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Selterser Kleiderhaus schließt seine Pforten
Seit 2015 gibt das Selterser Kleiderhaus „Geben und Nehmen“ gute Kleidungsstücke an Menschen in Not weiter. Jetzt, nach fünf Jahren, schließt es seine Pforten. „Seit der Coronapandemie kommen deutlich weniger Menschen zu uns“, sagt Josef Görg-Reifenberg – zwar mit einem weinenden Auge, aber auch mit einem lächelnden. Denn er und seine elf Mitstreiterinnen sind sich heute sicher: die Mission des Kleiderhauses ist erfüllt.
Von links: Josef Görg-Reifenberg, Theresa Görg-Reifenberg, Ines Finger und Sabine Laß-Schwinn – vier der insgesamt elf Mitglieder des Kleiderhaus-Teams. Foto: Peter BongardSelters. „In den vergangenen Wochen haben wir uns zwei Fragen gestellt“, sagt Görg-Reifenberg. „Warum sind wir angetreten, und was haben wir erreicht? Nun, wir sind angetreten, um zu helfen und um das Viele, was wir haben, umzuverteilen – an die, die wenig haben.“ Die Antwort auf die zweite Frage hängt damit eng zusammen: „Wir haben erreicht, dass die Flüchtlinge 2015 eine Grundausstattung an Kleidung hatten, damit beispielsweise die Kinder im Winter nicht mit Sandalen in die Schuhe gehen mussten.“

Damals ist das Kleiderhaus zur richtigen Zeit am richtigen Platz, glaubt auch Sabine Lass-Schwinn, die zu den Mitbegründerinnen der Einrichtung zählt. Sie erinnert sich noch gut an das turbulente Jahr 2015. Im ehemaligen Dekanat Selters gründet sich ein neuer Flüchtlingshilfekreis, aus dem heraus dann das Kleiderhaus entsteht: eine Gruppe aus mehr als einem Dutzend Männern und Frauen, die in einem alten Gebäude in der Selterser Bahnhofstraße eine Sammelstelle für gute, gebrauchte Kleidung einrichten. Sie geben die Stücke nicht nur an Geflüchtete weiter, sondern auch an Bedürftige aus der Region mit einem Tafelausweis. Außerdem bringen die Ehrenamtlichen warme Kleidung und Schlafsäcke zur Koblenzer Obdachlosenhilfe und sammeln Brillen für die Menschen in ärmeren Regionen.

Von Anfang an ist „Geben und Nehmen“ mehr als eine Sammel- und Anlaufstelle. Das Haus ist auch ein Ort der Begegnung. Gerade die geflüchteten Frauen bringen sich ins Team ein und lernen dadurch die Sprache und Kultur kennen. „Anders ausgedrückt: Es hat ihnen geholfen, ein neues Leben zu erleben“, sagt Sabine Laß-Schwinn. „Und sie hatten oft ihre Kinder dabei, was natürlich Leben in die Bude gebracht hat. Die haben sich dann nach und nach zu richtig guten Übersetzern entwickelt“, lächelt Ines Finger, eine weitere Mitarbeiterin des Kleiderhauses.

Im Laufe der Jahre entstehen Freundschaften zwischen einigen Flüchtlingen und den Einheimischen. Doch manchmal enden sie ziemlich schmerzhaft; dann, wenn jemand abgeschoben wird. „Es tut weh, wenn Menschen zum letzten Mal kommen und sich einen Koffer für die Rückreise mitnehmen“, sagt Görg-Reifenberg und erinnert sich, dass es die Menschen aus dem Balkan besonders oft getroffen hat.

Aber es gibt auch die Konstanten: die schönen gemeinsamen Weihnachtsfeiern mit leckeren Buffets aus aller Herren Länder; die Dankbarkeit in den Gesichtern, wenn die Menschen sich über ein Kleid freuen, das sonst vielleicht weggeworfen wäre; die ausländischen Mitarbeiterinnen, die das Haus jahrelang begleitet haben.

Seit einigen Monaten ist es ruhiger in der Bahnhofstraße 7. Das liegt zum einen – natürlich – an der Corona-Pandemie. Aber auch daran, dass das Angebot insgesamt weniger in Anspruch genommen wird. „In manchen Wochen sind während der beiden Öffnungstage nur fünf, sechs Menschen zu uns gekommen“, sagt Görg-Reifenberg. „Alles hat seine Zeit. Und das Kleiderhaus war da, als es am dringendsten gebraucht wurde.“

Bevor „Geben und Nehmen“ endgültig seine Pforten schließt, werden die letzten Kleidungsstücke verteilt. Ein Teil kommt der Selterser Sammelstelle für das Flüchtlingscamp Moria zugute, ein größerer geht an die Rumänien-Hilfe. „Die Kleider sind eben für diejenigen, die es nötig haben“, sagt Görg-Reifenberg. „So war das in den vergangenen Jahren, und so soll es auch am Ende sein.“ (bon)
Nachricht vom 04.11.2020 www.ww-kurier.de