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Albert Schäfer aus Willroth stellte neues Buch vor
"F.W. Raiffeisen und die Arbeiterfrage" - so der Titel eines Buches von Albert Schäfer aus Willroth. Damit wird den umfangreichen Veröffentlichungen zum Leben und Wirken Raiffeisens eine bislang eher unbekannte Facette hinzugefügt. Eine Rezension von Josef Zolk.
Foto: Archiv AK-KurierWillroth. Albert Schäfer aus Willroth ist es erneut gelungen, eine Lücke in den Veröffentlichungen über Friedrich Wilhelm Raiffeisen zu schließen.

Raiffeisen wird häufig in seinem Wirken und seiner Wirkung verkürzt dargestellt, nämlich ausschließlich als „der Vater“ der Genossenschaftsidee im ländlichen Raum.
Natürlich ist die Entwicklung der ländlichen Genossenschaften ohne Raiffeisen nicht vorstellbar. Aber viele andere oft nicht bekannte Tätigkeitsfelder (z.B. Förderung von Schulbildung, Volksbildung, Straßenbau, Brunnenbau, Aufforstung) runden sein Werk erst ab und zeigen die Vielfältigkeit und Weitsicht seines Wirkens.

Zu den ebenfalls nicht im Fokus der Raiffeisen-Rezeption stehenden Wirkungsfeldern gehört seine Beschäftigung mit der Arbeiterfrage, wobei Raiffeisen den Begriff „Arbeiter“ sehr weit fasst (vgl. den Titel seines zentralen Werkes „Die Darlehenskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung, sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter“ Neuwied 1866). So subsumiert er auch die Kleinlandwirte unter den Begriff des Arbeiterstandes, weil er weiß, dass verschuldete Kleinbauern Gefahr laufen, in den Stand der Tagelöhner abzusinken, um sich dann zum ländlichen Proletariat zu entwickeln, nachdem man gerade nach 1810 von der Leibeigenschaft, dem Fron und dem Zehnt befreit war.

Albert Schäfer stellt die unterschiedlichen religiösen und (sozial)-politischen Ansätze zur Lösung der sozialen Umbrüche und Spannungsfelder der Arbeiterfrage im 19. Jahrhundert dar, wobei der evangelische Christ Raiffeisen wie selbstverständlich sich auch mit den Sozialanalysen und Zukunftsvorstellungen der katholischen Sozialreformer (z. B von Ketteler) auseinandersetzte.
Es wird sehr deutlich, dass Raiffeisen immer den einzelnen Menschen und nie eine grundsätzliche Systemfrage wie die sozialistischen, sozialdemokratischen oder kommunistischen Vordenker im Blick hatte. Sein Leitspruch „Was Ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt Ihr mir getan“. Mt 25,40) prägte ihn sein ganzes Leben. Wie Ketteler u. a. ging er davon aus, dass das Ideal der christlichen Nächstenliebe, die Kraft der Religion und eine ethische Nationalökonomie Basis der Gesellschaft sein müssen. Kirche und Staat sind für ihn unangreifbare, gottgegebene Institutionen zum Wohl der Menschen.

Deswegen lehnte er entschieden, wenn auch oft undifferenziert, Sozialisten, Sozialdemokraten und Kommunisten pauschal als Vertreter der „Umsturzpartei“ ab. In seinen Genossenschaften sah er Chancen zu einer umfassenden sozialen Absicherung der Arbeiterklasse und der Schaffung eines besitzenden Arbeiterstandes, der beste Schutz gegen die Umsturzpartei neben der Verwirklichung des Ideals der tätigen Menschenliebe.

Dies hat Albert Schäfer mit vielen Verweisen auf Zeitgenossen sehr scharf herausgearbeitet, wobei gerade auch die Hinweise auf Professor Adolf Held, den Bonner Ordinarius für Staatswissenschaften, den man als „spiritus rector“ Raiffeisens (so Albert Schäfer) bezeichnen kann und der über den 1873 gegründeten „Verein für Socialpolitik“ über einen bedeutenden Einfluss verfügt, besonders wertvoll sind.

Albert Schäfer rundet sein Heft mit sorgfältig ausgewähltem Bildmaterial ab. Auch wer sich bereits intensiv mit Friedrich Wilhelm Raiffeisen beschäftigt hat, hat großen Nutzen durch die Lektüre dieser Broschüre.
Zu erhalten ist das Buch bei den Geschäftsstellen der Westerwald Bank und der Raiffesen- und Volksbanken.
Nachricht vom 30.01.2014 www.ww-kurier.de