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Adventskalender – Teil 11: Geisterzug nach Krakov oder Glück gehabt
24 kurze Krimis im Postkartenformat begleiten uns in diesem Jahr durch den Advent. Die Idee dazu hatte die Literatur-Werkstatt in Altenkirchen, die sich jüngst mit „Postkarten-Krimis“ beschäftigte. Das Ergebnis: 24 spannende und vielfältige Mini-Krimis, die das Warten auf Weihnachten verkürzen.
Eine unsichtbare Hand wischte mir über die Wimpern und ich öffnete die Augen. Die seltsame Stille, welche mich umgab, ließ mich aufspringen und das Coupé verlassen. Ich lief durch den Gang des Wagons, so, als ob ich jemandem folgen wollte. Dabei bemerkte ich die offenstehenden, hin- und herschwingenden Coupé-Türen. Außer mir schliefen alle anderen Passagiere an ihren Plätzen. Ihre Köpfe schaukelten im Takt des fahrenden Nachtzuges. Langsam und innerlich erschrocken ging ich in mein Coupé zurück. Dort angekommen bemerkte ich, dass die Tasche meines Freundes, in welcher auch mein Brustbeutel samt aller meiner Papiere und dem Reisegeld steckte, spurlos verschwunden war. Dafür lagen erstaunlicherweise die Pässe des polnischen Paares, welches mit seinen Wandersachen uns gegenüber Platz genommen hatte, offen auf dem Tisch. Das Erstaunen beim Erwachen war groß, als sie die Dokumente dort liegen sahen. Hatten sie doch geglaubt, diese sicher im Rucksack verstaut zu haben. Keiner der Reisenden wusste genau, wann die aufgezwungene Narkose eingesetzt und wie lange der Dornröschenschlaf gedauert hatte. Der Schaffner beruhigte uns mit Horrorgeschichten, die schilderten, wie es hätte ausgehen können, wären wir nicht betäubt worden. Da hatten wir also Glück im Unglück gehabt.

© Marita Bruna-Liedtke

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Nachricht vom 10.12.2020 www.ww-kurier.de