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Kultur
Lebens- und todesprall: Vea Kaiser las aus ihrem neuen Roman
In der ausverkauften Galerie der Hähnelschen Buchhandlung in Hachenburg stellte die österreichische Bestsellerautorin Vea Kaiser ihren neuen Roman vor. In „Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger“ geht es im Fiat Panda von Wien auf den Balkan. In Rückblenden erzählt Vea Kaiser dabei episodenhaft die Geschichte der Familie Prischinger.
Vea Kaiser las in Hachenburg. (Foto: privat)Hachenburg. In der ausverkauften Galerie der Hähnelschen Buchhandlung in Hachenburg stellte die österreichische Bestsellerautorin Vea Kaiser ihren neuen Roman vor. Nach den Riesenerfolgen „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ und „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“ ist „Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger“ erneut eine tragikomische Familiengeschichte.

Im Panda von Wien auf den Balkan
Lorenz, arbeitsloser Schauspieler und total pleite, lässt sich von seinen Tanten Mirl, Wetti und Hedi überreden, den toten Onkel Willi in dessen Heimat Montenegro zu überführen. Im Fiat Panda, die Tanten im Fond und den tiefgekühlten und leidlich geschminkten Onkel auf dem Beifahrersitz, geht es von Wien auf den Balkan. Fast slapstickhafte Situationen entstehen, wenn man Grenzen passieren muss und Grenzbeamte davon abzuhalten versucht, sich den „schlafenden“ Beifahrer genau anzuschauen. In Rückblenden erzählt Vea Kaiser episodenhaft die Geschichte der Familie Prischinger.

Empathie und Wiener Schmäh
Im Mittelpunkt stehen die Biografien der Tanten, die in der Nachkriegszeit mit zwei Brüdern im russisch besetzten niederösterreichischen Waldviertel groß werden. Die drei sind durch den tragischen Tod des jüngeren Bruders, ihre gescheiterten Beziehungen und die Obsession, mächtige, fett-, mehl- und fleischhaltige Mahlzeiten zuzubereiten, eng verbunden. Aber auch das Leben von Onkel Willi wird erzählt, der eigentlich Koviljo heißt und in den montenegrinischen Bergen aufwächst, als Kind ans Meer zieht und dort auf einen neuen Vater und eine neue Schwester stößt. Vea Kaiser las und erzählte diesen lebens- wie todesprallen Familienroman und literarischen Roadmovie mit viel Witz, einer Riesenportion Empathie und einer gehörigen Dosis Wiener Schmäh. Das Publikum bekam zum Beispiel beiläufig mitgeteilt, welchen Beruf Vea Kaisers Ehemann ausübt. Der ist „Spatzidoktor“ – Urologe nämlich. Die Zuhörenden erfuhren im Lauf der Lesung viel über das soziale Umfeld der Familie Prischinger, über Wien und Niederösterreich und die historische und politische Einordnung der Romanhandlung.

Zwischen Gegenwart und Vergangenheit
Die Altphilologin Vea Kaiser erklärte natürlich auch Titel und Untertitel des Buches. „Rückwärtswalzer“, weil sich der Roman immer wieder zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her bewegt, gleichsam walzt. „Manen“ sind in der römischen Religionsmythologie die Geister der Toten, die auch in der Gegenwart aktiv sind, um die Hinterbliebene zu unterstützen und zu beraten.

Ein lebendiger Abend
Vea Kaiser hat nicht nur einen intelligenten, witzigen und nachdenklichen Roman geschrieben. Sie trägt ihre Texte auch kurzweilig vor. Der Abend war nicht zuletzt deshalb so lebendig, weil die Autorin vorm Publikum stehend agierte, ganz selten nahm sie das Stehpult in Anspruch. Das begeisterte Publikum in Hachenburg bedankte sich bei Vea Kaiser durch lang anhaltenden Applaus – eine beeindruckende Veranstaltung mit einer fabelhaften Autorin und einer der vielen Höhepunkte der Westerwälder Literaturtage 2019. (PM)
Nachricht vom 08.05.2019 www.ww-kurier.de