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Kultur
Klara trotzt Corona im Advent
Von dem Autoren-Duo Christiane Fuckert und Christoph Kloft gibt es in den vier Adventswochen noch einmal (jeweils wöchentlich) kurze Klara-Episoden. So können unsere Leser/innen sich während des neuen Lockdowns noch dreimal bis Weihnachten an der resoluten Limburger Pfarrhausköchin und ihrem gutmütigen Pfarrer van Kerkhof erfreuen.
SymbolfotoKölbingen. Pfarrer van Kerkhof merkte an diesem Vormittag gleich, dass mit Klara etwas nicht stimmte. Sie saß am Küchentisch, wollte eigentlich Kartoffeln schälen, aber immer wieder ließ sie das Messer sinken. Die Gute war völlig abwesend, selbst als er sich setzte, schien sie ihn nicht zu bemerken.

„Geht es Ihnen nicht gut, Klara?“, fragte er darum so behutsam wie möglich. „Doch, alles gut“, antwortete sie ohne aufzusehen. „Aber Klara, ich kenne Sie nun schon so lange. Da merke ich doch sofort, wenn bei Ihnen etwas nicht stimmt.“ „Ach was, es ist alles in Ordnung.“ Klara widmete sich nun mit gespieltem Eifer der nächsten Kartoffel. Doch van Kerkhof blieb hartnäckig. „Ich nehme an, es hat was mit Corona zu tun?“ „Wieso? Muss immer alles mit Corona zu tun haben?“, kam die spitze Antwort vom anderen Ende des Tischs. „In letzter Zeit schon, meine Liebe. Ich weiß doch, wie beunruhigt Sie sind angesichts der hohen Infektionszahlen.“

„Das ist es nicht, also nur zum Teil“, druckste Klara. „Es ist etwas anderes …“ „Jetzt mal raus mit der Sprache!“ Van Kerkhofs Stimme klang plötzlich richtig streng, so dass seine Haushälterin zusammenzuckte und nicht mehr länger mit einer Antwort zögerte. „Es ist nur ... wegen dem Impfstoff!“

„Ja, der Impfstoff, ist es nicht toll, dass wir bald endlich einen kriegen?“ „Das schon … aber ich habe mich mit der Nachbarin unterhalten … gestern am Zaun.“
„Und? Was sagt die?“ „Nun, die sagt, dass man sich auf keinen Fall als Erste impfen lassen soll. Man wüsste ja noch gar nicht, wie der Impfstoff wirkt, und in der kurzen Zeit könnte das noch nicht alles erprobt sein. Und deshalb will ich mich besser auch noch nicht impfen lassen.“

„Aber Klara, Sie haben sich doch so gefreut, als die Nachricht kam. Und wir haben doch vor Kurzem noch darüber gesprochen, was für eine gute Idee es von unserem verehrten Herrn Bischof ist, den Beginn der Impfungen zu einem Gedenktag für die vielen Corona-Opfer zu machen. Und jetzt plötzlich diese Kehrtwende ...“ Pfarrer van Kerkhof schüttelte den Kopf. „Also, die Nachbarin tut Ihnen wirklich nicht gut.“

„Wenn ich früher auf sie geschimpft habe, dann haben Sie mir immer Kontra gegeben.“ „Vielleicht war das ein Fehler“, meinte van Kerkhof leise, doch hatte Klara es dennoch gehört. „Sie meinen also, ich hatte Recht?“ „Nicht immer, aber in diesem Fall sollten Sie ruhig etwas kritischer sein.“ „Aber wenn das nun wirklich so ist, Herr Pfarrer. Was ist denn, wenn es Langzeitschäden gibt?“ „Darüber brauchen gerade wir uns in unserem Alter keine Sorgen mehr zu machen“, schmunzelte van Kerhof.

„Aber wenn sonst etwas ist, wenn man einen Kollaps kriegt oder einen Schock oder sonst was?“ “Da hat sie Ihnen ja ganz schön zugesetzt, meine Gute.“ Der Pfarrer rückte seinen Stuhl jetzt ganz dicht an den Tisch. „Abstand, Herr Pfarrer!“, rief Klara gleich und streckte zur Abwehr beide Hände aus. „Keine Sorge, näher komme ich nicht. Aber ich will Ihnen jetzt mal etwas sagen, das nur für Ihre Ohren bestimmt ist.“

Klara sah ihn mit großen Augen an. „Und das wäre?“ „Nun, mir schüttet hin und wieder eine Frau aus unserer Gemeinde ihr übervolles Herz aus.“ „Wer ist das?“ „Tut mir leid, seelsorgerliche Schweigepflicht. Jedenfalls ist diese Frau Krankenschwester. Sie arbeitet auf der Intensivstation, und sie sagt, wir können uns nicht vorstellen, was dort im Moment los ist.“ „Was denn, Herr Pfarrer?“ „Auch das darf ich nicht sagen. Aber nun zu Ihren Sorgen: Diese Frau, für mich übrigens eine wahre Heldin, sagt, wenn alle, die skeptisch dem Impfstoff gegenüber sind, auch nur einmal ein paar Stunden auf der Intensivstation verbringen würden, dann würden sie ihre Bedenken rasch aufgeben. Sie jedenfalls will sich gleich impfen lassen, wenn es die Möglichkeit dazu gibt.“

„Hmmm.“ Klara wurde nachdenklich. Dann ging noch einmal die Neugierde mit ihr durch. „Kenne ich die Frau?“ „Vielleicht, vielleicht auch nicht.“ „Und wieso haben Sie mir dann noch nicht davon erzählt?“ „Weil sie sich mir eben als Seelsorger anvertraut hat. Und wenn Sie nun nicht das Thema darauf gebracht hätten, ich hätte auch jetzt nichts gesagt.“

„Vielleicht ist diese Krankenschwester ja etwas ängstlich?“ „Im Gegenteil. Eine ganz taffe Frau. Steht mit zwei Beinen im Boden.“ „Auf dem Boden, Herr Pfarrer.“ „Wie Sie wollen. Jedenfalls würde diese Frau unserer lieben Nachbarin ganz schön was erzählen.“ „Die hätte es mal verdient!“ Klara ballte die Fäuste.

Van Kerkhof grinste in sich hinein, verfolgte er doch mit Genugtuung die Wende, die in Klara vor sich ging. „Der werde ich gleich morgen was erzählen!“ Klaras Wangen schienen plötzlich richtig zu glühen. „Dann ist es also abgemachte Sache, dass wir beiden uns impfen lassen, wenn es möglich ist?“ „Sofort!“ Klara hob die Rechte zum Schwur und griff sich energisch eine besonders dicke Kartoffel. „Und Sie dürfen dann aber nicht wieder jammern, Herr Pfarrer. Sie mit Ihrer Angst vor Spritzen, ich weiß noch, was ich für eine Arbeit mit Ihnen hatte, als es im Frühjahr zum Zahnarzt gehen sollte.“ „Ich werde tapfer sein“, gelobt van Kerkhof lachend.

„Das können Sie jetzt gut sagen, ich weiß doch, was Sie für ein Schisser sind!“ Der Pfarrer entgegnete nichts auf diese freche Bemerkung, war er doch viel zu froh, dass Klara ihre altvertraute Art wiedergefunden hatte. „Freuen wir uns darum jetzt nur noch auf den zweiten Advent“, sagte er nur und fügte hinzu: „Und auf den Impfstoff.“ Dann stand er auf und ging in Richtung seines Büros davon. (www.christoph-kloft.de)
Nachricht vom 07.12.2020 www.ww-kurier.de