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Politik
Corona-Krise wirft für Förderschulen viele Fragen auf
Einen freundlichen Empfang, allerdings mit besorgter Miene, erlebte Landtagsabgeordnete Jenny Groß in der Katharina-Kasper-Schule in Wirges. Gemeinsam mit dem Generalsekretär der CDU Rheinland-Pfalz Gerd Schreiner, im Rahmen seiner Mut-Tour, wollte sich die Abgeordnete mit Eltern und Lehrern einer fast vergessenen Personengruppe treffen – den Schülerinnen und Schülern von Förderschulen.
Politikerbesuch in der Katharina-Kasper-Schule in Wirges. Foto: privatWirges. „Das Land hat dieser Schulform keine Chance zur schrittweisen Öffnung gegeben, damit nach den Ferien der volle Regelbetrieb nicht im Kaltstart erfolgen muss!“, kritisierte Groß. Zudem betonte sie, dass „Eltern bei Regelschulen selbst entscheiden konnten, ob ihre Kinder zur Schule gehen oder nicht. Das Land muss hier klare Position beziehen und zwar bevor es eine zweite Welle gibt!“. Denn Groß stellte unmissverständlich klar, dass „beeinträchtigte Kinder ein gleiches Recht auf Bildung haben und keine Nachteile gegenüber gesunden Kindern erfahren dürfen!“.

Zudem gibt es viele ungeklärte Fragen, wie auch Volker Vieregg (Schulleiter) erklärte: „Der 4. Hygieneplan hat viele Widersprüche und eine Dienstbesprechung mit allen Förderschulen in Rheinland-Pfalz solle Klarheit bringen, allerdings findet diese erst nach Ferienbeginn statt!“. In der Praxis bedeutet dies, dass mit dem Lehrerkollegium an der Schule in Wirges erst in der Woche vor Schulbeginn über die Details gesprochen werden kann. „Ein Unding!“, wie auch Gerd Schreiner findet, der von der Landesregierung hier ein entschlosseneres Krisenmanagement erwartet hätte. Der CDU Generalsekretär Schreiner hat selbst familiären Bezug zu der betroffenen Personengruppe – sein älterer Bruder ist schwerst mehrfach behindert. Er fragte Anke Sauer (Schulelternbeirat) interessiert: „Wie funktioniert das „Homeschooling“ mit beeinträchtigten Kindern? „Es ist schwer, die Motivation der Kinder zu wecken, wenn andere Kinder nicht da sind. Sie fragen dann häufig, warum sie lernen müssen, wenn andere Kinder nicht da sind!“, antwortete die engagierte Vertreterin. Jenny Groß unterstrich diese These, denn „den Kindern fehlen Rituale und Aufgaben. Wenn man diese beispielsweise über ein rotierendes System der Anwesenheit wieder einführe, bekämen die Kinder diese wichtigen Gewohnheiten zurück!“, zeigt sie sich überzeugt.

Weitere Herausforderungen am Schulstandort sind insbesondere infrastruktureller Natur, wie die stellvertretende Schulleiterin Pia Hannappel erläuterte: „1989 waren hier noch 35 Schüler und 12 Lehrkräfte, heute sind es 110 Schüler und 40 Lehrkräfte!“. Die Zahlen steigen dabei jährlich an, sie wird gut angenommen. Dies ist auch der Tatsache geschuldet, dass die geplanten Inklusionsbestrebungen in Rheinland-Pfalz gescheitert sind. Der steigenden Nachfrage trägt die Schule auch Rechnung, wie der Schulleiter Vieregg sagte: „Die Arbeiten zum Anbau sollen im September starten, denn derzeit haben wir bis auf die Turnhalle keine Ausweichmöglichkeit mehr“. Diese räumliche Situation ist insbesondere in Zeiten von Corona nicht zuträglich, wie er im Hinblick auf die baldige Wiedereröffnung weiter ausführte: „Ich gehe zum Netto und muss Abstand halten, hier nicht!“

Peter Roos, Abteilungsleiter der Caritas für Schulstruktur und Schulfinanzierung, sieht weitere Defizite in der Bildungspolitik sowie den Rahmenbedingungen für Förderschulen und schilderte: „Die Zahl der Förderschullehrer in Rheinland-Pfalz müsste höher sein. Und dann wirbt das Land uns noch Lehrkräfte ab! Wir haben vor zwei Jahren die Anforderung an offizielle Stelle abgesetzt, dass wir zwei weitere Kräfte brauchen. Eine Kraft kam zusätzlich, auf die andere dringend benötigte wartet die Schule noch heute!“ Des Weiteren thematisierte er auch Ungleichheiten bezüglich der Bezahlung der Lehrkräfte: „Dabei spielt auch die finanzielle Vergütung der Lehrkräfte eine Rolle, die nicht genügend Wertschätzung widerspiegelt, denn sie verdienen unter dem Strich 400 Euro weniger als verbeamtete Lehrkräfte beim Land“, so Roos. Auch die Infrastruktur und die Ausstattung der Schule liegt deutlich unter dem, was im 21. Jahrhundert angemessen wäre, für eine Industrienation wie die Bundesrepublik Deutschland: „Beim Digitalpakt sind wir auch dabei!“, wie Roos klarstellte. „Ein wichtiger Punkt sei die Ausstattung mit Endgeräten, wie beispielsweise Tablets, die deutlich verbesserungswürdig ist. Beim Netzausbau muss das Land ebenfalls nachlegen.“

„Die Landespolitik muss auch an die Kinder in den Förderschulen denken!“, stellte die Landtagsabgeordnete Groß heraus und betonte ausdrücklich: „Ich setze mich in Mainz dafür ein, die dort etablierten Denkweisen in Frage zu stellen und möchte ein Umdenken erreichen!“ (PM)
Nachricht vom 12.07.2020 www.ww-kurier.de