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Ungewöhnliche Therapie mit Erfolgsaussichten: Stuhltransplantation
Für Menschen mit chronischen Darmerkrankungen gibt es Hoffnung: die Stuhltransplantation, also die Übertragung des Stuhls eines gesunden Spenders auf einen darmkranken Patienten. Das klingt vielleicht nicht besonders reizvoll, erzielt in einigen Bereichen aber sehr gute Therapieerfolge. Immer mehr Ärzte und Kliniken in der Region Westerwald bieten die noch relativ neue Behandlungsmethode an. Doch wem kann sie helfen?
Foto und Quelle: silviarita | pixabay.comDie Grundlage: Das menschliche Mikrobiom
Die Gesamtheit aller Mikroorganismen, die den menschlichen Verdauungstrakt besiedeln, wird als Mikrobiom bezeichnet. Dazu gehören die Mikroben im Mund, in der Speiseröhre, im Magen, Dünn- und Dickdarm. Das menschliche Mikrobiom besteht aus etwa 100 Billionen Bakterien und ist in jedem Menschen individuell zusammengesetzt. Insgesamt sind etwa 40.000 Bakterienarten bekannt, die alle eine wichtige Funktion im menschlichen Körper einnehmen: Sie lösen wichtige Nährstoffe aus den aufgenommenen Lebensmitteln, trainieren und stärken das Immunsystem, bilden Vitamine, Hormone und Botenstoffe und beeinflussen wesentlich das seelische sowie körperliche Wohlbefinden.

Auswirkungen eines gestörten Mikrobioms
Das Mikrobiom ist ein wesentlicher und unersetzlicher Teil des menschlichen Stoffwechsels. Gerät seine Zusammensetzung aus dem Gleichgewicht, sind die Auswirkungen deutlich spürbar: Gewichtszunahme, Verstimmungen, Verdauungsstörungen, eine herabgesetzte Immunabwehr und Kälteempfindlichkeit sind einige der möglichen Symptome. Ist die Darmflora über längere Zeit gestört, kann sich das sogenannte Reizdarmsyndrom entwickeln. Mögliche Auslöser hierfür sind langandauernde Antibiotikatherapien, chronischer Stress, eine einseitige Ernährung oder Bewegungsmangel.

Was ist eine Stuhltransplantation und wofür wird sie angewendet?
Mit der Stuhltransplantation werden die Darmbakterien einer gesunden Person im Darm einer erkrankten Person angesiedelt. Die Stuhltransplantation bietet sich somit vor allem zur Behandlung eines zerstörten Mikrobioms an.

Die Transplantation des Mikrobioms hat sich beispielsweise als effektive Therapie bei wiederholten Clostridium-difficile-assoziierten Diarrhöen (CDAD) erwiesen. Hier wird von sehr guten Heilungsraten berichtet, unerwünschte Wirkungen sind weitestgehend unbekannt. Auch bei der Behandlung von anderen chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa oder auch dem Reizdarmsyndrom wird die Behandlung erprobt. Erfolge verspricht man sich außerdem bei der Therapie von Multipler Sklerose, Autismus und Depressionen. Hier ist allerdings noch Forschungsarbeit notwendig.

Wie verläuft die Stuhlspende?
Der Stuhlspender sollte idealerweise mit dem Patienten verwandt sein oder mit ihm in einem Haushalt leben. Das reduziert das Infektionsrisiko ebenso wie den "Ekelfaktor". Der Spender muss außerdem stuhlgesund sein und wird auf Infektionskrankheiten und pathogene Darmkeime untersucht. Ist der Spenderstuhl geeignet, wird er verflüssigt, gefiltert und dem Patienten zugeführt. Das kann im Zuge einer Darmspiegelung oder über eine Nasensonde geschehen. Zunehmend werden auch Kapseln hergestellt.

Wann ist eine Stuhltransplantation sinnvoll?
Der zu transplantierende Stuhl gilt als Arzneimittel und muss im jeweiligen Behandlungsfall auch als solches zugelassen werden. Die Stuhltransplantation ist somit eine relativ aufwendige Therapiemethode, die sich insbesondere dann bewährt, wenn alle anderen Therapieansätze erfolglos geblieben sind. Es empfiehlt sich daher, der Stuhltransplantation eine ganzheitliche Therapie des Verdauungstraktes voranzustellen. Dazu gehört in den meisten Fällen eine Neuausrichtung des Lebensstils: Eine ausgewogene Ernährung, mehr Bewegung im Alltag sowie eine deutliche Stressreduktion sind erfolgversprechende Maßnahmen. Eine Stuhluntersuchung kann außerdem Aufschluss über die Bakterienbesiedlung des Darmes sowie mögliche Unverträglichkeiten geben. Auch Probiotika haben sich bewährt, um die Arbeit des Mikrobioms zu unterstützen. Erzielen diese Maßnahmen nicht den gewünschten Behandlungserfolg, kann eine Stuhltransplantation möglicherweise sinnvoll sein. (PRM)
Nachricht vom 02.04.2020 www.ww-kurier.de