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Nicole nörgelt – über die Freuden des Fernunterrichts
Im Hintergrund rumst es und ich sehe, wie die Schultern meiner Freundin auf der anderen Seite der Handykamera einen gefühlten Meter Richtung Boden sinken.
Derzeit ist Homeschooling angesagt. Foto: Wolfgang TischlerRegion. „Ich muss Schluss machen“, piepst sie mit Grabesstimme. „Meine… ähm… Schüler nehmen anscheinend grade das Klassenzimmer auseinander. Glaub mir, du kannst froh sein, dass du keine Kinder hast… Fernunterricht ist die Hölle!“

Froh sein, dass ich keine Kinder habe? Irgendwie ist das ein trauriger Satz, finden Sie nicht auch? Aber ich fange an zu begreifen, wo diese Frustration herkommt. Mutter von drei schulpflichtigen Kindern sein und einen Vollzeitjob stemmen, der sich nur teilweise im Home-Office erledigen lässt – das schlaucht, auch in „normalen“ Zeiten. Und jetzt kommt noch der Lehrer-Job dazu.

Für die Kinder muss es anfangs wie der Jackpot gewesen sein. Dauerferien! Zuhause abhängen! Netflix und Playstation den ganzen Tag und pffft, paar Arbeitsblätter und Hausaufgeben zwischendurch, wen schert das, kann ja eh keiner kontrollieren. Mehr als einmal habe ich die Klagen meiner Freundin gehört, wenn sie nach der Arbeit nachhause kam und ihre Große im Gammelklamotten auf dem Sofa vorfand, den „Unterricht“ schön auf „jaja, später“ verschoben. „Ich kann halt nicht die ganze Zeit daneben sitzen“, muss sich die Mutter rechtfertigen. Und selbst, wenn sie es tut – die Technik versaut alles. Stundenlang auf einen Ladekreis zu starren, wenn landesweit Schüler gleichzeitig versuchen, auf viel zu kleine Server zuzugreifen, macht wirklich keinen Spaß. Das ist wohl wie Weihnachten: Keiner hätte ahnen können, dass das kommt. Ironie aus.

Und die „echten“ Lehrer? Auch die tun mir grade nur leid. Sie werden aufgerieben zwischen den berechtigten Bedürfnissen von Eltern und Schülern, der Sisyphos-Arbeit, einen Unterricht vorzubereiten, der nötig und erwartet ist und doch irgendwie nicht stattfinden kann, der Sorge um die eigene Gesundheit und die der Kollegen, und das auch noch garniert mit „Wir haben gerade technische Schwierigkeiten, bitte schalten Sie Ihr Gerät nicht aus“.

Da muss es doch was Besseres geben. In unserer hochdigitalisierten Zeit, in der alles so einfach scheint und wir am Handgelenk mehr Megabyte tragen als 1969 für die Mondlandung nötig waren, fällt etwas Essentielles wie Schulunterricht durchs Raster? Davon, dass Schule mehr ist als Lernen und im Klassenzimmer sitzen, will ich gar nicht anfangen.

Also gut, vielleicht sollte ich doch ein bisschen froh sein, keine Kinder zu haben. So traurig das auch ist.

In diesem Sinne, bleiben Sie gesund und tapfer,
Ihre Nicole


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Nachricht vom 15.01.2021 www.ww-kurier.de