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Politik
Unternehmensrundreise führte durch den oberen Westerwaldkreis
Ungeahnte Chancen. Unter diesem Motto hätte die Unternehmensrundreise zum Thema „Beschäftigung von Menschen mit einer Behinderung im Westerwald“ stehen können. Dabei wurden auf Einladung des Forums Soziale Gerechtigkeit im oberen Westerwaldkreis fünf Stationen besucht. Dazu zählte mit zwei Wirtschaftsunternehmen, zwei Inklusionsfirmen und einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) das gesamte Spektrum, in dem Menschen mit einem Handicap Arbeit und Beschäftigung finden können.
Station 1: OptiServ Bad Marienberg. Fotos: Uli SchmidtWesterwaldkreis. Bei der abschließenden Auswertung nach einem ganzen Tag voller Gespräche und Erkenntnisse, meinte Landesbehindertenbeauftragter Matthias Rösch, der mit der Expertengruppe des Forums unterwegs war: „Wir haben heute viele Mut-macher entdeckt, aber auch viele Herausforderungen erkannt“. Dagmar Theis, Leiterin der Viweca, der Abteilung für Arbeitsmarktintegration der Caritas-Werkstätten, bestärkte die positiven Eindrücke mit individuellen Beispielen gelungener Integration: So konnten in den vergangenen Jahren 35 Werkstattbeschäftigte im Rahmen des Budgets für Arbeit auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt werden.

Erste Station war die Inklusionsfirma OptiServ der AWO-Gemeindepsychiatrie in Bad Marienberg, in der insgesamt bis zu 90 Personen in einer dreigliedrigen Ange-botspalette beschäftigt werden. „Dies geschieht bei uns niedrigschwellig in der Tages-stätte über Tätigkeiten mit einem Motivationsgeld bis zu tariflich entlohnter Arbeit in der Inklusionsfirma“, so Einrichtungsleiter Otmar Schneider. Als Einrichtungsleiterin im südlichen Kreisteil wies Melanie Meurer darauf hin, dass mit Zahlung des Entlastungsbetrages der Pflegeversicherung in Höhe von 125 Euro monatlich die Hilfen im Haushalt immer mehr nachgefragt werden. Als Zukunftsobjekt können sich beide den Betrieb eines Bauernhofes vorstellen.

An der zweiten Station durften die Exkursionsteilnehmer in Müschenbach ein ebenso nachhaltig wie inklusiv arbeitendes Unternehmen kennenlernen: den Garten- und Landschaftsbaubetrieb Jörg Deimling. Der inklusive Ansatz erfordere zunächst Energie, sei aber ein großer Gewinn für alle: „Wir haben zusammen in der Firma tolle Vorhaben realisiert, die der Teambildung und der Betriebskultur gleichermaßen dienlich waren“, so Deimling, der das Unternehmen mit seiner Frau führt. Er hat zwei Mitarbeiter mit einem Handicap ausgebildet, die zu Stützen des Betriebes geworden sind. Bedauert wurde, dass das Unternehmen mangels Bewerbungen auf offene Stellen nicht so wachsen kann, wie es die Auftragslage eigentlich ermöglicht. „Deshalb müssen wir das Potential von Menschen mit einer Behinderung weiter ausschöpfen“, so Jörg Deimling.

„Hier ist meine Welt, hier haben wir Verantwortung und eine interessante Arbeit“. In dieser Einschätzung stimmten zwei Mitarbeiter im REWE-Supermarkt in Hachenburg überein, die dort auf einem Außenarbeitsplatz über die Caritas-Werkstätten beschäftigt sind. Beide wohnen in Hachenburg und sind im Markt voll integriert, wie sie den Gästen stolz berichteten. „Beide sind top!“, meinte der stellvertretende Marktleiter Thorsten de Lall. Über viele soziale Projekte berichtete Sophie Alterauge von der REWE-Unternehmenskommunikation, die auch darauf hinwies, dass im Gesamtkonzern die Beschäftigungsquote von 5 Prozent für Menschen mit Behinderung erfüllt wird. Sie wies darauf hin, dass das Unternehmen immer offen ist für Außenarbeitsplätze, Praktika oder bei entsprechender Eignung auch feste Einstellungen von Menschen mit einem Handicap.

In Unnau, dem früheren „Dorf der Schildermacher“, wartete dann mit der SIGNUM Fahrzeug-Sicherheits-Technik GmbH der nächste Gastgeber der Rundreise. Dort wurde noch kein Mitarbeiter mit Behinderung fest eingestellt, aber zwei Beschäftigte der Rotenhainer Caritas-Werkstätten sind in regelmäßigen Abständen bei Signum tätig. „Die beiden haben schon viele Gefahrgutschilder zusammengebaut und es gab bis heute keine einzige Reklamation“, so Prokurist Jan Prause, der sich auch für Festeinstellungen offen zeigte. Interessiert zeigt er sich an dem „Budget für Arbeit“, das die Arbeitsaufnahme von Werkstattbeschäftigten mit einem laufenden Zuschuss von bis zu 70 Prozent fördert. Nach einem Betriebsrundgang waren alle Gäste der Meinung, dass sich das erfolgreiche Unternehmen gut für dieses Modell eignet.

Vor wenigen Wochen feierte die Caritas-Werkstatt in Rotenhain ihr 25-jähriges Jubi-läum. Dabei konnte sie sich mit ihren 130 Beschäftigten der Öffentlichkeit als verlässli-cher Partner der Wirtschaft präsentieren. Besonders interessierte die Gäste einige in-novative Arbeitsplätze, die der werkstatteigene Vorrichtungsbauer entwickelt hat: Dadurch eröffnen sich neue Möglichkeiten der Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit multiplen Handicaps. Betriebsleiter Günter Keßler äußerte die Hoffnung, dass durch ähnliche Maßnahmen des Vorrichtungsbaus auch in normalen Wirtschaftsbetrieben viele Arbeitsplätze für Menschen mit einem Handicap zugänglich gemacht werden können. „Warum soll in der Wirtschaft nicht möglich sein, was wir diesbezüglich an innovativen Ideen schon umsetzen“, so Keßler.

Bei dem abschließenden Auswertungsgespräch mit allen Beteiligten in der WfbM Rotenhain informierte dann Simone Wehmeier von der Agentur für Arbeit in Montabaur über die Arbeitslosigkeit schwerbehinderter Menschen im Westerwaldkreis. Sie bedauerte, dass die Arbeitslosigkeit Schwerbehinderter im Westerwaldkreis nicht so stark zurückgegangen ist wie die Gesamtarbeitslosigkeit. „Handlungsbedarf sehen wir auch in der Tatsache, dass bei der letzten Zählung von 2.036 mit Behinderten zu besetzenden Pflichtarbeitsplätzen in heimischen Unternehmen und Verwaltungen nur 1.364 besetzt sind“, so die Mitarbeiterin des Reha-Teams der Agentur.

Forderungen von Forumssprecher Uli Schmidt nach der Rundreise:
 Das Budget für Arbeit, mit dem der Lohn von Werkstattbeschäftigten mit bis zu 70 Prozent gefördert wird, muss von mehr Unternehmen genutzt werden.
 Bei vielen Menschen mit einem Handicap scheitert eine erfolgreiche Arbeitsaufnahme an der fehlenden Mobilität: mit dem ÖPNV ist das Problem nicht zu lösen, weshalb über andere individuelle Beförderungsmöglichkeiten nachgedacht werden muss. Dafür könnte Geld in die Hand genommen werden, welches mit einer erfolgreichen Arbeitsintegration wieder eingespart wird.
 Menschen mit einer Behinderung sind oft besser qualifiziert und besonders motiviert: Diese Erkenntnis muss den Personalveranwortlichen in vielen Betrieben vermittelt werden.
 Mit einem innovativen Vorrichtungsbau können viele Arbeitsplätze in Wirt-schaft und Verwaltungen mit einem Menschen mit Behinderung besetzt werden. Das Integrationsamt berät und unterstützt entsprechende Vorhaben finanziell.
Dies alles würde dazu beitragen, den wachsenden Personalbedarf zu decken!

Weitere Infos gerne unter uli@kleinkunst-mons-tabor.de.
       
Nachricht vom 07.10.2019 www.ww-kurier.de