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Bitte keinen Abschiedsschmerz: Pfarrer Klaus Groß geht in den Ruhestand
Der Mann macht was her: Dichter Bart, buschige Augenbrauen, stattliche Größe. Und ein gesundes Selbstbewusstsein: „Ihr verliert den Besten, den Ihr hattet“, sagt er, der Herr Pfarrer aus Wirges, während er sich eine Selbstgedrehte zurechtzupft. Dann lacht er lauthals – und man weiß nicht so recht, ob er den Satz ernst meint oder nicht. Keine Frage: Mit Klaus Groß verliert das Evangelische Dekanat Westerwald einen echten Charakterkopf. Einen, der in Kirchengemeinden wie Neuhäusel, Montabaur oder Wirges seinen Dienst getan hat. Und der selten ein Blatt vor den Mund nimmt.
Pfarrer Klaus Groß hat immer Zeit für eine Zigarette und ein gutes Gespräch. Denn als Pfarrer man soll nicht nur „im Talar rumlaufen, sondern auch mit den Menschen lachen und weinen“, findet er. Fotos: Peter BongardWirges. Dabei kommt Klaus Groß erst recht spät in den Pfarrberuf. Geboren in Neunkhausen,, absolviert er nach seiner Schulzeit in Betzdorf zunächst eine Ausbildung zum Diakon und Erzieher. „Das war damals ungewöhnlich, als Mann in einen ,Frauenberuf‘ zu gehen. Wer wurde denn schon Kindergärtner?“, sagt er und lächelt verschmitzt. Was ihm dabei aber fehlt, ist der Bezug zum Glauben. Denn der war für den frommen jungen Mann schon in den frühen 1970er-Jahren wichtig. „Mein Pfarrer, der mich konfirmiert hat, meinte in dieser Zeit, ich solle doch Theologie studieren und auch Pfarrer werden. Aber ich hatte kein Abitur.“ Doch der Wunsch lässt ihn nicht los. Und der große Mann beißt sich durch. Klaus Groß legt das Fach-Abi ab, lernt während seines Pädagogik-Studiums an der Fachhochschule nebenbei Griechisch, Hebräisch und Latein und studiert schließlich doch noch Theologie: in Bochum und Tübingen.

1985 steht er zum ersten Mal auf der Kanzel. Sein Vikariat in Büdingen startet. „Pfarrer Dr. Ulf Häbel hat mich damals betreut. Den besten, den wir hatten“, sagt er. Er mag diesen Satz offenbar, und diesmal meint er ihn wirklich ernst: „Häbel hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, die eigene Identität zu finden. Man muss mit den Leuten lachen und weinen, statt nur im Talar rumzurennen.“

Groß findet seine Identität nicht nur im gesprochenen Wort, sondern auch im geschriebenen. Er beginnt ein Spezialvikariat bei einer hessischen Tageszeitung und lernt dort, Dinge auf den Punkt zu bringen. „Es taugt nichts, in Predigten auf Zeit zu spielen. Sag‘, was Du zu sagen hast, und dann hör‘ auch auf. Traue Dich, öffentlich zu dem zu stehen, was Du sagst.“

Als er seine erste Pfarrstelle in Oberhörlen antritt, hilft ihm diese Einstellung. Denn einer seiner Vorgänger ist der legendäre Karl Herbert – eine der wichtigsten Personen des evangelischen Lebens der Region. „Der Mann hat wirklich Klartext geredet und hat seine Gemeinde entsprechend geprägt. Das hatte als erste Pfarrstelle ausgesprochene Wucht!“

Vier Jahre bleibt er in Oberhörlen. Dann entscheidet er sich, die Nächstenliebe, die er predigt, noch stärker in die Tat umzusetzen. 1991 wird er Anstaltspfarrer in den Heimen der Stiftung Scheuern und kümmert sich um Menschen mit geistiger Behinderung. „Dort haben sich mir zum ersten Mal Fragen gestellt, die so im normalen Leben nicht vorkommen. Gerade, was ethische Dinge angeht“, erinnert er sich. Die Zeit prägt ihn und führt ihn an seine Grenzen. Inzwischen ist Klaus Groß alleinerziehender Vater, kümmert sich neben dem Job um seine drei Kinder und entschließt sich 1996, die intensive Tätigkeit in der Behinderteneinrichtung zu beenden. Klaus Groß wird Pfarrer in Hattert, wird in die Landessynode gewählt, plant für einen lokalen Fernsehsender die Wochenandachten. Und er initiiert den Internetauftritt des Evangelischen Dekanats, den es noch heute gibt.

Aber Hattert ist nicht die letzte Station: Klaus Groß wechselt 2006 nach Wahlrod, wo ihm besonders die kirchenmusikalischen Projekte in Erinnerung bleiben, und schließlich 2016 nach Wirges. Dort ist er bis heute Pfarrer, engagiert sich in der Flüchtlingshilfe und im „Café International“. In Wirges ist er aber eher Verwalter als Visionär, aber das ist in Ordnung, meint er: „Das hat nichts Oberflächliches. Ich will auf meiner letzten Stelle keinen Abschiedsschmerz mehr hinterlassen. Die Zeit in Wirges war schön und hat sich leicht angefühlt. Wie am Steuer eines Schiffes, das nur auf Kurs gehalten werden muss.“

Seine persönliche Reise im Schiff, das sich Gemeinde nennt, ist nun zu Ende. Und plötzlich wird der große Mann mit dem imposanten Lachen leiser. „Ich habe keine besonderen Pläne für den Ruhestand. Gereist bin ich schon: nach Indien, in die Mongolei, die USA, nach Israel und durch ganz Europa. Die Kinder haben inzwischen Enkel und sind alle was geworden, was auch nicht selbstverständlich ist. Meine Eltern habe ich bis zum Ende gepflegt. Ich glaube, ich bin im Moment einfach nur froh, entpflichtet zu sein.“ Dann lächelt Klaus Groß und zündet sich endlich die Selbstgedrehte an. „Aber den Glaube nehme ich natürlich mit. Obwohl der sich im Laufe der Jahre gewandelt hat: von einer eher pietistischen Sichtweise hin zu einer wissenschaftlichen“, sagt er und nimmt einen Zug. „Das ist eben das Leben. Man kann sich nicht ausruhen, und alles ändert sich. Das hält mich wach.“ (bon)
 
Nachricht vom 25.11.2020 www.ww-kurier.de