks Kölsch sich unberechtigt angeeignet hatten. In einem REWE-Markt war der Angeklagte wohl nicht ganz auf der Höhe, als er meinte ein wertvolles Handy gestohlen zu haben, es sich dabei aber um einen Scanner handelte, mit dem Kunden die Preise checken können. Als ein geschädigter Zeuge den Angeklagten auf frischer Tat bei einem Diebstahl erwischte und versuchte ihn festzuhalten, rief der Angeklagte: „Du Arschloch, lass mich los, sonst schlag ich dich kaputt!“ Die herbeigerufenen Polizisten, die zum Tatort kamen, begrüßte der Angeklagte mit dem freundlichen Worten: „Nimm die Taschenlampe aus meinem Gesicht, du Missgeburt“, weil ein Polizist eine Taschenlampe gebrauchte. Beim Versuch, den Angeklagten zu fixieren, schlug der Angeklagte gegen die Polizei-Stabtaschenlampe, die dadurch gegen den Kopf des Zeugen stieß. Der anschließenden Fesselung widersetzte der Angeklagte sich in massiver Handlungsweise. Bei der letzten Tatbegehung konnten eine Blutalkoholkonzentration (BAK) von 1,43 Promille nachgewiesen werden sowie der Konsum von Amphetamin.

Die Vorsitzende Richterin verkündete zunächst, dass keine Erörterungen zur Herbeiführung einer tatsächlichen Verständigung (sogenannter Deal) stattgefunden haben. Die Vernehmung des Angeklagten zu seinen persönlichen Verhältnissen förderten interessante Erkenntnisse zutage.

Ein verpfuschtes Leben?
Der Angeklagte, der zum Termin vorgeführt wurde: „Ich befinde mich seit dem 5. Januar 2021 in Vollstreckungshaft in der JVA Wittlich, weil ich dort zwei Ersatzgeldstrafen in Höhe von 600 Euro und 1.800 Euro absitze. Vor meiner Haft habe ich mich gehen gelassen, habe mich um nix gekümmert, Partys feiern, koksen und saufen war angesagt. Der Tag begann für mich vormittags um 11 Uhr, dann habe ich mich frisch gemacht und begann Bier und Whiskey zu trinken. Am Wochenende kam noch der Konsum von Drogen hinzu, Amphetamin, Ecstasy und Cannabis. Manchmal habe ich drei Tage am Stück Party gefeiert, das war schon extrem. Von 2015 bis 2018 war ich bereits in Strafhaft, eine Lehre in der Heizungs-und Sanitärbranche habe ich im zweiten Lehrjahr abgebrochen. Sollte ich aus dem Knast kommen, kann ich bei einem Müllentsorgungsbetrieb anfangen zu arbeiten.“ Der Versuch, sein Glück in der Selbstständigkeit zu finden, im Objektschutz, war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil er nichts „auf die Reihe“ bekam. Als Erinnerung an diesen untauglichen Versuch, verfolgen den Angeklagten heute noch Schulden von 9.000 Euro beim Finanzamt.

Rechtsanwalt (RA) Dünnes aus Hachenburg, der dem Angeklagten zur Seite gestellt war, erklärte, dass die Tatvorwürfe weitestgehend eingeräumt werden. Der Angeklagte: „An den Vorfall, als der Zeuge mich festhalten wollte und ich ihn bedroht haben soll, kann ich mich nicht erinnern, weil ich „zu“ war, aber ich war sehr aggressiv.“ Das Verfahren im Hinblick auf den Diebstahl der zwei Sixpacks Kölsch und der zwei Säcke Kartoffeln wurde gemäß Paragraph 154 Strafprozessordnung (StPO) eingestellt.



Im Hinblick auf das Geständnis des Angeklagten, wurde auf die Vernehmung sämtlicher Zeugen im allseitigen Einverständnis verzichtet. Beim Herausgehen wollte sich der Angeklagte bei dem Zeugen, den er bedroht und genötigt hatte, entschuldigen. Dieser meinte dazu ganz lapidar: „Dazu hattest du zwei Jahre Zeit gehabt.“

Die Vorsitzende verlas alle relevanten Urkunden, wie Gutachten, Strafanträge und Atteste und zuletzt den Bundeszentralregisterauszug (BZR), der bereits sieben Voreintragungen enthielt, querbeet durch das StGB. Eine Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verbrachte der Angeklagte auf Staatskosten.

Freiheitsstrafe von zehn Monaten zur Bewährung
Nachdem die Beweisaufnahme einvernehmlich geschlossen wurde, beantragte der Vertreter der StA Koblenz eine Gesamtfreiheitsstrafe von zehn Monaten, gebildet aus drei Einzelstrafen zu je fünf Monaten für jede der drei Anklagen. Unter Zurückstellung erheblicher Bedenken, beantragte die StA, die Aussetzung der Strafe zur Bewährung auf vier Jahre, als Auflagen Zahlung von 1.800 Euro an die Bewährungshilfe in Koblenz, sechs Drogen-screenings auf eigene Kosten und zwei Beratungsgespräche bei der Suchtberatung. RA Dünnes schloss sich dem Antrag der StA an. In seinem letzten Wort bemerkte der Angeklagte lakonisch. „Ist ja alles stabil gelaufen.“

Als die Vorsitzende nach Beratung wieder den Sitzungssaal betrat, brach in diesem Moment die Sonne durch den ansonsten wolkenverhangenen Himmel über Westerburg und überflutete den Raum. Das konnte als ein Wink des Himmels gedeutet werden, denn mit dem anschließend verkündeten Urteil kam der Angeklagte „mit einem blauen Auge“ davon: Gesamtfreiheitsstrafe von zehn Monaten zur Bewährung auf vier Jahre, Geldbuße von 1.800 Euro an die Bewährungshilfe Koblenz, sechs Drogen-screenings innerhalb von drei Jahren sowie zwei Drogen-Alkohol-Gespräche bei der Suchthilfe. Die Vorsitzende las dem Angeklagten bei der Urteilsbegründung heftig die Leviten, wenn er es jetzt spätestens nicht kapiere, dann sei eine erfolgreiche Knast-Karriere vorprogrammiert. Alle Prozessbeteiligten erklärten nach erfolgter Rechtsmittelbelehrung, dass sie auf Einlegung von Rechtsmitteln verzichten. Somit wurde das Urteil noch im Sitzungssaal rechtskräftig.

„Danke, danke“, das waren die Worte, die der Angeklagte stammelte, als er in Handfesseln wieder abgeführt wurde. Anscheinend hatte er selbst nicht mit einer Bewährung gerechnet.
(Wolfgang Rabsch)


Jetzt Fan der WW-Kurier.de Lokalausgabe Westerburg auf Facebook werden!


Anmeldung zum WW-Kurier Newsletter


Mit unserem kostenlosen Newsletter erhalten Sie täglich einen Überblick über die aktuellen Nachrichten aus dem Westerwaldkreis.

» zur Anmeldung

Beliebte Artikel beim WW-Kurier


Autobahnpolizei: Einsatzreiches Wochenende auf der A3

Neben einem sehr hohen Verkehrsaufkommen und zahlreichen Gefahrenstellen verzeichnete die Polizeiautobahnstation Montabaur zwischen Freitagnachmittag und Sonntagabend auf der BAB 3 insgesamt elf Verkehrsunfälle.


Nicole nörgelt... über zu viel Sprachverdrehung im Geschlechterkampf

GLOSSE | Hallo liebe Leser*innen, ich hoffe, Sie hatten eine schöne Woche mit ihren Lieblingsmenschen (m/w/d), mit netten Kollegen und Kolleginnen, ohne Krach mit den nebenan Wohnenden. Und wenn Sie nun beim Lesen dieser Zeilen wenigstens einmal kurz gezuckt haben, dann wissen Sie schon, worüber die Nörgeltante (ohne Onkel) heute schwadronieren will.


Wirtschaft, Artikel vom 18.10.2021

Gemeinsames Regionalmarketing als Herzenssache

Gemeinsames Regionalmarketing als Herzenssache

Die Grundidee von „Wir Westerwälder“ ist so einfach wie klar: Zusammen sind wir stark! „Wir Westerwälder“-Verwaltungsrat tauschte sich über vernetze Marketing-Maßnahmen der Region Westerwald aus.


Energietipp der Verbraucherzentrale: Fenstertausch – Wenn dann richtig

Fenster sind in den meisten Häusern energetische Schwachstellen, die nicht so einfach verbessert werden können. Daher ist es umso wichtiger, dass bei einem Fenstertausch auf ein paar wesentliche Dinge geachtet wird. Die Verbraucherzentrale berät dazu kostenfrei.


60 Jahre Verbraucherzentrale Koblenz - Beratung im Wandel der Zeit

Die Verbraucherzentrale Koblenz wird 60 Jahre alt. Seit sechs Jahrzehnten stehen die Berater an der Seite der Verbraucher – vor allem auch in Krisenzeiten. In einer digitalen Veranstaltung feiert die Verbraucherzentrale das Jubiläum gemeinsam mit Gästen und Weggefährten.




Aktuelle Artikel aus der Region


Gesundheitsamt informiert: Grippeimpfung beim Gesundheitsamt in Montabaur möglich

Montabaur. Wie in jedem Winter üblich, ist auch dieses Jahr mit einer Häufung von Erkältungskrankheiten in der kühleren Jahreszeit ...

Energietipp der Verbraucherzentrale: Fenstertausch – Wenn dann richtig

Westerwaldkreis. Fenster sind energetische Schwachstellen der Gebäudehülle; leider ist ihr Austausch mit erheblichen Kosten ...

Landesgartenschau Bendorf: Bewerbung beim Ministerium eingereicht

Bendorf. Interessierte Kommunen hatten bis zum 15. Oktober die Gelegenheit, ihre Bewerbung abzugeben. Mitbewerber sind Neustadt ...

Nicole nörgelt... über zu viel Sprachverdrehung im Geschlechterkampf

Ja, wir sind schon längst mittendrin im „Krieg der Stern*innen“, wie eine große Tageszeitung neulich wetterte. Und ich bin ...

Autobahnpolizei: Einsatzreiches Wochenende auf der A3

Montabaur. Bei zwei Unfällen kamen Personen zu Schaden. Es handelte sich glücklicherweise jedoch nur um leichte Verletzungen. ...

Offene Türen am Landesmusikgymnasium in Montabaur

Montabaur. Am 3. November lädt sie Grundschulkinder in die Schule ein, die Musikinstrumente und die Musik damit kennenlernen ...

Weitere Artikel


NI begrüßt schnelles Handeln des Forstamtes Hachenburg

Hachenburg. Wir berichteten von der Kritik der NI an den durch die Forstwirtschaft verursachten Schäden im FFH-Gebiet Westerwälder ...

Westerwaldwetter: trocken, sonnig und steigende Temperaturen

Region. Unser diesjähriges Frühjahr unterschied sich sehr deutlich von den Vorjahren, in denen wir mit Sonne und Wärme verwöhnt ...

Corona im Westerwaldkreis: Inzidenzwert weiter auf Talfahrt

Montabaur. Der relevante Inzidenzwert des Kreises liegt bei
Freitag, 28. Mai 41,6
Donnerstag, 27. Mai 47,50
Mittwoch, ...

Lindas Freundin ist Germany’s Top Model 2021

Niederelbert. Die sympathische, 1,84 Meter große Alex passte als Transgender-Typ hervorragend in das Motto „Variety“ der ...

Heckträger & Co: Wie Fahrrad und Pedelec sicher Auto fahren

Kreis Altenkirchen. Je nach Zielort sind Bus und Bahn nicht immer die passenden Transportmittel – dann wird oft auf den Pkw ...

Markt, Musical und mehr in Montabaur

Holler/Montabaur. Der Musikverein/Jugendmusikverein Holler hat aktuell eine Veranstaltung „auf dem Zettel“, die mit einem ...

Werbung