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Nicole nörgelt… über ihren Jugendschwarm
Ja, ich gebe es zu. Ich hatte vor diesem Tag eine Heidenangst. Seit Wochen schiele ich immer wieder mit wachsender Anspannung auf den Kalender, zähle die Tage, durchwühle den Kleiderschrank nach dem passen Outfit, lege mir in Gedanken schon die Geschichten zurecht, die ich erzählen will, das lässige Lächeln, wenn die unvermeidliche Frage kommt: „Und? Was machst du so?“ Nirgends wirst du gnadenloser durchleuchtet und an längst vergangene Peinlichkeiten erinnert als bei diesem einen Anlass: Klassentreffen!
Der Jugendschwarm von Nicole schwindet dahin. Foto: prWenigstens sind wir mittlerweile in einem Alter, in dem nicht mehr in einer zugigen Grillhütte gefeiert wird, sondern sich irgendjemand die Mühe gemacht hat, eine anständige Location zu buchen, inklusive Büffet, Getränkeservice und Übernachtungsmöglichkeit, falls der ein oder andere im Lauf das Nacht feststellt, dass man eben keine 18 mehr ist und locker angesäuselt über Landstraßen nach Hause torkelnd dann doch irgendwann peinlich wird.

Und während ich noch überlege, ob ich wohl die einzige bin, deren Abschluss-Jahrgangsshirt inzwischen ziemlich spack sitzt, ist mein Kopf sowieso nur noch eine hohle Masse, kaum dass ich den Raum betreten habe. ER ist da! ER, der Schwarm meiner Oberstufenzeit, er, der durch meine Spät-Teenie-Träume geisterte, er, wegen dem ich mehr Unterrichtsstoff versäumt habe als ein Rekordschwänzer, weil ich so beschäftigt damit war, ihn anzustarren.

Die üblichen „Ach, hallo, bist du’s?“ und „Hach, was haben wir uns lange nicht gesehen!“ zur Begrüßung erlebe ich wie im Rausch und erwische mich dabei, wie ich immer wieder in seine Richtung schiele – wie damals! Und wieder macht mein Herz Purzelbäume und er kriegt nicht einmal mit, dass ich da bin – wie damals!

Nach ein paar Drinks und zu meiner Erleichterung sehr ungezwungenen Gesprächen reicht es mir! „Das ist Jahre her und du stellst dich jetzt nicht so an!“, fauche ich mich selber an, packe mein Glas fester, straffe mich, bringe das Dekolleté in Form und marschiere zu ihm an dem Tresen, an dem er so unvergleichlich cool lehnt.

Fragen Sie mich nicht, was ich zu ihm gesagt habe. Aber ich bin weder in die Knie gegangen, noch habe ich angefangen zu weinen, als er mich zur Begrüßung in den Arm nimmt – oh Himmel, dieses After Shave! – und mich drückt wie eine lang vermisste Freundin. Und dann reden wir. Reden! Er und ich, stehen nebeneinander an der Theke, unterhalten uns, tauschen Anekdoten aus und ich bin nicht gestorben.

Naja. Eigentlich ist es mehr er, der redet. Scheinbar am liebsten über sich. Zwei Drinks später höre ich ihm immer noch zu, nicke gelegentlich und plötzlich ist meine Innere Stimme wieder da. „Boah“, säuselt die in meinem Kopf. „Wer hätte das gedacht? Ist… der… BLÖD! Ernsthaft, was redet der da? Meine Güte… Hätte ich das mal vor ein paar Jahren gewusst, ich hätte mir manche durchgeheulte Nacht erspart! Nein! Nein, ich will nichts von deinen Errungenschaften aus der Schulzeit hören, bleib bitte einfach da stehen und sieh scharf in diesen Jeans aus, aber halt bitte dabei die Klappe!“

Und während ich grade anfange zu überlegen, ob ich mir oder ihm den Drink überkippen soll, um dieser Situation zu entkommen, geht die Tür auf und ein verspäteter Gast kommt rein. Ist das meine liebste Pausenpartnerin aus der Parallelklasse? Ich fliege förmlich in ihre einladend ausgebreiteten Arme, wir lachen und herzen uns und verbringen den Rest des Abends damit, uns über Altes und Neues zu unterhalten und plötzlich sind die Jahre wie weggewischt. Ich fühle mich wieder wie damals auf dem Schulhof und es ist ein schönes, fast heimeliges Gefühl, das mich zufrieden strahlen lässt. War also gar nicht so schlimm, dieses Klassentreffen. Und mein alter Schwarm darf nun gerne ein verblassendes Foto in der Abi-Zeitung bleiben.

In diesem Sinne, bleiben Sie gesund!
Ihre Nicole


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Nachricht vom 11.07.2020 www.ww-kurier.de