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| Nachricht vom 29.08.2026 |
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| Kultur |
| Zwischen Meerschweinchen und Meisterwerken: Nora Gomringers Lesung in einzigartiger Kulisse |
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| Katharina Keller bot mit der geräumigen Werkstatt ihres verstorbenen Mannes Frank Herzog am 28. August ein besonders schönes Ambiente für die Lesung der vielfach ausgezeichneten, aus Bamberg angereisten Autorin Nora Gomringer. Eichelhardt wurde so für kurze Zeit zum Nabel der kulturellen Welt. |
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Eichelhardt. Ihre Bekanntheit erlangte Nora Gomringer als Lyrikerin, Filmemacherin, Mitglied der A-capella-Formation „Wortart Ensemble“, Kuratorin und durch Opern- und Hörprojekte. Zudem leitet sie als Direktorin das Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg.
Nora Gomringer gestaltete ihre Lesung aus ihrem Roman „Am Meerschwein übt das Kind den Tod“, ein „Nachrough“ auf ihre Mutter. Die Autorin gestand, es sei eine unglaubliche Anstrengung für eine Lyrikerin, so eine lange Strecke an Prosa zu schaffen. In den Monaten während der Pflege sei sie des Schreibens unfähig gewesen, nur nächtliche Notate entstanden, die die Grundlage für das Buch abgaben. „Mit Mutter war auch meine Lektorin gestorben, der halbe Kosmos war weg.“
Gomringer las wortgewaltig zuerst ihre Erinnerungen an eine Polenreise mit der Mutter, die sich ihrer eigenen Geschichte widmete. Es war ein veritabler Roadtrip, bei dem die Mutter ihren Vater als Mitglied einer SS-Division entdeckte und der Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz in ihr einen immensen Willen auslöste, ihren Vater zu konfrontieren. Sie ergraute über Nacht.
Die Germanistin Nortrud Gomringer erholte sich vom Verlust des ersten Mannes durch ihr Studium des zweiten Mannes in Saarbrücken. „Sie hinterlässt drei Kinder und einen Bindestrich. Sie hinterlässt mir ihre Freundinnen, ihre Bibliothek, ihr Unbehagen. Ich schreibe ihr hinterher, als vermissende Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin.“ Noras Vater war der bolivianisch-schweizerische Avantgarde-Lyriker und ehemalige Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie. Ein gefeierter Künstler, der mit Kollegen wie Ernst Jandl und Günter Grass befreundet war. Nora ist die einzige Tochter des Ehepaares und Schwester von sieben älteren Halbbrüdern.
Die Rezitation der Autorin geriet sehr unterhaltsam durch pointierte Betonung, Gestik und sehr persönliche Zwischenbemerkungen. Ganz wie die Mutter, die Heine liebte: „Sie selbst rezitierte Gedichte ganz oder in Auszügen gerne und gekonnt. Sie machte Pausen und ließ die Worte satt und rund, groß und bedeutungsvoll schmachtend klingen. Sie sprach Silben gelängt und machte Pausen, gestikulierte – selbst beim Fahren – und sie lächelte beim Sprechen, was die schönsten Effekte erzielte, von naiv-fröhlich zu bitterböse.“
Viele persönliche sowie allgemeingültige Erfahrungen im Todesfall verzeichnete die Schriftstellerin, zum Beispiel sichtbares Dilemma durch vierzig Kilo Übergewicht und dreißig neue Teile im Schrank. Das Problem des Auf- und Ausräumens der elterlichen Wohnung ist ein schwieriger Ablösungsprozess. Trauern ist wie das Möblieren des inneren Hauses, und ein sterbender Kühlschrank erweckt Erinnerungen an kindgerechte Speisen.
Nortrud Gomringer promovierte über Lionel Feuchtwanger. Für ihre Mutter schrieb Nora Gomringer das ironische Gedicht „Lion turnt“, dessen Rezitation besonders anschaulich und lustig war.
Im Kapitel „Meerschweinchen markieren meine Kindheit“ berichtet die Autorin vom Verlust mehrerer Kleinnager und dem immer noch an ihr nagenden Schuldgefühl. „Die Meerschweinchen waren meine ersten Toten.“ Den titelgebenden Ausspruch äußerte ihre Mutter auf die Frage einer anderen Mutter nach der Sinnhaftigkeit von Haustieren.
Da das erste Meerschweinchen von einem Rottweiler erlegt worden war, hatte Katharina Keller die Lesebühne mit einem Rottweilerkopf und zwei Meerschweinchen aus der Holzskulpturensammlung ihres Mannes dekoriert. Auch für leckere Pausensnacks hatte die großzügige Gastgeberin gesorgt.
Vor der Lesung hatte Keller zu einer kostenlosen Führung durch das weitläufige Anwesen eingeladen. Drei Jahre Aufräumarbeit liegen auch hinter ihr, nach dem Tod des Ehemanns und Künstlers Frank Herzog. Seine Hinterlassenschaft umfasst unzählige bemalte Holzplastiken, Bilder und Materialskulpturen. Die versierte Kunstförderin, die erfolgreich in München kuratierte, hat die umfangreiche Kunstsammlung ihres Mannes in einer Halle thematisch in Regalen geordnet und in einer Halle eine Ausstellung mit Werken von Sophia Süßmilch, die für skandalöse Kunst bekannt ist, Veronika Veit mit „mutierten Wesen“, Fotografie von Otto Piene und der Gruppe ZERO, Bogomir Ecker, der Baumaterialien irgendwo entnimmt und andernorts wieder einsetzt und weiteren. Einige ausgewählte Werke von Frank Herzog mit politischen Aussagen wie „Der Tod des alten Männchens“, „Trauer“ oder „Robert Oppenheimer“ sind neben Kurzfilmen ebenfalls ausgestellt. Claudia Holzingers „König Ludwig“ empfängt Besucher bereits am Tor. Katharina Keller zeigt die Ausstellung gerne nach Absprache.
Nora Gomringer war von dem künstlerischen Ambiente und der herzlichen Gastgeberin sehr angetan und versprach, wiederkommen zu wollen.
Weitere Veranstaltungen des Westerwälder Literatursommers sind zu finden unter www.ww-lit.de. htv
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