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Gottesdienst nimmt Menschen mit Demenz an die Hand

Es ist so leise, dass man eine Stecknadel fallen hören kann. Keiner spricht, niemand flüstert. Irgendwann huscht der zarte Ton zweier Klangschalen durch die Herschbacher Andreaskirche, und die Orgel beginnt ganz behutsam mit Bachs „Jesus bleibet meine Freude“. Jemand summt mit, viele lächeln. Der Gottesdienst „Vergissmeinnicht“ für Menschen mit Demenz beginnt.
Gottesdienst nimmt Menschen mit Demenz an die Hand

Pfarrerin Ilona Fritz; rechts Diakon Herbert Bruns. Fotos: Peter Bongard

Herschbach. Die Männer und Frauen, die auf den schlichten, grauen Stühlen des modernen Gotteshauses Platz genommen haben, sind nicht alle an Demenz erkrankt. Neben den Organisatoren – dem Demenznetzwerk Selters – und dem Selterser Singkreis nehmen auch Angehörige und Interessierte teil. Sie alle erleben einen ökumenischen Gottesdienst, der besonders die an Demenz erkrankten Besucher an die Hand nimmt. Die evangelische Pfarrerin Ilona Fritz führt sie anschaulich durch Jesu Gleichnis des verlorenen Sohns. Sie spricht über die verschlungenen Lebenslinien des Sohnes, der sein Erbteil verprasst, demütig zum Vater zurückkehrt und voller Freude aufgenommen wird. Währenddessen illustriert sie das, was sie erzählt, mit Gesten: mit Händen, die empfangen, berühren, zum Himmel zeigen. „Gott reicht uns seine versöhnende Hand und sagt zu uns: ,Komm zu mir. Ich will Dir ein neues Zuhause geben’“, sagt sie.

Die Botschaft ihrer Predigt ist klar, einladend und überfordert nicht. Auch Herbert Bruns, Diakon der katholischen Pfarrei Sankt Anna, holt die an Demenz erkrankten Gäste behutsam ab: Er trägt den wohl bekanntesten aller Psalmen – Psalm 23 – langsam und singend vor, und Lieder wie „Großer Gott, wir loben Dich“ kennen die meisten Besucher noch auswendig.
Das war das Anliegen von Claudia Geppert, die den Gottesdienst gemeinsam mit Ilona Fritz und Herbert Bruns konzipiert hat: die Teilnehmer mit Vertrautem an die Hand zu nehmen und ihnen Sicherheit zu geben. „Wenn Sätze oder Worte Menschen mit Demenz nicht mehr erreichen können, so können es altvertraute Lieder, Psalmen und Gebete“, sagt sie. Für Margit Hermanns vom Demenznetzwerk Selters ist nicht nur der Gottesdienst als bekanntes Ritual wichtig, sondern auch die Begegnung miteinander: „Das gemeinsame Singen und Feiern wirkt sich positiv auf die Psyche aus“, sagt sie. „Solche Begegnungen helfen, dass das Thema Demenz aus der Tabuzone geholt wird, in der es leider immer noch steckt.“

Der Gottesdienst in Herschbach trägt vielleicht ein Stück dazu bei, dass Berührungsängste verschwinden. An dessen Ende legen Ilona Fritz und Herbert Bruns den Teilnehmern die Hände auf und segnen sie persönlich. Eine bewegender Moment – auch wegen des leisen Liedes, das der Singkreis währenddessen vorträgt. Denn es heißt: „Guter Gott, bleib bei uns, vergiss uns nicht.“ (bon)

Im Demenznetzwerk der Verbandsgemeinde Selters engagieren sich kirchliche Einrichtungen, Verbände, Kommunen und Gesundheitsunternehmen für erkrankte Menschen und ihre Angehörige. Weitere Informationen zum Netzwerk gibt es bei Margit Hermanns, Telefon 02626/2509562, E-Mail Margit.Hermanns@pflegestuetzpunkte.rlp.de.
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