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Nachricht vom 07.03.2020
Region
Wie sich der ökologische Fußabdruck monetär bemerkbar macht – oder: Der Irrsinn mit der Bahn
Ich habe es versucht und eins von drei ist am Ende auch kein Totalversagen. Es ging um den ökologischen Fußabdruck und anfangs nicht ums liebe Geld. Dass am Ende alles anders kam, der Fußabdruck so lala blieb und das ganze finanziell zum Geschäft wurde - damit war nicht zu rechnen. Die ganz subjektiven Ansichten zum Reisen mit der Bahn vom Grandpa aus dem Westerwald.
Ein Thalys fährt über die Hohenzollernbrücke in Köln (Foto: Efes Kitap/Pixabay)Das Vorhaben war klar:
Den CO2 Ausstoß beim Reisen verringern, einmal nach Barcelona und einmal nach Berlin. Die Lösung sollte im Bahnverkehr liegen. Soweit so klar und rein theoretisch auch gar nicht so schwierig. Aber – wir kennen ja alle die Missverständnisse, die es eben auch zwischen Theoretikern und Praktikern gibt. Gewohnt an einfache Buchungssysteme im Flugverkehr setzte ich mich eines schönen Abends an den Rechner und wollte Fahrkarten für eine Bahnreise nach Barcelona buchen. Da ich im Westerwald starten wollte, war es natürlich naheliegend einfach www.bahn.de einzugeben, eine Verbindung rauszusuchen, den Preisvergleich zu machen und zu buchen.

Soweit die Theorie!
Die Praxis gestaltete sich etwas schwieriger. Die Buchung der Bahn reichte bis Paris, aber wenn das Ziel Barcelona ist, dann ist halt noch ein Stück zu laufen. Sodann gibt es verschiedene Anbieter mit den unterschiedlichsten Preisen. Ich habe das Ganze dann erstmal – VERTAGT. Im zweiten Anlauf bin ich auf OUI gestoßen. OUI, also übersetzt „JA“, ließ mich genauso optimistisch in die Zukunft blicken, wie es der Name ausdrückt. JA!!! Die französische Bahngesellschaft. Ein funktionierendes Buchungssystem auf der Homepage ermöglichte sogar einen Preisvergleich der einzelnen Züge im Wochenüberblick (fast wie Fliegen) und die Dauer von ca. 10 Stunden mit 2 Stunden Aufenthalt in Paris (fast wie Fliegen) absolut im Limit. Letztendlich freute ich mich auf die Reise, da der Kollege Lokomotivführer – 1500 km in 10 Stunden – schon ordentlich Strom geben musste. Und CO2 in Frankreich nahezu perfekt, obwohl erstaunlicherweise niemand ein AKW in seiner Nähe haben möchte und auch die abgebrannten Brennstäbe nicht in seinem Keller lagern will. Ich übrigens auch nicht!

Dann der Eingriff von Herrn Macron…
…und das Elend nahm seinen Lauf. Die Rentenreform brachte sodann den Franzmann auf die Palme und führte mich direkt aufs Abstellgleis. In einer kurzen Mail wurde mir erläutert, die Reise endet in Paris – in einer aufgebrachten Menge und vor brennenden Barrikaden (nein, so stand es nicht in der Mail). Also hab ich alles gestoppt. Zack ins Internet, alles aus bekannten Gründen storniert und bitte, bitte das Geld zurück. Die Antwort kam von Thalys. Abgelehnt – ich hätte ja nach Paris fahren können und bei Reisen nach Barcelona müsste ich mich an die Hauptgesellschaft wenden. Wie das geht, wurde leider nicht verraten. In einer der unzähligen Mails war aber eine Telefonnummer notiert. Also frohen Mutes das Telefon zur Hand genommen und angerufen. Wenn sich nun jemand auf Englisch mit französischen Akzent und jemand mit einem deutschem Akzent unterhalten, ist das vergleichbar mit einem Bayern und einem Ostfriesen auf Plattdeutsch — sehr mühsam. Aber ganz einfach, die Fahrkarten müssen zum Servicecenter geschickt werden und dann wird geprüft und wir sehen weiter. Tja, kein Problem, also eingetütet und Einschreiben weg. Übrigens, wenn in Frankreich gestreikt wird, trifft das jeden! Auch die Post. Der Brief blieb erstmal verschwunden!

Nichts geht, nur Aftersale
Das heißt, man kümmert sich auch um die Kunden nach der Reise. Ich wurde kontaktiert, wie mir denn die Reise mit dem Thalys gefallen hat. Ich denke, ihr kennt alle meine Bewertung! Genau. Und siehe da, mir wurden 100 Euro auf meine Kreditkarte versprochen und zeitnah gezahlt. Ich war sofort wieder Fan. Gut, die Fahrkarte war deutlich teuer als 100 Euro, aber was soll‘s. Das Geld war ja nicht weg, sondern nur woanders.

Nur knapp einen Monat später schien sich das Volk in der Nachbarschaft zu beruhigen und wollte offenbar die Arbeit wieder aufnehmen. Eine gute Gelegenheit, die ausgeruhten Kollegen der OUI noch einmal anzurufen und mal zu fragen, wie es mit dem Fahrpreis aussieht. Und siehe da: Jade, die nette Damen von der Hotline, versprach alles zu erledigen und sendete kurze Zeit später die Nachricht: In den nächsten 20 Werktagen ist das Geld auf meinem Konto! Das war ja toll und 100 Euro Gewinn durch den Aftersale. Das heißt also:

Auf ein Neues
Den Vorgang mit der Buchung kannte ich ja schon, die Fahrkarten wurden geschickt. Der Rest ist übrigens auch bekannt. Drei Tage vor Abfahrt eine Mail: Die Fahrt geht bis Montpellier. Also doch etwas anders! Die Folge ist das Versagen mit dem Fußabdruck. Ich hab in Nullkommanix einen Flug gebucht, bin direkt am nächsten Tag geflogen – pünktlich und nach wenigen Tagen ebenso problemlos zurückgekehrt. Nur die Sache mit dem CO2 war nicht sooooooo prickelnd. Noch etwas war anders. Es hatte mich in Abwesenheit eine Mail erreicht! Der Zug würde doch fahren, da der Streik dann doch offenbar ein Ende gefunden hatte. Es gab trotzdem keine Schwierigkeiten mit der Fahrpreiserstattung, dieses Mal gab Madeline ihr OK.

Bahnreise, die DRITTE!
Beim dritten Versuch hatte ich Berlin gebucht. Eine nationale Fahrt vom schönen Westerwald in die Hauptstadt war geplant. Die Buchung im Internet war relativ problemlos, die Tickets zeitgemäß als Handyticket verwaltet (es sollte hier ja inzwischen bekannt sein, wie ungemein „hip“ ich bin *hüstel*) und ab ging die wilde Fahrt. Da die Wettervorhersage nicht die beste war, traf ich die sicherheitsgeprägte Entscheidung, lieber mit einer Bimmelbahn früher die Fahrt aus der Einöde anzutreten. Die Züge sind ja doch nie pünktlich! Allerdings nicht an diesem Morgen, so dass meine Umsteigezeit in Köln nicht 15 Minuten, sondern 75 Minuten betrug. Nicht so schlimm, so konnte ich mir noch etwas die Beine vertreten und in Ruhe einen „vorzüglichen“ (Ironie Ende) Kaffee gönnen. Pünktlich machte ich mich dann auf den Weg zum angegebenen Bahnsteig. Aber eben nur ich. Nicht der Zug.

Der nächste Zug, der mich nicht will
Der Zug sollte an diesem Tag nicht in Köln halten. Weshalb auch immer?!?! Vielleicht war er am Frankfurter Kreuz falsch abgebogen und direkt auf die Strecke nach Hagen geraten (an der Information wurde mir erklärt, ab Hagen könnte ich zusteigen) und da auf der Schiene genau wie auf der Autobahn nicht gewendet werden darf, fiel die Startmöglichkeit in Köln eben aus. Im Reisecenter sollte mir geholfen werden und bei Ankunft in den Räumen größter Kundenzufriedenheit wurde schnell klar: Nicht nur mir sollte hier geholfen werden, es wollten noch 2-3 weitere Kunden Berlin besuchen. Wie an der Metzgertheke – oder war es das Amt? – wurde schnellstens eine Nummer gezogen und wenige Minuten später durfte ich an den Schalter A1 – wohin sonst?! In Windeseile buchte der Kollege mir eine „neue“ Verbindung und es sollte mit nur geringer Verzögerung weitergehen. Noch kürzer war nur die Zeit bis zur Ernüchterung. Der flinke Bahnkollege hatte mir einfach nur andere Plätze in dem Zug gebucht, der ausfallen sollte. Ein bekannter FDP-Politiker hätte vielleicht gesagt: Lieber nicht buchen, als falsch buchen! Ich war erstaunt, was die IT der Bahn alles auf die Beine stellt. Da konnten Plätze in Zügen gebucht werden, die gar nicht fahren. Werden die Geisterplätze genannt, in Geisterzügen? Also wieder zu meinem Kumpel am Schalter A1 und das Ganze bitte noch einmal, nur diesmal richtig. Die Nachricht war nicht so erfreulich: Die nächste buchbare Verbindung ging erst in 2 Stunden ab Köln.

„Ihre Umsteigezeit beträgt aktuell 200 Minuten“
Dank meines Sicherheitsbedürfnisses hatte ich jetzt knapp 200 Minuten Umsteigezeit. Das schafft ein Grandpa selbst mit Rollator spielend, nur schön ist es nicht. Allerdings wurde mir gleich ein Fahrgastrechte-Formular eingepackt. Die Reise gab es jetzt zum halben Preis. Was Geld und Bahn betrifft, hab ich offenbar ein Händchen! Gut, so war noch Zeit für einen weiteren Kaffee und … Nach nur wenig mehr als 3 Stunden Aufenthalt in Köln geschah etwas Unglaubliches! Der Zug kam, ich stieg ein und ich fuhr mit einem Zug. Beinahe wären ein paar Tränen vor Rührung gekullert. Aber ich konnte mich gerade noch zurückhalten. Eine gewisse Normalität kehrte auch schnell wieder ein. Die Anzeige der Wagennummer und Sitzplätze stimmt nicht, es gab einiges an Verwicklungen bis die richtigen Plätze gefunden wurden, die wunderschönen Monitore im Gang mit allerhand Informationen blieben bis auf ein zeitweises Flackern weitestgehend schwarz, aber ich fuhr, bis nach Berlin.

Die Angst vor der Rückfahrt…
…war zunächst unbegründet. 3 Minuten Vorsprung in Hannover und wenn der ICE laut Anzeige mit >250 Stundenkilometern durch die Gegend hämmert, ist das schon beeindruckend. Kurz vor Köln wendete sich das gute Blatt. Es war Stau auf der Strecke – laut Bahn-App. Wir verloren Minute um Minute und in Köln fehlten von den 14 Minuten Umsteigezeit bereits 10 Minuten. Die Entspannung wich einer immer größer werdenden Unruhe. Wildes Gehetze auf dem Bahnhof sorgte dafür, den Anschlusszug zu erreichen. Nass geschwitzt suchte ich einen Platz, um dann festzustellen, auch auf der nächsten Strecke ging es auf Grund anderer Probleme nicht voran. Mit nur 15 Minuten Verspätung ging es Richtung Heimat. Alles wieder entspannt. Ich war froh aus dem Lautsprecher den Heimatbahnhof zu hören. Also entspannt zum Ausgang und beim Einfahren in den Bahnhof erkannte ich schon unser Auto mit meinem Schatz darin – ein Traum. Der Zug hält, aber die Tür lässt sich mit dem verdammten Knopf nicht öffnen. Ein zerrissener gelber Zettel hing an der Tür!?!? Die Fetzen zusammengefügt ergab die Nachricht: Diese Tür ist nicht funktionsfähig. Oh nein, also wieder die Beine in die Hand genommen, quer durch den Waggon und die nächste Tür erreicht. Puh sie öffnet noch. Endgültig von der Bahn in die Freiheit entlassen erkenne ich: „Ich bin zu alt für diese Schei….!“ LG, Euer Grandpa

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